Joe M.

Reisebericht: Sahara Memories

Jung, abenteuerlustig und begierig die Welt kennenzulernen planten wir im Februar 1984 eine Reise durch die Sahara. Angesichts des Gefahrenpotentials einer Wüstendurchquerung wälzten wir ausgiebig Reiseführer und Kartenmaterial über Nordafrika. Die gewissenhaft durchgeführten Vorbereitungen – insbesondere der Umbau des VW Busses für den Offroad-Einsatz – nahmen mehrere Wochen unserer Freizeit in Anspruch. Mit Proviant für fünf Personen, Wasser-, Benzinkanistern und Sandblechen beladen, führte uns die Reise von der Schweiz nach Genua, mit der Fähre nach Tunis und von dort auf nordafrikanischem Boden weiter nach Algerien. Unser Ziel war die Trans-Sahara Zentralroute Richtung Süden bis zum Staat Niger. Die Unberechenbarkeit der Wüste und ihrer Bewohner bescherte uns eine beschwerliche, oft auch abenteuerliche Reise. Zurückblickend aber bleibt die Erinnerung an einen grossartigen Trip voller beeindruckender und lebendiger Erlebnisse.

Die grandiose Szenerie der ungeheuren Weite, die fast grotesk anmutende Stille die sogar das Geräusch der eigenen Schritte auf der weichen Sandfläche verschluckt, das Farbspiel des sich Kilometer um Kilometer verschiebenden immer gleichen und schier endlosen Horizonts – dies alles vermittelte uns das Gefühl grenzenloser Freiheit, aber auch Respekt und Ehrfurcht gegenüber der gewaltigen Natur. Da wir die Nächte in unseren Schlafsäcken unter freiem Himmel verbrachten, konnten wir staunend zur Milchstrasse mit ihrem Abermillionen von Sternen schauen die hier weit ab von störenden städtischen Lichtern mit faszinierender Intensität funkelten. Der drastische Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht liess die Staubpartikel aufstiegen und offenbarte uns ein Sternenmeer nie gesehener Grösse und Klarheit. Dieser Anblick war von bedrückender Schönheit und erreichte eine spirituelle Dimension, die zur Demut gewahrte. Gläubige Menschen würden wohl sagen, sie fühlten hier die Gegenwart Gottes besonders stark.

Nordafrika bot nicht nur atemberaubende Landschaften sondern konfrontierte uns auch mit der arabischen Kultur und speziell mit dem muslimischen Glauben. Wir lernten die Gastfreundschaft der einfachen Menschen sowohl in Tunesien als auch in Algerien auf eindrückliche und teils fast beschämende Art kennen. In Gesprächen mit der einheimischen (leider vorwiegend männlichen) Bevölkerung wurden uns die fünf Säulen des Islam erklärt: Das Glaubensbekenntnis zu Allah und dem Propheten Mohammed (1), das fünfmal tägliche Gebet gen Mekka (2), das Fasten im Monat des Ramadan (3), das Spenden an Arme und Bedürftige (4), die Pilgerfahrt nach Mekka (5). Auf diese Weise erfuhren wir, warum Gastfreundschaft gegenüber Reisenden eine wichtige Rolle im Leben eines Moslem einnimmt. Wir bekamen daher oft die Erlaubnis, unser Nachtlager auf privaten Grundstücken oder in Palmenhainen aufzuschlagen und folgten so mancher Einladung auf einen herrlich duftenden – zeremoniell aus möglichst grosser Höhe in ein Glas und zwecks Geschmacksoptimierung durch den Kontakt mit Luft wieder zurück in die Kanne gegossenen – Thé à la menthe.

