Rudolf Gässlein

Die Mönchsrepublik im Herzen Europas

Die Mönchsrepublik im Herzen Europas

Eine Reise nach Athos im Oktober 2017

Am Anfang stand ein Youtube-Beitrag - also streng genommen eine Filmdokumentation von ARTE. Der Beitrag handelte von der orthodoxen Mönchsrepublik Athos, einem autonomen Staat unter griechischer Souveränität, gelegen am östlichsten Finger der Halbinsel Chalkidiki. Eine Republik mitten im Herzen der EU, die aber nicht zu deren steuerlichem Gebiet zählt, eine eigene Zeitrechnung führt, Frauen und Touristen den Zutritt verwehrt und eigene Briefmarken und KFZ-Kennzeichen führt. Eine Region, die nur etwa 43 Kilometer von Nordwest nach Südost umfasst und wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Für Frauen keine Chance

Der Weg nach Athos ist alles andere als einfach. Die erste Hürde ist für mindestens die Hälfte der Menschheit bereits unüberwindlich, denn man muss männlichen Geschlechts sein, um Zutritt zu erhalten. Das Zutrittsverbot für Frauen heisst Avaton und wird theologisch begründet: "Aus diesem Paradiese ist das Weib verstossen, damit der Mann nicht jenes Paradiese verlustig gehe" schreibt ein Schriftsteller im Jahr 1915 über diese Regel. Pater Mitrophan, ehemaliger Ministerpräsident der Mönchsrepublik, wird folgendes Argument nachgesagt: "Die Athoniten verwehren den Frauen den Zutritt zum Heiligen Berg, weil sie die Frauen wahrhaft lieben. Alle Frauen sind auf dem Athos abwesend und doch wieder – durch die Gottesmutter Maria – sind alle anwesend." Der Berg Athos gilt als "Garten der Gottesmutter" und damit als ihr allein vorbehalten. Ob neben dieser feinsinnigen Überlegung auch pragmatische Gründe eine Rolle gespielt haben, das Avaton durchzusetzen? Es gab zumindest in der Geschichte von Athos immer wieder Frauen, die sich nicht an das Zutrittsverbot hielten.

Interessant ist, dass auch weibliche Haustiere unter dieses Verbot fallen. Nur Katzen und Bienenvölker dürfen sich vermehren; (männliche) Esel, Pferde und Maultiere werden bei Bedarf eingeführt.


Nicht ohne Einreisebewilligung

Rudis Diamonitirion
Dann braucht Mann eine Bewilligung für die Einreise, anzufragen mindestens 6 Monate im Voraus inkl. Einsendung von Pass und Unterlagen. Dank schneller Entscheidung und raschen Handelns erhielt ich das Diamonitirion - die Einreisegenehmigung für den Preis von 30.- € am Einreisetag in Ouranoupoli. Und zwar nur als Pilger im Rahmen eines strengen Kontingents - normale "Touristen" sind nicht erwünscht. Die Auflagen sind streng: Nur 4 Tage darf ich insgesamt auf Athos bleiben und jeweils nur eine einzige Nacht in einem Kloster schlafen

Insgesamt gibt es auf Athos 20 Klöster, in welchen 1'641 Mönche leben. Daneben gibt es noch eine Reihe von klosterähnlichen Skiten und Siedlungen. Als eingefleischter Wanderfan wollte ich meine Zeit auf Athos nicht damit verbringen, per Reisebus so viele Klöster wie möglich abzuhecheln. Ich wollte auch die Landschaft geniessen, weshalb ich auswählen musste. Drei Klöster schafften es in die engere Auswahl, da sie realistisch per Tagesmarsch zu erreichen waren.

In Ouranoupoli wimmelte es von Pilgern und Touristen. Schnell musste ich noch mal ins Meer springen, denn auf Athos ist Baden verboten. Auch ein Spaziergang zur Mauer, welche die Mönchsrepublik von Griechenland trennt, musste sein. Die einzige Möglichkeit der Einreise ist per Schiff.

Fähre in Ouranoupoli

Am nächsten Morgen hole ich mir das Diamonitirion, sozusagen in letzter Minute. Das Schiff wartet schon. Unzählige Pilger und Mönche in schwarzen Kutten sind an Deck. Frauen werden nicht zugelassen - Autos hingegen schon. Die Genehmigung wird streng kontrolliert. Das Schiff steuert die Küste entlang und hält mehrmals. An der Haltestelle zum Kloster Dochiariou steige ich aus. Mehrmals frage ich nach dem richtigen Wanderweg, und endlich finde ich den Pfad: Hoch über der Küste geht es zum Kloster Xenofondos, wo ich einen Zwischenhalt mache. Mein Ziel am ersten Tag auf Athos ist aber das russisch-orthodoxe Kloster Panteleimonis. Viele russischen Gäste sind vor Ort. Das Kloster ist ziemlich gut renoviert und ich erhalte ein Einzelzimmer. Um 16:00 Uhr ist Zeit für den Gottesdienst. In der prächtig ausgestatteten Kirche blinken goldene Leuchter. Pilger küssen inbrünstig die Ikonen. Weihrauch wabert durch die Halle. Den Gebeten kann ich leider nicht folgen, sondern sitze oder stehe auf, bzw. neben einer Holzbank.

