Joe M.

"Scharia versus Finanzmafia?"

In der Bibel steht: „Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat" (Matthäus 13.12). Genau so ist die wirtschaftliche Realität. Wer Kapital hat, dem fliesst zusätzliches Kapital in Form von Zinserträgen zu. Wer kein Kapital hat, dem wird auch noch das wenige, das er hat, mittels Zinslasten genommen. Die Folgen dieses katastrophalen Zusammenhangs zeigen sich am deutlichsten im Verhältnis der Industrieländer zu den Entwicklungsländern. Die Zinserträge, die aus dem armen Süden in den reichen Norden transferiert werden, sind um ein Vielfaches höher als die Entwicklungshilfe, die in umgekehrter Richtung fliesst. Die Milliarden Dollar an Spenden, die die Industrieländer jährlich für die Dritte Welt aufbringen, reichen den armen Ländern gerade, ihren Zinsverpflichtungen für ca. 2 Wochen nachzukommen. Die restlichen 50 Wochen ist das Zusammenkratzen dieser Gelder ihr eigenes Problem – vom Zurückzahlen der Kredite ganz zu schweigen. Das heisst also, die Spendengelder, die von allen Hilfsorganisationen des Nordens in einem Jahr zusammengebracht werden, sind nach kurzer Zeit wieder bei uns. Sie landen aber nicht wieder in den Taschen der Spender, sondern allesamt auf den Konten der Kreditgeber, die bereits seit Jahren ihre leistungslosen Zinserträge einstreichen. (Helmut Creutz, Geldtheoretiker).

Natürlich findet diese skandalöse Umverteilung von Arm auf Reich nicht nur auf globaler Ebene statt, sondern auch innerhalb der reichen Industrieländer. Von den 78 Milliarden Euro, die von der EU bisher aus dem ersten Hilfspaket an Griechenland ausbezahlt wurden, flossen seit April 2010 rund 75 Milliarden direkt in die Hände der Banken und andere privaten Gläubiger. Die Reichen, die Superreichen erhalten die ganzen Gelder der Steuerzahler. Dafür sparen sich die vielen Menschen der privaten Haushalte in die Armut, in die Arbeitslosigkeit, in die Perspektivlosigkeit. (Sarah Wagenknecht, Bundestagabgeordnete).

Vor 4000 Jahren bis zu Christi Geburt war es für alle Staaten der Welt normal, Schulden einfach zu löschen, wenn sie zu hoch wurden. Auch bei den Sumerern, in Babylon oder Ägypten, überall wurde ein glatter Schuldenschnitt vollzogen, damit die Gesellschaft wieder neu entstehen konnte. Das war leicht in einer Gesellschaft, in der der Staat der Hauptgläubiger war. Sehr viel schwieriger wurde es, wenn die Geschäfte und Kredite vom Staat in die Hände von privaten Oligarchen übergingen. Das letzte, was die wollten, war ein König, der durch einen Schuldenschnitt alle wieder gleichstellte. Der Römische Staat war der erste, der die Schulden nicht erliess. Damals galt: Schulden bleiben Schulden, du wirst nie zurückbekommen, was wir dir nehmen. Auf diese Weise entstand das düstere Mittelalter und so wird es wiederkommen, wenn die Gesellschaft nicht eine Kapitalkonzentration in den Händen der Finanzwelt verhindert. (Michael Hudson, Wirtschaftshistoriker).

Oligarchie bedeutet, dass eine Handvoll Leute grosse politische Macht durch ihre Wirtschaftskraft gewinnt. Oligarchie verbinden wir eher mit ärmeren Ländern. Doch dieses Bild ist veraltet. Heute haben wir oligarchische Strukturen auch in den USA. Die wirtschaftliche Macht hat der Finanzsektor erlangt, die Wall Street sozusagen. Und diese Macht wurde dazu benutzt, in Washington Einfluss auszuüben für eine Deregulierung, um freiere Hand zu bekommen – ohne Einschränkungen seitens der Regierung. So liess sich noch viel mehr Geld verdienen, was wiederum noch mehr politische Macht mit sich brachte. Das ging eine ganze Weile so, bis es zum grossen Knall kam. Die Banker können sich nicht bremsen. Sie gehen massive Risiken ein und zahlen sich absurde Gehälter, bis zum Kollaps. Je mehr vernünftige, verantwortliche Leute – ganz gleich welcher Fraktion – das erkennen, desto eher lässt sich die Macht dieser ausser Kontrolle geratenen Finanzoligarchien beschneiden. (Simon Johnson, ehemaliger Chefökonom des IWF).

