Simon Pfeiffer

Paradies auf Erden

Meine Seele lebt gut mit einem Kirchenbesuch pro Monat. Mein Körper dagegen braucht wöchentlich zwei Stunden Paradies. Wohldosierte Betätigung der Muskeln mit anschliessendem Dehnen und Strecken. Dann heisskalte Entspannung im Wellnessbereich. Zum Schwitzen an den Maschinen gibt es die Musik meiner Wahl vom iPod. Sauna und Dampfbad sind kleider- und handyfreie Zone. Ruhige Musik rieselt diskret durch das dekorative Grün. Die Luft ist drinnen wohlriechend und warm und auf der Terrasse frisch. Die Zeit läuft ohne Eile. Der Körper nimmt ungehindert von Kleidung die Form an, für die er geschaffen wurde. Die Seele baumelt. Der Geist verrechnet den gewaltigen Energieverbrauch der Sauna mit dem umweltfreundlichen Nachhauseweg zu Fuss. Schlechtes Gewissen? Vergeben. Die Entspannung zählt. Alles andere kommt nachher. Himmlisch.

Es geht mir wirklich gut, dass ich mir das an einem Werktagvormittag jede Woche gönnen kann. Und ich könnte mir noch mehr davon gönnen, denn das Abo schränkt die Anzahl Besuche pro Woche nicht ein. Es gäbe auch noch Zumba, Power Plate, Circular Training, Pilates, Yoga, Cycling, Body Pump, Rückenfit und Bauchtanz. Alles Möglichkeiten, sich noch himmlischer zu fühlen, noch gesünder, noch ausgeglichener. Doch etwas sollte man sich vielleicht auch noch für den „echten" Himmel aufsparen. Vor allem habe ich noch einiges vor im Leben. Da kann ich nicht nur auf dem Badetuch liegen.

Denn meine Trainings- und Entspannungsnachbarn, von denen ich nur wenige „richtig" kenne, gönnen sich zwar eine grössere Dosis Paradies. Sie unterhalten sich über Architektur, Reisen, Autos, Stereoanlagen, Mobiliar, gutes Essen, Ehepartner, die Tore des lokalen Fussballclubs, kurz über alles, was das Leben schön und angenehm macht.

Wir sind wirklich die Privilegierten. Wir können uns Gesundheit leisten. Wir können unsere Zeit einteilen. Wir können frisch von der Leber sagen, was uns beschäftigt, ohne die Angst, der andere könne ein Spitzel für einen der gefürchteten Geheimdienste sein. Wir können uns in Ruhe überlegen, ob es zum Mittagessen Birchermüesli oder doch lieber ein Filet sein soll. Wir leben im Himmel, wohlgeschützt durch eine Mauer und Wächterengel.

Neulich hörte ich zwei pensionierte Trainingskollegen nach dem Schwitzen liegend etwas diskutieren. Es ging auch um eine Art Himmel. 

„Die kommen einfach rein, und erhalten ihr Sozialgeld."

„Ja, und für die ist das mehr, als sie zuhause je verdienen würden."

„Für die ist das hier wie das Schlaraffenland."

„Klar, dass die nicht mehr arbeiten wollen."

„Die" sind hier und freuen sich an „unserem" Himmel. Mir verging das Wohlsein, mein Geist regte sich zum Widerspruch, egal, wer genau „die" sind, doch ich lag zu weit entfernt für einen Einwand in angemessenem Ton.

Es gibt noch viel zu tun. Raus aus diesem Himmel!

Koan
Sünde gegen den Heiligen Geist

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