Thomas Philipp

Reden? Mit den Christen?

Man kann den Eindruck haben, die Christen seien unrettbar an vereinnahmende Kommunikation gebunden. Glauben sie nicht, die Wahrheit zu kennen, so dass sie aus dem Besserwissen gar nicht herausfinden können?

Hier verbirgt sich ein kniffliges philosophisches Problem. Wie kann ein Mensch dem anderen überhaupt etwas mitteilen, was ihm wichtig geworden ist? Denn je mehr Gewicht er auf jenes Wichtige legt, desto weniger Raum findet der Andere. Desto weniger kann er es annehmen. Macht also eine zu offensichtliche Kommunikation die Frohe Botschaft unverständlich?

Ja, meint der renommierte Bischof von Poitiers, Albert Rouet. „Wir sind doch nicht die einzigen, die ihre Identität ausdrücken wollen. Je mehr wir auf unserer selbsternannten Einzigartigkeit herumreiten, desto weniger einzigartig ist sie. Einzigartig nennt sich heute jedes beliebige Waschmittel! Es ist ja das einzige, das grüne, rote und weisse Wäsche zugleich waschen kann ...“

Mit einer Journalistin, die in Madrid war, spreche ich über ihre Erfahrungen. Es schält sich ein Bild heraus von einem Kreis junger Menschen, meist knapp zwanzigjährig. Den Blick nach aussen, trotzen sie wie ein Mann allen Angriffen von aussen. In der Mitte stehen Wörter, die sie verteidigen, ein ganzer Turm von Wörtern, grossen und kleinen, sorgfältig aufeinandergetürmt. Diesen Turm verteidigen sie, und der greise Mann in weiss verkörpert sie …

Eine derart massive, in sich geschlossene Identität stellt sich selbst an den Rand. Gerade indem sie einzigartig zu sein behauptet, reiht sie sich ein in den grossen Chor der Einzigartigen, dem niemand mehr zuhört, auch wenn er immer lauter auf sich aufmerksam macht. Diese Kommunikation verhindert die Kommunikation der Frohen Botschaft.

„Beim französischen Fernsehen gibt es heute noch Arbeiterpriester, als Beleuchter, Tontechniker, Hilfsarbeiter. Auf der Bühne erscheinen sie nicht: sie gehören zu denen, die unsichtbar bleiben. Einen Star-Priester akzeptiert unsere Gesellschaft ja gern. Aber wenn er Tontechniker ist, interessiert er niemand. Aber die anderen Techniker und Hilfsarbeiter können den Priester nur verstehen, wenn er sich mit ihnen verbirgt. Indem er schweigt, spricht sein Dienst. So soll die Kirche kommunizieren. Wenn sie von aussen kommt, wie es alle Welt tut, entsteht die falsche Art von Beziehung. Diese Art, sich breit zu machen, sich vorzudrängen und das Wort zu ergreifen, passt allzu gut zum üblichen Stil. Wenn die Kirche eine platte Lesbarkeit, eine zu starke Identität vor sich her trägt, die nicht wirklich Platz hat für den anderen, steht die Kirche neben sich. Sie stellt sich an den Rand der Gesellschaft, gerade indem sie den Mittelpunkt beansprucht. Es gibt ein Paradox des allzu Sichtbaren, allzu Massiven, das nicht darüber nachdenkt, wie eine Beziehung zum anderen entsteht.“ (A.Rouet, J’aimerais vous dire, Montrouge 2009, 149 ff. Eine deutsche Übersetzung wird 2012 bei Herder erschienen).

Christliche Werte
Koan

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