Simon Pfeiffer

Paradies und moderne Erziehungskunst

Apfel
Mit dem Erziehen unserer Kinder lerne ich laufend dazu. Eine wichtige Lektion war für mich, dass Nein-Botschaften oder gar Verbote denkbar schlecht ankommen und meistens eher zu Rebellion als zu Gehorsam führen. Dasselbe gilt für Appelle wie "Halt!" oder "Stopp!" oder ähnlich. Funktionieren tun solche drastischen Eingriffe in die Eigendynamik des Kindes eigentlich nur, wenn sie äusserst selten und wohldosiert eingesetzt werden.
Die erste wichtige Nein-Botschaft in der Bibel ist das Verbot: "Iss nicht von diesem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse – sonst musst du sterben." Was ist passiert? Der kindliche Mensch konnte letztlich nicht widerstehen. Die Drohung mit dem Tod hat nicht verfangen. Die Entdeckerleidenschaft war stärker. Nun sind Drohungen in der heutigen Pädagogik noch schlechter angesehen als Nein-Befehle. Kinder werden entweder dauerhaft in Angst und Schrecken versetzt oder sie merken eines Tages, dass hinter der Drohung nicht allzu viel steckt, und setzen sich in Zukunft munter über alle so gesteckten Grenzen hinweg.


Es liegt mir fern, Gott Ratschläge zu geben, aber wie wäre die Paradiesgeschichte wohl herausgekommen, wenn Gott den Menschen nicht mit Verbot und Drohung, sondern gewaltfrei mit einer empathischen Ich-Botschaft sein Bedürfnis kundgetan hätte? Gott hätte den Menschen die Verantwortung für ihr Tun übertragen.


Das hiesse dann etwa so: "Schaut hier den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Diesen Baum habe ich besonders lieb. Die Früchte daran sind echt starker Tabak und nicht sehr bekömmlich. Wir können gerne einmal über Gut und Böse sprechen, aber ich habe Sorge, dass ihr, wenn ihr zu früh die Früchte von diesem Baum esst, euer Leben vorzeitig beendet. Bitte, macht doch einen Bogen um diesen Baum!" Wenn die Menschen Gott nahe stehen und eine gute Bindung da ist, werden sie seine Angst teilen und den Baum ehrfürchtig aus Abstand bestaunen – wahrscheinlich, bis sie es dann doch besser wissen wollen. So ein besonderer Baum ist doch sehr interessant.


Vielleicht wäre schlauer gewesen, gar nichts zu sagen und die Kinder, äh Menschen, gut im Auge zu behalten. Gott hätte dann in dem Moment, wo die Menschen sich dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse allzu sehr nähern, zu ihnen treten können und sagen: "Ich sehe, ihr schaut diesen alten Baum da an. Die Früchte daran schmecken nicht besonders. Wollt ihr nicht lieber vom Baum der Schönheit dort drüben oder vom Baum der Fantasie dort hinten essen? Beide haben sehr schmackhafte Früchte, die euch bestimmt kein Bauchweh bereiten. Welchen Baum probieren wir zuerst?" Mit dieser tollen Wahlmöglichkeit wäre die Menschheit vielleicht heute noch kindlich und würde unter Gottes Obhut fantasievoll und in Schönheit vor sich hin leben wie im Paradies. 


Am nachhaltigsten im Lernprozess wirkt bei unseren Kindern das Eintreten einer logischen Konsequenz. Am modernsten wäre Gott am besten beraten, einfach die Folgen eintreten zu lassen, ohne zusätzliche, unnütze Strafen zu verhängen. Im Endeffekt hat sich die Geschichte wohl auch so zugetragen. Die Folgen sind eingetreten, also nutzen wir Menschen doch unsere Fähigkeit zur Erkenntnis!
Blaue Moschee trifft auf orangen Tempel

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