Simon Pfeiffer

Religion und Moderne?

In meinem Praktikum an einer Maturitätsschule fragte mich ein Student, ob denn der Islam sich überhaupt mit der modernen Zeit vertrage. Sehr gute Frage, aber kaum beantwortbar. Ich frage mich nach verschiedenen Lektüren gerade wieder einmal, wie sich Gottesglaube und modernes Weltbild überhaupt verträgt. Und weiter, wie ich meine allfälligen Erkenntnisse z.B. einer Gottesdienstgemeinde oder einer Schulklasse weitergeben kann. Dabei ist nicht das Problem, für eine immer grössere Menge sogenannt „Gläubiger" als ungläubig zu gelten, sondern relativ komplexe Gedankengänge so zu präsentieren, dass sie auch verstanden werden können, ohne dass man zuerst einen Meter Bücher gelesen haben muss.

Die Frage des Schülers würde ich heute mit einer Gegenfrage beantworten: Wie verträgt sich Stein oder Holz oder Filz mit der Moderne? – Kommt ganz auf die Form an. Der Faustkeil und die Steinaxt haben ausgedient, ebenso das Holzrad, und Filzhüte sind nicht gerade „in". Doch als Kiesunterlage für Strassen und Bahnlinien, als Balken für eine Dachkonstruktion oder als praktische Möbelunterlage haben alle drei Materialien noch grossen Wert und sind zum Teil sogar unverzichtbar. In geeigneter Form bieten die seit Jahrhunderten gebräuchlichen Materialien festen Grund, Schutz vor Witterung oder die Möglichkeit, seinen Lebensraum nach veränderten Bedürfnissen oder Krisen neu einzurichten und die „Einrichtungsgegenstände" zu verschieben.

Gerade die letzte Möglichkeit ist für die religiöse Ausstattung meines Lebens zentral. Falls ich merke, dass zuviel zubetoniert und versteinert ist, braucht es – ohne Bildersturm oder Bücherverbrennung – einen Kraftakt der Zerstörung, um alles von Neuem den aktuellen Umständen entsprechend wieder aufzubauen und einzurichten. Gerade Gottesbilder, Vorstellungen des Unvorstellbaren, müssen periodisch wieder zerstört werden, damit die Beziehung zum lebendigen Gott am Leben bleibt. Das Göttliche ist unfassbar, unbegreiflich und unaussprechlich. Jede Sprache davon ist provisorisch und muss immer wieder neu „erfunden" werden.

Versteinerte Religiosität gehört zertrümmert. Aus den Trümmern wird Neues wachsen, der Zeit Entsprechendes. Ausgangspunkt dafür ist das unfassbare Gegenüber, als das mir das Göttliche in der Welt begegnet. Wenn ich die Bibel lese, ist dieses Geschehen uralt, die Worte dafür müssen aber immer wieder neu gefunden werden. Dann passen sie in die aktuelle Zeit, vorübergehend.
Kraft
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