Die schier unendlich erscheinende Kieselwüste im Norden, das schroffe Hoggar Gebirge im Süden, dazwischen sanft geschwungene, durch Licht und Schatten in Form und Farbe schillernd variierende Dünenlandschaften und nicht zuletzt bizarre Wüstenstädte wir Ain Salah machten den zauberhaften Reiz unserer Expedition aus. Als wir durch das Stadttor von Ain Salah fahren wollten war dieses geschlossen, weil grad eine haushohe Wanderdüne die Zufahrtsstrasse überquerte. Inschallah, so benutzen die Besucher eben den Osteingang der Stadt – vielleicht wird der Treibsand die versperrte Nordzufahrt in ein paar Monaten ja wieder freigegeben. Auf dem lokalen Campingplatz entdeckten wir zu unserer grossen Überraschung in einer kleinen Lehmhütte ein paar alte Schier, die – wie sich später herausstellen sollte – dem Zeltplatzbesitzer gehörten. Der stolze Wüstensohn erzählte uns von seinen rasanten Abfahrten auf sandigen Hügeln. Zur Unterstreichung seiner Aussagen kramte er einen vergilbten Zeitungsausschnitt hervor, der ihn mit Schiern und wehendem Turban auf einer grossen Düne abgelichtet zeigte.

Als wir unseren Wasservorrat für die nächsten Tage in die Plastikkanister gefüllt hatten, wurde uns schnell bewusst, warum der Name Ain Salah übersetzt „Salzige Quelle" heisst. Das Wasser schmeckte wegen des hohen Mineralgehalts scheusslich und wir tranken auf der Weiterreise Richtung Süden nur noch wenn es unbedingt nötig war. Um der Gefahr einer Dehydration ein wenig entgegenwirken zu können, erfanden wir nach Sonnenuntergang auf unserem jeweiligen Lagerplatz ein spezielles Würfelspiel: Der Verlierer musste einen Becher „Ain Salah" in einem Zug leeren! Die salzigen, alkoholfreien Extradrinks auf der mehrtägigen Etappe Ain Salah bis Tamanrasset sorgten an jenen Abenden für eine ausgelassene Stimmung. Wer „Glück im Spiel" hatte oder seine „Spielschulden" nicht einlöste, wurde tags darauf mit dunkelgelbem Morgenurin an seinen drastischen Flüssigkeitsmangel erinnert.

In Tamanrasset warteten wir auf dem Campingplatz tagelang auf das in der ganzen Stadt knapp gewordene Benzin für die Weiterfahrt. Weil die strategisch gelegene Wüstenstadt Ausgangs- und Treffpunkt vieler Saharareisenden ist, wurde uns die Warterei kaum langweilig. Wir trafen auf erfahrene Füchse, die schon das fünfte oder sechste Mal die Wüste durchquerten und blutige Anfänger wie wir, die froh um jeden Reisetipp waren. Man tauschte Erfahrungen aus, wusch die Kleider und war erstaunt, wie schnell der heisse Wüstenwind die nassen T-Shirts trocknete: Wir konnten sie nach dem Aufhängen gleich wieder von der Leine einzuholen. An manchen Tagen hatte es in der nahegelegen Bar des Touristenhotels ein horrend teures Bier im Angebot – Preis und Anzahl der Flaschen richteten sich nach der lokalen Versorgungslage. Als sich herumgesprochen hatte, dass die Tankstelle wieder beliefert wurde, bildete sich eine lange Autoschlange von Einheimischen und Touristen vor der einzigen Zapfsäule und jeder versuchte, seinen Tank plus ein paar Ersatzkanister mit dem wertvollen Treibstoff zu füllen.

Zirka 200 km südlich von Tamanrasset – also auf halbem Weg zur Grenze zum Niger – kam uns auf der holprigen Sandpiste plötzlich ein Konvoi von staubigen Landrovern und alten Peugeots entgegen. Wie es in der Wüste so üblich ist, hält man an, erkundigt sich nach dem Befinden, fragt ob jemand Hilfe braucht, gibt Tipps zur Route oder berichtet über besondere Vorkommnisse. Auf diese Weise erfuhren wir, dass die Grenze zum Niger wegen des spontanen Staatsbesuchs eines hohen Regierungsbeamten für zwei Wochen geschlossen wurde. Da die Gültigkeit unserer Visa nur ein kurzes Zeitfenster für die Einreise in das Land vorsah, wäre Warten vor dem Schlagbaum des Grenzpostens im öden Wüstengebiet keine Option gewesen – das Datum des Stempels wäre in der Zwischenzeit verfallen. Mit Wehmut erinnerte ich mich an die Beantragung der Visa auf der „Ambassade du Niger" in Paris: Das Nachreichen von immer wieder neuen Schutzbriefen und Unfallversicherungen und das endliche Ausstellen der Einreisepapiere hatte mich fast eine Woche Wartezeit gekostet. Nach dem fünften „à demain" blieb ich einfach bei der resoluten Vorzimmerdame sitzen, bis der Botschafter Zeit hatte und ich im Besitz der letzten Unterschriften war.