Um 18:00 Uhr beginnt das Abendessen in einem riesigen Speisesaal. Etwa 30 Mönche und 50 Pilger sitzen an einer Tafel. Während des Essens – es gibt Hirse, Salat und Wasser – liest ein Mönch aus der Bibel. Unterkunft und Verpflegung sind bei Athos' Mönchen umsonst, dafür endet das Essen pünktlich nach 25 Minuten auf das Klopfzeichen des Abtes. Um 19:00 Uhr bricht die Dunkelheit herein und eine Stunde später schliessen die Klostertore.


Liturgie nach byzantinischer Zeitrechnung

Karte von Athos
An meinem zweiten Tag auf Athos schwänze ich die morgendliche Liturgie um 4:00 Uhr und habe mich mit zwei französischen Pilgern um 6:45 Uhr verabredet, um auf einem Pfad zur Hauptstrasse nach Karyes zu gelangen. Dort soll ein Bus vorbeikommen, der uns mitnehmen kann. Leider verpassen wir eine Abzweigung und kommen einige Minuten zu spät. Statt des Busses nahm uns ein Mönch mit seinem Kleinlaster mit. In der "Hauptstadt" Karyes auf Athos gibt es endlich Frühstück. In den Geschäften sind sogar Bier und Wein erhältlich. Von dort starten Mönchtaxis zu den verschiedenen Klöstern der Halbinsel.

Ich suche den Weg zum griechischen Kloster Koutioumousiou, zu welchem es immer abwärtsgehen soll. Ein alter Mönchspfad führt steil hinunter zum Kloster Iviron, das wie eine kleine Stadt gebaut ist. Die Aufnahme ist freundlich, ohne Begrüssungstrunk, dafür mit Einzelzimmer. Immerhin. Die Liturgie fängt um 16:00 Uhr an, allerdings nur nach meiner Zeitrechnung. Nach byzantinischer Zeitrechnung entspricht dies 21:00 Uhr, denn Iviron zählt die Stunden ab Sonnenaufgang. Die Klöster auf Athos folgen dem julianischen Kalender, der dem in Westeuropa gültigen gregorianischen Kalender um 13 Tage "nachläuft".

Auf jeden Fall habe ich genug Zeit zum Duschen und Ausruhen. Ich meditiere im Gottesdienst und freue mich auf das Abendessen. Und erfahre, dass ich mit meiner Unterkunft grosses Glück hatte: Viele Pilger wurden abgewiesen, weil aktuell das halbe Kloster renoviert wird. Nach einem kleinen Spaziergang im Hafen lege ich mich aufs Ohr.


Gottesdienste ab 4:00 Uhr morgens

Um zum Kloster Simonos Petras an der Südspitze von Athos zu gelangen, nimmt man normalerweise das Schiff, doch diese fahren im Herbst nicht mehr. Das Mönchstaxi möchte ich wiederum nicht in Anspruch nehmen. Also marschiere ich die ganze Strecke - und habe es nicht bereut!

Kurz vor Sonnenaufgang breche ich auf. Die erste Station ist das Kloster Filotheou. Ich mache Frühstück und eine kurze Rast. Die folgenden 17 Kilometer hatten es in sich! Der Weg abwärts zur Strasse nach Simonos Petras war halsbrecherisch. Dort angekommen erklärt mir ein französischer Novize die Hausregeln. Schlafen darf ich in einem Zimmer mit vier anderen Griechen. Dafür gibt es diesmal einen Begrüssungstrunk. Nach dem Gottesdienst um 15:00 Uhr gibt es Abendessen, das auf bescheidene Diätkost ausgerichtet war. Immerhin hab es etwas Wein zum Wasser.

Nach dem Essen verehren die Gläubigen die vielfältigen Reliquien von Simonos Petras, zum Beispiel einen Finger von Maria Magdalena. Meine griechischen Mitpilger kommen erst spät ins Schlafgemach, stehen aber um 4:00 Uhr zum Morgengottesdienst wieder auf. Ich versuche tapfer mitzuhalten und wanke schlaftrunken mit, aber dann übermannt mich die Müdigkeit und ich lege mich nochmals ins Bett. Erst um 8:00 Uhr schaffe ich es zum „Frühstück", bestehend aus griechischem Kaffee.

Zwei Stunden dauert meine letzte Wanderung bis zum Hafen von Daphni. Welch ein Kontrast! Hier gibt es wieder Geschäfte, Briefmarken, Ikonen - und sehr viele Pilger, die mit dem Schiff zurück nach Ouranoupoli wollen. Mit einer Stunde Verspätung kommen wir an; der Reisebus nach Thessaloniki hat sich auf die Verspätung eingestellt und lässt sich seinerseits mit der Abfahrt auch etwas Zeit. In Thessaloniki bleibe ich über Nacht - mit anständigem Abendessen und Einzelzimmer. Nach Deutschland zurück geht das Flugzeug am Morgen des nächsten Tages.


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