Thomas Philipp

Nochmals, Versöhnung mit der Vergangenheit – Versöhnung mit der Gegenwart?

Wenn man sich versöhnt, alten Streit hinter sich lässt, wieder miteinander redet, ist das gut. Wie viel leichter ist es, einen Streit eskalieren zu lassen als ihn zu beenden! Ja, es ist Aufgabe des Papstes, den Verirrten, auch den Piusbrüdern barmherzig nachzugehen und ihnen so weit als eben noch möglich entgegenzukommen. Aber zu welchen Bedingungen?

Was ist mit den Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, welche die Piusbrüder bisher scharf ablehnten? Aus katholischer Sicht sind Reformierte heute nicht mehr Ketzer, sondern Geschwister. Die anderen Religionen haben ein Recht auf freie Ausübung. In manchen Bewegungen der Geschichte findet die Kirche den Heiligen Geist: im Eintritt der Frau ins öffentliche Leben, oder in der Erklärung der Menschenrechte durch die UNO. Sich selbst versteht die Kirche nicht länger als rechtliche Pyramide, sondern als Gemeinschaft in Vielfalt. Das sind wichtige Lehrentscheidungen. Es ist Unsinn, wenn die Piusbrüder dem Konzil einen nur seelsorglichen, zweitrangigen Charakter zusprechen. Ob man das Konzil liebt oder verabscheut: es gehört zum Weg des Gottesvolkes durch die Zeit.

Das Konzil hat die Katholiken verändert: so wie ein Mensch aus einer Liebe nicht so herauskommt, wie er hineingegangen ist. Es ist eine Öffnung geschehen, es haben sich Berührungen ereignet, die bleiben. Was die klärenden Schritte des Konzils für heute bedeuten, wie sie genau zu verstehen sind: darüber darf man streiten. Die Frage ist dabei nicht, ob die Kirche in Kontinuität oder Bruch zu ihrer Geschichte steht – das bliebe selbstbezogen –, sondern wie sie heute erfahrbar den Menschen dient. Gott will allen Menschen wohl; also soll die Kirche sich so geben, dass möglichst alle diese gute Botschaft spüren.

Was ist mit dem klerikalen Rechtsradikalismus der Bruderschaft? In Deutschland, Österreich, besonders in Frankreich sind sie mit dem politischen Rechtsradikalismus vernetzt, etwa bei Wallfahrten ans Grab des als Nazikollaborateur verurteilten Marschalls Pétain. Von wichtigen Kadern sind antijüdische Sprüche belegt; sie beten für die Bekehrung der treulosen Juden. Die Ablehnung von Demokratie und Menschenrechten ist allgegenwärtig. Weil hier ihr guter Ruf gefährdet ist, haben die Katholiken ein Recht zu erfahren, wie Rom diesen Sumpf trockenlegen will. Und warum gilt Barmherzigkeit nur dem rechten Rand, aber nicht, zum Beispiel, Menschen, deren erste Ehe zerbrochen ist? Immer weiter rückt der Vatikan die Kirche nach rechts aussen. Immer enger dreht sich alles um die Kirche, die Priester und ihre Rechte: da stehen sich Papst und Bruderschaft durchaus nahe. Darf ein Studierendenseelsorger es aussprechen: die Massen bei den Jugendtreffen mit dem Papst sind vor Ort eine winzige Minderheit? Für fast alle jungen oder suchenden Menschen wird das Bild der Kirche immer fremder, immer unlesbarer. Das ist nicht gut.

Es fällt schwer, mit in der Versöhnung nur die milde Absicht des Papstes zu sehen. Immer weiter entfernt Rom die Kirche von einem einfühlenden, nicht nur von aussen urteilenden Gespräch mit sehr vielen Katholiken, mit dieser Zeit, mit dem Gottesgeist, der nach katholischer Lehre in ihr verborgen wirkt und gesucht werden will. Das ist nicht recht. Sehr viele von uns Katholiken wollen als volljährige Träger des Schöpfergeistes (Gal 4) ernst genommen werden. Wir wollen keine Schafe sein. An der real existierenden Kirchenleitung findet unsere Hoffnung immer weniger Halt. Verlieren wir also den Zusammenhang nicht aus den Augen! Als fast nur die Priester lesen und schreiben konnten, konnten sie sich mit gewissem Recht als die eigentlichen Träger der Kirche fühlen. Trotzig verstärkte die Gegenreformation diesen Klerikalismus. Aber natürlich kann die Kirche in einer gebildeten Gesellschaft nicht bestehen, wenn sie alle Macht bei den Priestern konzentriert.

Mögen Papst und Piusbrüder die Kirche noch etwas länger ins Getto ihrer Scheinwelt sperren! Der Gottesgeist, das lehrt uns die Geschichte und noch mehr unser Glaube, ist erfinderisch und auf Dauer stärker auch als grossräumige menschliche Selbstverschliessung.

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