Durch das mehrmalige Steckenbleiben im losen Sand der immer ungenauer verlaufenden Piste und dem mühsamen Freischaufeln des überladenen VW Busses sowie der zeitweiligen Ungewissheit, ob wir uns schon noch auf der Hauptpiste befanden und nicht auf einem der vielen Seitenstränge, die ins Niemandsland führen, waren wir zermürbt und insgeheim froh, dass wir umkehren mussten. Einige der Markierungspfosten, die alle fünf Kilometer den Weg hätten weisen sollen, waren umgefallen, so dass uns für zehn Kilometer die Ungewissheit plagte, nicht doch von der Route abgekommen zu sein. Bereits wenige Kilometer abseits der Nord-Südroute hätte uns niemand gefunden – bei einer Autopanne dort auf Hilfe zu warten, bedeutete den sicheren Tod. Funkgeräte waren strengstens verboten weil die südliche algerische Sahara auch als militärisches Übungsgebiet genutzt wurde und GPS war damals noch nicht für jedermann verfügbar.

Auf der Rückfahrt Richtung Norden waren wir auf ein Fest bei den Tuareg eingeladen. Die Tuareg (der Name bedeutet „von Gott verstossen") sind ein Berbervolk, das in den unwirtlichsten Gegenden der Sahara lebt. Die Männer in ihren indigofarbenen Gewändern mit den prestigeträchtigen, sorgfältig gewickelten Turbanen veranstalteten Pferderennen, trugen Waffen und schossen bei ihren Tänzen mit lautem Gebrüll in die Luft. Die Frauen bevorzugten Kleidung in Weiss oder Schwarz und ihre Hände und Füsse waren mit filigranen Hennamustern geschmückt. Sie feuerten die Männer mit spitzen Schreien und Händeklatschen an. Man ass gemeinsam Couscous mit Kamelfleisch aus einem grossen Topf und achtete darauf, nur die rechte – als rein geltende – Hand zu gebrauchen. Wir probierten im Sand gebackenes Brot und der heisse, mit reichlich Zucker gesüsste Thé à la menthe (Whisky berbère) war stets willkommen. Auf einem Höhenzug nahe dem Festplatz entdeckten wir Frauen, die mit ihren Händen den nackten Felsenboden berührten. Sie glaubten, in den durch Wind und Wetter ausgewaschenen Vertiefungen die Fussabdrücke Mohammeds erkennen zu können.

Zurück im Norden Algeriens führte uns die Reise nach Ghardaia – einer „heiligen" Stadt, wie man uns erzählte. Die Bewohner hielten sich strikte an das Gebot des fünfmal täglichen Gebets, fotografieren war untersagt. Für uns Europäer einigermassen schockierend: Die Frauen trugen eine besonders hässliche Form der Verschleierung, die ihnen nur ein Auge frei liess. Obwohl wir uns nach wochenlangem Aufenthalt in Nordafrika an den Anblick verschleierter Frauen gewöhnt hatten, schien uns diese Art der extremen Verhüllung doch sehr diskriminierend. Auf der Suche nach einer Herberge trafen wir auf eine Gruppe junger Männer, die uns anboten, in ihrem Haus wohnen zu dürfen. Wir nahmen dankend an und wunderten uns schon bald, warum keine Frauen im Haushalt anzutreffen waren. Erst später erfuhren wir, dass die Anwesenheit fremder Männer zusammen mit einheimischen Frauen unter einem Dach undenkbar war. Die jungen Burschen schickten also ihre Mutter und Schwestern einfach aus dem Haus, damit sie uns ihre Gastfreundschaft anbieten konnten.

