Joe M.

Tradition und Lüge

Frau Lubna Hussein, Journalistin in der sudanesischen UN-Mission in Khartum, wurde wegen „Verletzung des islamischen Dresscodes" zu 40 Peitschenhieben verurteilt. Das Tragen von Hosen als muslimische Frau war ihr Verbrechen. Daumendicke Nashornlederpeitschen (die man sonst auch im Sudan nicht mal Pferden zumutet) würden zur Züchtigung der „unanständigen" Mädchen und Frauen verwendet, so Frau Hussein in einem Interview. Die barbarische Auslegung des islamischen Rechtes wird in über 20 Staaten praktiziert. Allah ist gross!

Bei Menschenrechtsverletzungen in fernen Ländern wird gerne auf unsere abendländisch-christliche Kultur mit ihrer langen Tradition der Barmherzigkeit und Nächstenliebe verwiesen. Der Glaube an Jesus Christus und ein Leben im Sinne der Bibel werden als Garant für ein friedvolles und ethisches Zusammenleben ausgelegt. Trotz christlich motiviertem Gutmenschentum: Die Geschichte des Abendlandes lässt nicht erkennen, dass die Menschenrechte zu ihren vornehmsten Traditionen gehörten. Gottes Wege sind unergründlich!

Den Zusammenhang zwischen unserem demokratischen Rechtsstaat und dem christlichen Glauben in Frage zu stellen, wird oft als persönlicher Angriff empfunden oder als Verletzung religiöser Gefühle ausgelegt. Wer sich als nichtgläubig zu erkennen gibt, muss in unserer Gesellschaft (noch immer) damit rechnen, als gottlos im traditionellen Sinne angesehen zu werden: kein Anstand, keine Moral, womöglich Satan oder dem Bösen schlechthin verfallen. Stellt sich dann heraus, dass Freidenker verantwortungsvoll handeln und nichts mit dem Teufel zu tun haben, wird es für die religiöse Gemeinde schwierig, diese Menschen den dunklen Mächten zu entreissen und auf den Pfad der Tugend zu führen. Der Ungläubige ist in einem religiösen Umfeld kaum zu fassen und bietet den Gottesfürchtigen auch nicht die Möglichkeit, grosszügig und selbstgerecht interreligiöse Toleranz walten zu lassen.

Die ersten Christen im alten Rom wurden als Atheisten bezeichnet, weil sie die Götter der Römer ablehnten. Heute bezeichnen Christen sowohl Freidenker als auch Agnostiker als Atheisten (und hier lauert die Ironie), weil diese nicht an ihren Gott glauben. Ob an einen oder an mehrere Götter zu glauben, was macht schon der Unterschied? Die Katholiken betreiben ja mit ihrer Heiligenverehrung auch eine Art von Pantheismus.

Christentum, Islam und Judentum haben dieselben Wurzeln: Sie berufen sich auf Abraham als ihren Stammvater und verehren seinen Glauben und Gehorsam, weil er auf Gottes Befehl seinen einzigen Sohn Isaak, den er liebte, als Brandopfer umgebracht hätte. Wenn diese Religionen schon in ihrem Ursprung einen religiösen Fanatiker und solch verabscheuungswürdige Taten verehren, was beklagen wir uns denn heute über Fundamentalismus, Selbstmordattentäter und Menschenrechtsverletzungen?

Ich sehe mich als Humanist, der Dogmen mit Absolutheitsanspruch ablehnt und jede Art menschlichen Leidens verurteilt. Abraham ist definitiv nicht mein Vorbild und Jesus ist vermutlich vor 2000 Jahren für irgendetwas und irgendjemanden gestorben, aber sicher nicht für mich. Dieses gebetsmühlenartige Predigen der christlichen Nächstenliebe und Barmherzigkeit als einzig wahre Grundlage für ein ethisches und verantwortungsvolles Leben nervt und ich könnte es durchaus als Verletzung meiner areligiösen Gefühle empfinden.

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