Jede Gesellschaft in der Geschichte der letzten 4000 Jahre hat erlebt, dass die Schulden schneller anwachsen als sie beglichen werden können. Das Problem ist eine kleine Oligarchie der obersten 10 Prozent der Bevölkerung, der das ganze Geld geschuldet wird. Diese 10 Prozent sollten die Schulden streichen. Aber das tun sie nicht. Die Oligarchie hat das Sagen. Sie würde eher den übrigen 90 Prozent das Existenzrecht absprechen als ihnen die Schulden zu erlassen. Sie würde eher den Planeten ausbluten und die Bevölkerung schrumpfen lassen als auf ihre Forderungen zu verzichten. Am liebsten würden sie die gesamten Staatseinkünfte eines Landes als Zinsen einstreichen. Die Zerstörung des Regenwaldes in Brasilien hat direkt mit der Finanzwelt an der Wall Street und in London zu tun. Statt einer Bankrotterklärung haben verschuldete Länder nämlich noch eine Option: Sie können ihre staatlichen Besitztümer veräussern, da liegt genug Kapital brach. Verkauft eure Wasserrechte, eure Wälder, eure Bodenschätze und Ölvorkommen! Und so verkaufen diese Länder ihre Ressourcen an Privatinvestoren und die erwerben sie auf Kredit. (Michael Hudson, Wirtschaftshistoriker).

Ökonomen sagen, rode den Wald und trage das Geld zur Bank, da bringt es dir 6-7%, in Malaysia oder Papua Neuguinea sogar 30-40%. Wen interessiert schon der Wald. Leg das Geld an oder investier in Fisch und wenn der weg ist, in Computer. Geld lässt sich mit allem machen. Kapital wächst schneller als die Realwirtschaft. Die Wirtschaftslehre ist losgelöst von der realen Welt, sie ist destruktiv. Sie stellt irgendwelche Werte in mathematische Gleichungen. Fragen sie mal einen Ökonomen, wo kommt in dieser Gleichung die Ozonschicht vor? Oder das fossile Grundwasser? Wo die Humusschicht und wo die Biodiversität? Dann wird er antworten, das sind Externalitäten. Es sind aber lebende Organismen, die Wasser in seinem natürlichen Kreislauf filtern, Mikroorganismen im Boden machen ihn fruchtbar. All diese Dienste der Natur – wie auch das Bestäuben der Pflanzen durch die Insekten – sind ausschlaggebend für das Leben auf diesem Planeten. Das nennen Ökonomen Externalitäten. Das ist verrückt, damit schaufeln wir uns das eigene Grab. (David Suzuki, Umweltaktivist).

Kürzlich wurde ich auf ein alternatives, religiös geprägtes Finanzsystem mit dem Namen "Islamic Finance" aufmerksam. Verfechter eines islamischen Finanz- und Wirtschaftssystems sind überzeugt, dass Islam und Moderne keinen Widerspruch bilden. Die religiösen Vorgaben aus dem Koran und der Scharia sind vielmehr auch Grundlage eines Systems, das weit mehr als das westlich-kapitalistische Wirtschaftsmodell ethische Werte in den Mittelpunkt stellt. Dazu zählen die gerechte Teilung von Risiken und die Förderung wirtschaftlich benachteiligter Mitglieder der Gesellschaft. Das Verbot von Zinsen, die Vorgabe, nur in real existierende Werte zu investieren und Geschäfte mit Schweinefleisch, Waffen, Glücksspiel und Pornografie zu untersagen, sind die Eckpfeiler dieses Modells. Auch das islamische Gebot der Wohlfahrt findet hier Anwendung. Statt einfacher Geldgeschenke werden zinslose Darlehen vergeben.

Ist "Islamic Banking" der häufig beschworene "Dritte Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus? Sind schariakonforme Investmentfonds die Antwort auf die Finanzkrise und den Ausfall der Regulierungssysteme? Oder sollten wir im Westen wieder vermehrt auf "Christliche Werte" setzen? God bless America. Banker und Politiker scheinen lediglich den am Anfang zitierten Bibelspruch verinnerlicht zu haben. Die Geldwirtschaft tut nichts anderes als Schulden anzulegen, zu verpacken, zu versichern und wieder zu verkaufen. Wenn's was abwirft, dann für die Reichen, für die immer Reicheren, die unanständig Reichen, die die nichts wirklich Nützliches herstellen. Und wenn's schief geht, zahlen immer dieselben, die die arbeiten, die die nie reich werden, die Ewigarmen. Politiker wacht auf, sagt, dass die Welt kein Casino ist sondern ein Ort wo wir leben und arbeiten. Stoppt die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit und die Zerstörung unseres Planeten durch die Habgier ein paar Weniger. Es muss doch in einem modernen Rechtsstaat Wege und Mittel geben, den Einfluss der Finanzmafia zu beschneiden ohne auf altertümlich-religiöse Gesetze zurück greifen zu müssen.

Wie mich der Vater evangelisiert hat
21. Dezember 2012 - Individuelle Entwicklung statt...

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