Joe M.

Parental Advisory - Explicit Content

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Religionsunterricht in der Primarschule noch eine ernstzunehmende Angelegenheit. Nicht umsonst wurde das Fach im Zeugnis an erster Stelle benotet – noch vor Lesen, Rechnen und Schreiben. Da ich in den ersten drei Klassen während den alttestamentarischen Märchenstunden besonders gut aufpasste, erhielt ich in Religion immer die Bestnote. Ich konnte die bizarren Fantasiegeschichten aus Ägypten und Mesopotamien ohne Mühe nacherzählen und in der Bibelstunde alle Fragen des Lehrers beantworten. In der 2. Klasse durfte ich dann sogar bei der Schulaufführung des Krippenspiels den Josef spielen und mit Maria in der Turnhalle auf Herbergssuche gehen. Leider kam es aber nie zur Hauptaufführung, da in unserem Bauerndorf kurz vor Weihnachten die Maul- und Klauenseuche ausbrach, was wiederum dazu führte, dass die Schule für drei Wochen geschlossen wurde.

Eines Tages war im Religionsunterricht die empörende Geschichte von Sodom und Gomorra an der Reihe. Inzwischen war ich nicht mehr so leichtgläubig wie noch als Erstklässler, als ich an der Richtigkeit des Gebaren Gottes kaum zweifelte – vor allem nicht, wenn diese archaischen Sagen um die göttlichen Eingriffe in das Leben der Menschen von einer Autoritätsperson (wie der Lehrer damals noch war) erzählt wurden. Wir lernten also in der Schule, dass die Bewohner besagter Städte Furchtbares verbrochen hatten und Gott darum Männer, Frauen und Kinder mit Feuer und Schwefel umbringen musste. 


19:24 Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen von Himmel herab auf Sodom und Gomorra. 19:25 und kehrte die Städte um und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.

Ich fragte damals den Lehrer, welche schlimmen Sünden die Menschen denn begangen hätten und ob auch die Kinder so böse waren, dass sie den Tod verdienten. Unser rechtschaffener Lehrer versuchte daher redlich, die lasterhaften Zustände zu benennen, die damals geherrscht haben sollen. Von allgegenwärtiger Unzucht und zügellosen Ausschweifungen erzählte er uns. Darunter konnten wir uns als Schulkinder aber kaum etwas vorstellen. Ich erahnte vielmehr das Leid in den verbrannten Städten, sah Tod und Vernichtung von Mensch und Tier vor meinem geistigen Auge. Diese Bilder beschäftigten mich als sensiblen Schüler eindringlich und die barbarische Bibelepisode stimmte mich sehr nachdenklich. Ich fand das Handeln Gottes ungerecht und gemein und das Gleichnis liess mich nachdrücklich an der Wahrhaftigkeit dieses zornigen, unerbittlichen Gottes zweifeln.

Galt denn das 5. Gebot „Du sollt nicht töten" für Gott etwa nicht? Warum stellte er Regeln für uns Menschen auf und hielt sich selbst in keiner Weise dran? Wenn ein Schöpfergott die Kreatur Mensch nach seinem Abbild erschuf, warum vernichtete er sie dann wieder wegen (s)eines „Konstruktionsfehlers"? Hatte der allwissende, allmächtige Gott keine anderen Mittel gefunden, die Menschen auf den rechten Pfad zu führen? Heute weiss ich jedoch, dass diese Gräueltaten eines gütigen Gottes unwürdig sind und dass Jahwe auch nur eine Schreckensgestalt wie Huitzilopotschtli – der mit Menschenopfern verehrte Kriegsgott der Azteken – ist. Oder handelt es sich beim alttestamentarischen Mördergott um die Urversion von Frankenstein?

Eine weitere, abartige Passage dieser Geschichte hatte uns der Lehrer aber nur vage angedeutet, weil er ihr vermutlich beim besten Willen auch nichts Positives abgewinnen konnte. Der von Gott zur Rettung ausgesuchte und also in den Augen Gottes ehrbare Lot bot dem Pöbel, der über die beiden Besucher (gemäss der Bibel waren es Engel, die zum Schutze von Lots Familie von Gott befohlen wurden) herfallen wollte, seine Töchter an:

19:8 Siehe, ich habe zwei Töchter, die haben noch keinen Mann erkannt, die will ich herausgeben unter euch, und tut mit ihnen, was euch gefällt; allein diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Daches eingegangen.

