Simon Pfeiffer

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Mythen helfen, die grausame Welt zu ertragen, machen sie aber nicht besser

Ein Wort vom Pfarrer zur aktuellen Abstimmung:
Gott selber hat schon früh feststellen müssen, dass die Menschen manchmal Mühe bekunden, sich an Regeln und Gesetze zu halten. Deshalb hat Gott ALLE Menschen aus dem Paradies vertrieben. Seither gibt es im Paradies NULL Kriminalität! Bloss: Möchte jemand behaupten, die Menschheit sei seit der Vertreibung aus dem Paradies weniger kriminell geworden?


Trotzdem hat die Menschheit ein bemerkenswert kluges und ausdifferenziertes System hervorgebracht, mit Kriminalität und Menschen, die sich ihr speziell hingeben, umzugehen. Nach dem urtümlichen „zehn Zähne für einen ausgeschlagenen Zahn" kam es zu „Auge um Auge", dann zu weiteren Verfeinerungen, Bedingungen etwa von aussagekräftigen Zeugen, der Möglichkeit, verursachtes Unheil durch Arbeitsleistung wieder gut zu machen, bis hin zur vom Apostel Paulus geforderten „Überwindung des Bösen durch das Gute".


Mit der Erklärung der Menschenrechte, Verfassungen, Demokratie und der Gewaltentrennung von Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung hat diese Entwicklung eine Spitze erreicht. Kriminelle werden heute sogar mit zum Teil beachtlichem Erfolg resozialisiert, wieder gesellschaftsfähig gemacht. Damit sind wir überraschend nahe bei der Erfüllung der paulinischen Forderung angelangt. Wir vergelten nicht mehr Böses mit Bösem, sondern versuchen, das Böse durch das Gute zu überwinden und aus Übeltätern wenn nicht Wohl-Täter, so doch normal handelnde, in die Gesellschaft integrierte Menschen zu machen.


Allein das Strafwesen reicht dazu nicht aus. Eben so sehr gehören dazu Opferhilfe, Erziehung und Bildung und ein tragfähiges Sozialwesen, das die Schwächsten der Gesellschaft nicht ins Bodenlose fallen lässt, samt einer Arbeitswelt, die auch Menschen, die nicht 120% leistungsfähig und abrufbar sind, eine Chance bietet. Die allermeisten Menschen sind keine Heiligen und schon gar keine Engel. Trotzdem hat es die Menschheit ausserhalb des Paradieses bemerkenswert weit gebracht. Menschen, die sich selber als Heilige darstellen oder sogar ganze Volksgruppen, verdienen es, dass man sie genau anschaut – auch, was sie unter ihrem Rock verbergen.

Das Bild vom Paradies entspringt dem Mythos und hat nichts mit unserer realen Welt zu tun. Wer behauptet, er könne uns dahin zurückführen, ist nicht mehr als ein anmassender Lügner, wie die Schlange am Baum der Erkenntnis. Wir sehen im Mythos vom Paradies und der Ausschaffung daraus aber, dass Regelbruch, Kriminalität, etwas Grundmenschliches ist.
Gelöst werden kann das mit keiner Kampagne. Aber jede und jeder kann selber in sich die Neigung zum Regelbruch und zu unfairem Verhalten bekämpfen, hie und da vielleicht sogar mit Erfolg. Hoffentlich.

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Kinder in Sekten, Marienkäfer und weitere Identitä...

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