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Willi Bühler

"Offene Weite - nichts von heilig"

Offene-Weite

Ich habe in den zehn Jahren meiner Unterrichtstätigkeit an einer Kantonsschule als Lehrer für bekenntnisneutrale Religionskunde viele interessante und aufgestellte Menschen kennen gelernt: Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegen, die Mitglieder der Schulleitung…


Aber trotzdem halte ich dieses Schulsystem für falsch.

Ich halte es für falsch, menschliches Wissen in Segmente zu zerschneiden, in sogenannte „Schulfächer". Ich halte es auch für falsch, reproduzierbares Standardwissen in sogenannten Prüfungen abzufragen und mit Zahlen, sogenannten „Noten", zu bewerten und so unter den Lernenden eine Konkurrenz zu schaffen, wo Kooperation viel wichtiger wäre.


Und vor allem halte ich die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch, in der man gezwungen wird, Sachen zu lernen nicht weil sie interessant sind, sondern weil man Angst vor einer schlechten Note hat. Erinnern wir uns doch daran, dass das deutsche Wort Schule eine Ableitung ist vom griechischen scholé, was nichts anderes heisst als Musse zu haben das zu lernen, was einen interessiert. Ist es nicht so: Sind wir motiviert und begeistern uns für etwas, dann lernen wir es in kürzester Zeit. Aber wenn uns etwas nicht interessiert, dann ist Lernen eine Qual, und wir tun das nur, weil sonst eine schlechte Note droht. Kein Wunder, wird zwangsgelerntes Wissen nach der Prüfung sofort wieder vergessen…


Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft. Ich könnte mir ein Bildungssystem vorstellen, welches das ganze Leben umfasst, in dem man sich nicht in Kindheit und Jugend das Gehirn vollstopft, sondern Bildung dann beansprucht, wenn man sich dafür interessiert und dafür reif ist. Je nachdem, wie sich die Gesellschaft entwickelt, werden viele, die jetzt studieren, später keine Lohnarbeit finden. Sie sollten das als Chance sehen das zu tun, was Sinn macht. Warum soll Hausarbeit, Kinder aufziehen, Gärtnern, Krankenpflege oder Strassenwischen weniger wert sein als ein CEO- oder Professorenjob?


Das Wie ist entscheidend, nicht das Was! Wer sich über Lohnarbeit und Prestige definiert weiss nichts mit sich anzufangen! Aufmerksame Achtsamkeit bei dem was man gerade hier und jetzt tut ist bei allen Tätigkeiten möglich. Wer die Uni abschliesst hat mindestens fünfzehn Jahre Schule hinter sich, fünfzehn Jahre Zwangsbeschulung, Entmündigung und geschützter Werkstatt. Schule und Uni boten einen Rahmen, der das Gesichtsfeld einengte. Rahmen können durchaus sinnvoll sein in einer Welt schier grenzenloser Freiheit. Die einen füllen den Rahmen, den ihnen die Schule bot, aus, andere kauern sich ängstlich in einer Ecke des Rahmens ein. Nach der Uni aber ist es höchste Zeit, diesen Rahmen zu sprengen und ins Freie zu gehen! Freiheit lernt man nur in Freiheit! 


Fast alles im Leben ist ungewiss, doch eine Sicherheit haben wir: wir alle werden sterben, früher oder später. Der Tod ist unser Schatten, unser tödlicher Begleiter, der uns eines Tages auf die Schulter klopfen wird. Nur der Tod zwingt uns, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter, so zu leben, dass wir einmal sagen können: OK, ich habe ein gutes Leben gehabt, ich bin bereit für das Unbekannte. Vielleicht können hier Religionen hilfreich sein mit ihrem Anspruch, über den Tellerrand hinauszuschauen.


Was mich an den Religionen fasziniert ist die menschliche Phantasie und Kreativität, etwas, das sich der menschlichen Sprache entzieht, wenigstens als Leerstelle poetisch zu umschreiben. Religion ist in meinen Augen die Fähigkeit, den Dingen und meinem Leben aus dieser unverfügbaren Leerstelle heraus, einen Sinn zu schaffen. Da wir alle phantasiebegabte Wesen sind, warum sollen wir diese Phantasie nicht dazu benutzen, unser Leben möglichst reich und grossartig zu gestalten?


Machen wir ein kleines Experiment: Versuchen wir und an den heutigen Tag zu erinnern. Gab es da nicht einen Moment, wo wir aus unserem Alltagstrott herausgerissen wurden? Das kann ein Lichtreflex sein in der Windschutzscheibe, ein ungewöhnlicher Vogelruf, ein kurzer Moment nur… Ein winziger Augenblick – und schon vergangen und vergessen. Ich behaupte jetzt, dass durch diesen Riss in der Zeit für einen kurzen Moment eine andere Welt aufblitzte. Der vor drei Jahren gestorbene Songpoet Leonard Cohen kannte diese blitzhafte Unterbrechung des Alltags als er schrieb: „There's a crack in everything, that's how the light comes in." („Es gibt einen Riss in allen Dingen, durch den das Licht eindringt"). Cohen wurde in eine jüdische Familie geboren. Fromme Juden glauben, dass jede Sekunde das Tor sein kann, durch das der Messias kommt.


Auch der englische Künstler-Dichter William Blake kennt diese Achtsamkeit für das Unscheinbare, er schrieb schon vor zweihundert Jahren: „If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite." („Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt sind wird alles so erscheinen wie es ist: unendlich.") 


Zusammen mit Cohen und Blake behaupte ich nun, dass dieser kurze Augenblick - jederzeit möglich, man braucht ihn nicht „mystisch" zu nennen - wichtiger ist als alle Maturazeugnisse dieser Welt. Das ist es, was der buddhistische Patriarch Bodhidharma dem chinesischen Kaiser zur Antwort gab auf die Frage, was das Geheimnis des Buddhismus sei: "Offene Weite – nichts von heilig" ...


Coverbildquelle: https://pixabay.com/de/photos/landwirtschaft-weizenfeld-wolken-1846341/ (Nutzer: Pexels, letzter Zugriff: 07.03.2019)

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