Simon Pfeiffer

Syrische Höflichkeit

Höflichkeit, zuvorkommende Freundlichkeit ist das, wofür die Syrer in den Nachbarländern und bei Reisenden bekannt sind. Man sagt zwar, es sei nicht mehr wie früher und die althergebrachten Umgangsformen und freundlichen Gesten seien am Verschwinden. Dennoch war ich als an kalte und hektische Anonymität gewohnter Europäer vom alltäglichen warmen, respektvollen Umgang sehr überrascht.

Natürlich sah ich auch die Grenzen davon, etwa die Verachtung für Menschen, die aus der Gesellschaft herausgefallen sind wie junge ledige Mütter oder ungeliebte Zuwanderer aus armen Ländern Afrikas oder Südostasiens.

Überraschend war für mich, dass ich in einem Minibus-Taxi von einem Geschäftsmann gelobt wurde, als ich für eine alte Frau die Türe aufhielt. Scheinbar hat er das von einem Westler wie mir nicht erwartet.

Meinen Freund Hussein habe ich unterdessen in der Schweiz wiedergesehen (s. Blog November). Alle meine Spekulationen griffen daneben. Er hat sich in eine Schweizerin verliebt, die in Damaskus eine Freundin besuchte, diese sich auch in ihn; und nach einiger Zeit Minne im Orient haben die beiden beschlossen, zu heiraten und sich in der Schweiz niederzulassen. Hussein ist jetzt also fast ein Nachbar, verglichen mit der langen Distanz Zürich-Damaskus vorher.

Wieder zur syrischen Höflichkeit: Wir trafen uns am Bahnhof Bern. Bereits hier ein überschwänglich lachender Hussein, ganz im Kontrast zum Rest der Menschenmenge im Bahnhof. Ganz Syrer, auch in der für ihn neuen Umgebung übernahm er sofort die Führung, wies mich zur Buslinie, die ich bereits seit Jahren kenne, und nahm mich mit in sein neues Heim. Im Bus reichte es ihm nicht, zu stehen und den übrigen Fahrgästen die Sitze zu überlassen. Nein, der hagere Kerl sah noch einen Mann mit schwerem Rollkoffer und musste diesem unbedingt den Koffer in den Bus hieven. Ich schätzte den nicht hoch betagten Mann kräftiger als meinen syrischen Freund. Aber eben. Als der Mann den Bus verliess, ging das natürlich nicht, ohne dass Hussein ausstieg und dem Mann seinen Koffer draussen übergab mit den freundlichsten Wünschen für einen guten Tag. Natürlich erntete er Heiterkeit, und auch andere Fahrgäste verabschiedeten sich beim Aussteigen von ihm.

Mir war das leicht peinlich. Wieder einmal hatte mir ein hier Fremder gezeigt, wie ich in meinem Umfeld viele lachende und freundliche Gesichter provozieren könnte. Das Zauberwort nennt sich Höflichkeit – und Lächeln!

Ein anderer syrisch-kurdischer Freund, dem ich die Episode im Bus erzählte, fand die Höflichkeit Husseins das Natürlichste der Welt. Er habe sich zwar an vieles gewöhnt hier in der Schweiz, aber den fehlenden Respekt im täglichen Umgang könne auch er nicht tatenlos hinnehmen.

Die Schweiz, ein Entwicklungsland?

Gastfreundliche Kirche oder Mission? - Oder vielle...
Besuch aus Syrien

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