Lot, der von Gott Auserwählte, stellte sich also nicht vor die Tür und sagte: „Nehmt mich, ich bin schon alt, aber verschont bitte meine Töchter, sie sind doch noch so jung und unschuldig". Nein, der gottgefällige Mann hatte seine beiden jungfräulichen Töchter zur Massenvergewaltigung freigegeben. Weil die Weiber ihren Männern untertan waren, wurde Lots Frau auch gar nicht erst gefragt, ob ihre Töchter anstelle der beiden Besucher geschändet werden sollen. Der patriarchalische Gott hielt scheinbar sowieso nicht viel von Frauen, darum liess er Lots Weib dann ja auch zur Salzsäule erstarren. Warum musste die arme, gedemütigte Frau sterben, nur weil sie zurückschaute, fragte ich mich als Schüler.

19:26 Und sein Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule.

Schau nicht zurück! Diese Art von sinnlosen Verboten findet man in vielen alten Sagen. Wurden sie übertreten, hatte das katastrophale Folgen für die Unfolgsamen. Dabei ging es immer um Machtdemonstration despotischer Herrscher oder Götter und um Unterdrückung der Völker. Die alten Tyrannen wussten Bescheid: Eingeschüchterte und geknechtete Menschen lassen sich besser beherrschen als stolze, freie Bürger. Die strafenden, eifersüchtigen Götter, das dualistische Weltbild um Gut und Böse, die alten Geschichten von Schuld und Sühne – alles menschgemacht und instrumentalisiert von tyrannischen Herrschern in einer Zeit der Barbarei, Sklaverei und Völkermord.

Das alte und neue Testament bilden ja angeblich die Quellen der Weisheit, daher muss man diese „Heiligen Bücher" wohl oder übel lesen. Doch kann uns „Das Wort Gottes" ein Vorbild sein? Jeder weiss, die Bibel enthält brutale, menschenverachtende und rassistische Texte, die der heutigen Ethik krass widersprechen. Moderne Kinderbücher sind bei weitem ethischer und besser geeignet, Heranwachsende für Empathie, Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Wertschätzung von Mensch und Tier etc. zu sensibilisieren als die archaischen Bibelgeschichten. Die Bibel mit ihren barbarischen Texten gehört in der Primarschule eigentlich auf den Index und müsste mit dem Kleber „Parental Advisory - Explicit Content" versehen werden.

Als junger Erwachsener habe ich die Geschichte von Sodom und Gomorra dann wieder in der Kirche bei der sonntäglichen Predigt vernommen. Der Pfarrer schwatzte von nicht zurückschauen im Zorn und interpretierte die in ihrer Grausamkeit und Abartigkeit einmalige Geschichte soweit um, „…von wegen zur Salzsäule erstarrt bedeute nicht das Ende, ein Engel komme zurück und hauche der Frau wieder Leben ein". Lernen die angehenden Pfarrer im Priesterseminar, wie man alte Horrorgeschichten schönredet oder vermittelt das Theologiestudium wie aus Leid plötzlich Freude wird und wie sich ein Verbrechen zur Heldentat verklärt? Ich kann Völkermord absolut nichts Positives abgewinnen – ob durch Gott in grauer Vorzeit oder durch menschliche Despoten in der Gegenwart verursacht.

Den pikanten Teil der Geschichte verschwieg sowohl unser Lehrer in der Schule als auch der schwadronierende Pfarrer in seinem kirchlichen Sermon: Dass die beiden Töchter anschliessend den alten Lot besoffen machten und in samenräuberischer Weise je ein Kind mit ihrem leiblichen Vater zeugten.


19:32 So komm, laß uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, daß wir Samen von unserm Vater erhalten. 

19:36 Also wurden beide Töchter Lots schwanger von ihrem Vater.

Dies wollte damals unser Lehrer seinen Schülern nicht auch noch zumuten und der Pfarrer als Hüter der (Schein-)Moral wäre vermutlich rot geworden auf der Kanzel beim Umdeuten und Schönreden dieser inzestuösen Bibelepisode.

Die Bibel - Illustration von Joe M.
Schweizer Hindu-Priester
Herr Pfarrer, was denkken Sie über Sex?

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