Krishna Premarupa das

Neid - Kummer des Herzens

Vor kurzem hörte ich ein Geschichte, die mich sehr zum Nachdenken anregte:
Es war einmal ein Mann, der auf der Suche nach Reichtum einen Geist im tiefen Urwald besuchte. Nachdem er für einige Monate jeden Tag Opfergaben für das Gespenst geleistet hatte, erschien ihm dieses unter einem alten Banyanbaum.

„Was willst Du?",fragte der Geist. Und der Mann antwortete: „Reichtum und Ansehen. Wann immer ich dich rufe, mögest du erscheinen und meine Wünsche erfüllen." Der Geist willigte bereitwillig ein - jedoch nur unter der Bedingung, dass er dem Nachbar jeweils doppelt so viel geben würde.


Als der Mann ins Dorf zurückkehrte, wünschte er sich vom Geist ein grosses Haus. Er war sehr zufrieden, als an Stelle seiner ärmlichen Hütte plötzlich ein gewaltiger, zweistöckiger Palast dastand. Doch als er zur bescheidenen Behausung seines Nachbarn schauen wollte, stand dort ein vierstöckiger Palast! Der Mann wurde neidisch und wünschte sich einen achtstöckigen Palast. Doch immer wenn der Geist einen seiner Wünsche erfüllte, bekam der Nachbar doppelt so viel...

Eines Tages konnte der Mann dies nicht mehr ertragen und heckte einen teuflischen Plan aus: Er rief den Geist und bat ihn, ihm ein Auge zu nehmen. So geschah es, und mit Genugtuung stellte er mit dem einen ihm verbliebenen Auge fest, dass seinem Nachbarn tatsächlich beide Augen fehlten.

Diese Geschichte zeigt uns in sehr anschaulicher Weise, wie fatal die neidische Haltung ist und zu welch extremen Wünschen sie einen Menschen treiben kann.
„Was ist Neid?", wurde der weise Kaiser Yuddhisthira einmal gefragt. Seine Antwort war sehr einfach und präzise: „Kummer des Herzens". Neid beruht auf der Fehlvorstellung, dass Liebe, Wohlstand, Wertschätzung etc. nur begrenzt vorhandene Güter seien. Der Neidische denkt: „Wenn jemand viel von diesen Gütern besitzt, bleibt vielleicht nicht mehr genug für mich übrig." Das ist die Ursache für seinen Kummer. Arthur Schopenhauer drückt dies sehr ähnlich aus: „Wir denken selten an das, was wir haben, sondern immer nur an das, was uns fehlt".


Wenn wir ganz ehrlich sind und einmal in unsere eigenen Herzen schauen, werden wir feststellen, dass auch wir noch so viel Neid empfinden.
Zwei Bekenntnisse der Demut machen dies sehr deutlich (man beachte, dass beide sehr fortgeschrittene Spiritualisten waren...):

Ein russischer Pilger mit christlichem Hintergrund klagt: "Ich habe keine Liebe zu meinem Nächsten. Wenn ich ihn wie mich selbst liebte, so würde sein Unglück mich treffen, sein Wohlergehen mich in Entzückung versetzen. Ich dagegen höre lieber mit Neugier Unglücksnachrichten über meinen Nächsten, werde davon nicht erschüttert, sondern finde daran irgendwie ein Vergnügen. Sein Glück entzückt mich nicht, wie mein eigenes es täte, sondern ruft in mir Neid und Verachtung hervor."

Bhaktivinoda Thakur, einer der bedeutensten Vaisnavas aus dem 19.Jahrhundert, meint: "Mitleid besitze ich nicht, es geht mir nur um meine selbstsüchtigen Interessen. Wenn andere glücklich sind, leide ich. Ich fühle die Neigung, andern zu schaden. Das Unglück Anderer ist für mich eine Quelle der Freude. Neid und Arroganz sind Schmuckstücke, die ich gerne trage."

Wie können wir frei werden von diesem Neid? - Wer ihn überwinden will, muss sich fragen, wo dessen Ursprung liegt...Der Ursprung des Neides liegt in unserer wichtigsten Beziehung - der Beziehung zu Gott.

Solange wir uns selber als den höchsten Geniesser und Kontrollierenden in unserem Leben ansehen und somit Gott aus Seiner natürlichen Position drängen, versetzen wir uns selbst aus dem Königreich Gottes in die Welt des Neides. Um den Neid zu überwinden, müssen wir zuallererst einmal unsere Beziehung zu Gott wieder herstellen. Sobald wir die natürliche Liebe verspüren, die in dieser Beziehung auf uns wartet, können wir auch alle Wesen als Teile Gottes erkennen. Dann werden wir in der Lage sein, uns über das Glück anderer zu freuen und werden von ganzem Herzen tätig sein, um das Leid anderer zu lindern.

Glauben aus heutiger Sicht
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