Simon Pfeiffer

Sprachloses Verlangen

Verlangen

Mit dem Aufblühen der Gärten und dem Summen der Bienen hat die Hochzeitssaison wieder begonnen. Paare finden sich, feiern sich, und wer nicht in einer Paarbeziehung steht, geht vermehrt aus, schaut sich um, präsentiert sich, oder tummelt sich im Internet. Das Verlangen steigt wie der Saft in den Obstbäumen. Sogar Früchte verströmen einen Hauch Erotik. Haut wird gezeigt und erhält mit Hilfe der Sonne den idealen Teint. Gleichzeitig liest man, dass Geschlechtskrankheiten wieder auf dem Vormarsch seien, dass Paare entweder nicht über Sex sprechen oder wegen einschlägigem Medienkonsum kaum noch Lust auf körperliche Zweisamkeit haben. Oder dass junge Menschen mechanisch nachspielen, was sie auf Pornoplattformen gesehen haben, aber kaum das machen, wozu sie selber Lust hätten.

 

Im Vorfeld der Erotikmesse in Zürich hat ein Pornoproduzent und ehemaliger Darsteller in einem Zeitungsinterview betont, wie wichtig es sei, vor einer sexuellen Begegnung miteinander zu sprechen: „Was magst du?" – „Wo magst du es?" – „Wie heftig magst du es?" – „Was magst du nicht?" – „Wie signalisierst du, dass es dir reicht?" Alles wichtige Fragen. Aber wie von Pfarrpersonen wird offenbar auch von Sexpartnern erwartet, dass sie Gedanken und Gefühle lesen können und immer adäquat reagieren.


Wenn Religion für die Menschen da ist, müsste sie doch auch Hilfestellungen bieten, sich in der schwierigen und wunderbaren Welt der Sexualität zurecht zu finden, ob in fester Partnerschaft oder nicht. In der Kirche über sexuelle Vorlieben sprechen? Wohl doch eher Warnungen und Negativempfehlungen, was alles zu unterlassen sei. Im Religionsunterricht habe ich die eher schematische biologische Aufklärung für meine Jugendlichen hie und da mit etwas Verhütungsmittelkunde und ein paar ethischen Richtlinien für positive sexuelle Begegnungen ergänzt. Aber wahrscheinlich blieb es trotz der festen Absicht, möglichst unverkrampft zu wirken, meistens bei ein paar Verhaltensregeln und Warnungen.


Dabei könnte Reden über Sex so lustvoll sein – und etwas, was mindestens so stark zu einer Paarbeziehung gehört wie das hautnahe körperliche Miteinander. Inspiriert vom Hohelied könnten die verschiedenen Körperstellen benannt und ihre Schönheit und Einzigartigkeit gelobt werden, wilde Fantasien könnten kreativ verbal entwickelt werden, ohne dass gleich jede Verrenkung auf der Matte ausprobiert werden muss, und ebenso wie ein „oh jaa" muss auch ein „ach nein" positiv aufgenommen werden.


Religiöse Sprache kann helfen, sich im Leben in Hochs und Tiefs zurecht zu finden. Zum Umgang mit dem Tod leisten viele Religionen wertvolle Arbeit und bringen auch Unausgesprochenes und Schwieriges zur Sprache – ein wichtiger Schritt zur Bewältigung. Vielleicht müssten die Religionen auch eine positive und sinnliche Sprache zur Sexualität heute finden.


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