Kevin De-Carli

Natürlich, du hast absolut recht.

Natürlich, du hast absolut recht.

... epur si muove, [Name einfügen]!

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte beginnen. Auf der Strasse streiten sich zwei Juden über die Auslegung einer bestimmten Bibelstelle. Da kommt der Rabbiner mit seiner Frau auf ihrem Spaziergang vorbei. "Rabbi, Rabbi!", rufen die Männer, als sie das Paar kommen sehen. "Bitte, wir haben eine Frage." Der erste Mann erklärt, man streite sich über einen Punkt des heiligen Gesetzes und legt seinen Standpunkt dar. Der Rabbiner nickt, überlegt kurz und findet: "Doch, ich glaube, Du hast absolut recht." Der erste Mann ist glücklich und geht zufrieden davon.


Gallileo vor dem römischen Uffizium. Ihm wird der Ausspruch "Und sie bewegt sich doch!" zugeschrieben.

Da ist der zweite Mann aufgebracht. "Aber Rabbi!", ruft der Mann entsetzt, "das ist doch völliger Blödsinn!" und fährt fort, seine Sicht des Problems darzulegen. Wieder nickt der Rabbiner, überlegt kurz und findet: "Doch, ich glaube, Du hast absolut recht!". Da ist auch der zweite Mann zufrieden und geht. Als der Rabbi schon wieder weitergehen will zieht ihn seine Frau am Arm und sagt zu ihrem Mann: "Also mein Lieber, jetzt wirst du aber langsam senil. Du kannst doch nicht einfach beiden Recht geben, einer von beiden muss sich irren!" Der Rabbiner nickt, überlegt kurz und findet: "Doch, ich glaube, Du hast absolut recht!"


Was will ich mit dieser kleinen Geschichte erreichen? Es passiert mir durchaus nicht selten, dass ich nach Artikeln oder Vorträgen von Freunden und Fremden mehr oder weniger höflich auf Punkte hingewiesen werde, die ich Ihrer Meinung nach falsch dargelegt habe. Wenngleich viele dieser Einwände gut und richtig sind, ist es doch nicht immer einfach, darauf zu reagieren. Wie Simon Foppa in seinem Artikel "Was wir von der Religionswissenschaft lernen können" richtig feststellt: die Meisten sind der Überzeugung, dass sie etwas aus ihrer Sicht "normales" erklären, welches man "seltsam" oder "falsch" mache.


Diskussionen über den Talmud
Bei Kollegen aus der katholischen Theologie ist es oft relativ einfach zu bewältigen. Man zückt das Enchidrion Symbolorum, den Denzinger/Hünermann, findet die richtige Nummer und legt, Kraft der Autorität von Ziffern in Büchern, den Streit bei. Schwieriger wird es, wenn man dann noch das Fidei Depositum, den Katechismus der Katholischen Kirche oder eine apostolische oder dogmatische Konstitution eines heiligen Konzils zuziehen muss. Trotzdem lässt sich so die «richtige» und verbindliche Antwort finden.


Schwieriger gestaltet sich das, wenn man von jüdischen Kollegen kritisiert wird. Im Judentum hat man den Luxus einer einfachen, für alle verbindlichen religiösen Autorität nicht. Die Torah ist die einzige Autorität, auf die sich alle Juden beziehen. Bei der schriftlichen steht der Text – glücklicherweise – fest, aber schon die mündliche Torah ist Gegenstand gelehrter Debatten. In der Antike gab es noch eine oberste Instanz, die verbindliche Aussagen treffen konnte. Den Sanhedrin, die grosse Versammlung oder der Hohe Rat, bestehend aus 71 Priester, Ältesten und Gelehrten des Volkes Israel. Nach der Torah wurde dieser Rat von Moses, auf Anraten seines Schwiegervaters Yithro, ins Leben Gerufen. Den Vorsitz führte zunächst der Hohepriester und ab dem Hasmonäerufstand (Chanukka-Story) ein gewählter Vorsitzender, der als Nasi – Prinz – bezeichnet wurde. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 wurde der Sanhedrin von Jochanan ben Sakkai in Jawne neu gegründet und man begann mit der Redaktion der alten mündlichen Überlieferungen, die von Jehuda HaNasi (dem Vorsitzenden der Versammlung) abgeschlossen wurde.


Ein orientalischer Rabbiner beim Studium.