Wir kochten gemeinsam, holten unsere Musikkassetten aus dem VW Bus und hörten Jazzrock. Die jungen Moslem hatten ihrem Spass mit unseren westlichen Sounds, rezitierten gelegentlich religiöse Gesänge aus dem Koran und verschwanden regelmässig in die nahegelegene Moschee zum Gebet. Sie erzählten uns die Geschichte von der Hochzeitsnacht, wonach die Braut am Morgen als Beweis ihrer Jungfräulichkeit ein blutbeflecktes Laken aus dem Fenster hängt – wiesen aber augenzwinkernd darauf hin, dass in gewissen Situationen mit Hühnerblut der Ehre der Brautfamilie genüge getan werden müsse. Ich ging damals eigentlich davon aus, die Täuschung des Ehemanns über das Vorleben seiner Auserwählten sei eine Legende aus Tausendundeiner Nacht, wurde hier jedoch eines besseren belehrt. Bei den Tuareg, die wir eine Woche zuvor kennenlernten, müssen die Frauen nicht jungfräulich in die Ehe gehen und es sind die Männer, die ihr Gesicht verhüllen.

Meine damalige Freundin war blond, gutaussehend und von einnehmendem Naturell. Dies bescherte ihr gierige Blicke von Männern jeglichen Alters. Ob junge Burschen oder zahnlose Greise: Alle wollten ihre Hand halten oder versuchten sie zu küssen. Die verschlingenden Blicke der lokalen männlichen Bevölkerung waren für sie geradezu physisch spürbar und ich konnte gut nachvollziehen, wie unangenehm diese verzehrende Begierde auf die Psyche einer jungen Frau wirken musste. Es schien mir so, als hätten diese Männer nie gelernt, einen entspannten, kollegialen Umgang mit (unverschleierten) Frauen und Mädchen zu haben. Ihr verzerrtes Frauenbild entstand vermutlich aus dem kulturell geprägten Verständnis, dass unverheiratete Frauen, die ohne Vater oder Brüder verreisen, von zweifelhaftem Ruf und daher leicht zu haben sind. Obwohl sich meine Freundin im Verlauf der Reise als meine Ehefrau zu erkennen gab, versuchte trotzdem ein junger Tunesier, ihr heimlich einen Liebesbrief zustecken. Der Dreistigkeit nicht genug, er bat mich auch noch, ihr den Brief zu übersetzten.

Die jungen Maghrebiner, die wir im Verlaufe unserer Nordafrikareise kennenlernten, versuchten den Spagat zwischen der islamischen Tradition und westlichen Wertvorstellungen. Sie liessen uns die tiefe Verwurzelung in die patriarchalischen Strukturen ihrer Religion gewahr werden, die den Ausschluss der Frauen im öffentlichen Leben und die an Hymen-Kult grenzende Bewahrung der Jungfräulichkeit vorschreibt. Wie in den meisten islamischen Gesellschaften lebte auch die junge Generation nach den strengen Regeln des Koran mit den täglichen Gebeten und der Einhaltung des Fastenmonats. Sie wurde aber auch mit den Verlockungen der scheinbar unbegrenzten westlichen Freiheiten konfrontiert – sei es durch die Oberflächlichkeit amerikanischer Hochglanzfamilien in US-Fernsehserien oder dem negativen Einfluss des vor allem in Tunesien stark wachsenden, sich in Richtung Ballermann entwickelnden Tourismus. Das Bild, welches die Jugend Tunesiens und Algeriens dabei von westlichen Frauen vermittelt bekam, war meines Erachtens höchst klischeehaft und von falschen Vorstellungen geprägt und erinnerte mich an eine Fata Morgana, wie wir sie gelegentlich in der gleissenden Sonne über dem flirrenden Sand in den endlosen Weiten der Sahara zu Gesicht bekamen und uns die Sinne zu verwirren drohte.

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