Die Sammlung dieser gelehrten Debatten ist der Talmud, das schriftliche Zeugnis der lebendigen, jüdischen Lehre. Leider gibt es davon zwei Ausgaben. Einen Jerusalemer Talmud und einen Babylonischen Talmud, die sich in Umfang und Länge der behandelten Traktate unterscheiden, obwohl sie einen sehr ähnlichen Aufbau haben. Und innerhalb des Talmuds gibt es meist zwei oder mehrere Positionen, die besprochen und gegeneinander aufgewogen werden. Und alle paar Generationen musste man die scheinbaren Antworten seiner Vorfahren wieder neu beleuchten, so entstanden im 2. Jh. Unter Jehuda HaNasi die Mischnah (die Wiederholung) im 4. Jh. die Gemarrah (der Abschluss) und ab dem 6. Jh. die verschiedenen Schulen von Kommentatoren, die in den beiden Talmuden zusammengefasst wurden.


Ab dem Mittelalter kann man grössere regionale Unterschiede zwischen den Kommentatoren feststellen, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerungen in den verschiedenen geographischen und kulturellen Räumen Europas und des Nahen Ostens zurück zu führen sind. In dieser Zeit entstehen die Nussachim, die jüdischen Ethnien. Grob vereinfacht gibt es drei. Die Ashkenasim, "die Deutschen", die der Legende nach von einem König Karl irgendwann zwischen 800 und 1000 des Gregorianischen Kalenders in den Gemeinden Speyer, Worms und Mainz angesiedelt wurden, die Spharadim, "die Spanier", die im maurischen Spanien lebten und 1492 von Isabella von Kastilien aus Spanien ausgewiesen wurden und die Mizrachim, "die aus dem Osten", die seit der Antike in vornehmlich arabisch und persisch und später muslimisch geprägten Gegenden lebten. Deren unterschiedliche Lebenswelten spiegeln sich in den Fragen, die sie an ihre Rabbiner stellten und den Antworten, die diese darauf fanden.


Giordano Bruno. Sein Weg endete unter anderem wegen des Satzes "Wenn es nicht wahr ist, dann doch gut gefunden" weniger glimpflich als Galileos. Von ihm stammen die beiden Zitate.

Und wieder innerhalb jedes Nussach gibt es verschiedene Minhagim, Bräuche, die sich regional und in jeder Familie anders entwickelt haben. Man kann sich das am besten in einem System von sich überschneidenden Kreisen vorstellen. Der grosse, äussere Kreis ist die Torah des Moses, darin sind die Kreise des Talmuds, darin die Nussachim und darin die Minhagim. Generell gilt aber die Faustregel, man definiert auf jeder Stufe so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Genau so, wie bei einem guten Impro Theater oder einem Rollenspiel. Der Rest entwickelt sich durch das Leben und Praktizieren weiter. So bleibt die Torah eine lebendige, sich entwickelnde und doch immer auf der gleichen Basis stehenden Lehre. Ein geflügeltes Wort aus dem Talmud beschreibt es so, dass die Torah siebzig Gesichter habe, eines für jedes Volk, dass nach der Geschichte in Gen 6 aus Noah und seinen Söhnen hervorgegangen ist.


Damit anerkennt die jüdische Tradition, dass es natürlicherweise verschieden gültige Ansichten zu einem Thema geben kann und muss, da sich in ihnen die unterschiedlichen Lebenssituationen und Persönlichkeiten der Menschen spiegeln und kein Mensch in der Lage ist, die gesamte Wirklichkeit der Welt zu erfassen. Solange diese Ansichten nicht fundamentalen, tieferlegenden Werten wiedersprechen, (im Judentum wären das die Heiligkeit des Lebens und die Heiligkeit Gottes) müssen wir es aushalten lernen, dass der Andere seine Meinung genau so legitim vertreten kann, wie wir die unsere. Vielleicht scheint es nun etwas klarer, warum die Fähigkeit argumentieren zu können im Judentum so hoch angesehen ist und in gewisser Weise mehr gilt, als 'bloss' an die richtigen Dinge zu glauben. Man muss nämlich auch mit vermeintlichem Wissen umgehen können! So illustriert auch die Eingangsgeschichte, dass ein gutes Argument wichtiger ist, als absolut recht zu haben.


Und damit möchte ich sagen, wenn ich in einem Beitrag einen Gedanken entwickle, möchte ich damit keine sakrosankte Aussage treffen, sondern eine Diskussion anregen. Ich möchte eine weitere Facette zum Mosaik beitragen und damit das Weltbild etwas bereichern.


"… und wenn mein Minhag sich anders darstellt als dein Minhag, [Name einfügen], dann heisst das nicht, dass einer von beiden falsch sein muss! E si non e vero, è molto ben trovato 😉 "

Wie christliche Jugendverbände doch noch von staat...
Buchauszug: Für ein besseres Miteinander VI

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