Kevin De-Carli

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Mitten im kalten Winter...

Mitten im kalten Winter...

Oder: eine neue Hoffnung!

Am 15. Shvat feiert man das traditionelle "Neujahrsfest der Bäume", "Tu B'Shvat". Das Fest fällt dieses Jahr auf den 31. Januar und ist einer der vier Jahresanfänge im jüdischen Kalender. Das Fest ist eines der Landwirtschaftsfeste des alten Israels, man isst die Früchte des Landes und erfreut sich an der Schönheit der Natur. Ausserdem zählt man das Alter der Pflanzen an der Anzahl "Tu B'Shvat" Feste, die sie schon erlebt haben. Ein altes Gesetz sagt nämlich, dass man Pflanzen erst nach drei Jahren landwirtschaftlich nutzen und ihre Früchte erst nach diesen drei Jahren essen darf. Zudem soll man ihnen alle sieben Jahre ein Jahr Pause gönnen und sie in diesem Jahr nicht kultivieren.


Sie werden sicher etwas verdutzt fragen: "Warum sollte man das Neujahrsfest der Bäume mitten im kalten Winter feiern, wo doch die Natur wie tot daliegt? Warum feiert man das Fest nicht im Frühling oder im Sommer, wenn die Natur in voller Blüte steht?"

Die Antwort ist in einer Tradition der Kabbalisten, die jüdischen Mystiker, versteckt. Sie haben für dieses Fest ein rituelles Festmahl entwickelt, dass sie wie das Mahl am Pessach Fest, das Befreiungsfest, einen Seder nennen. Man isst dabei die fünf traditionellen Früchte des Landes Israel in einer bestimmten Reihenfolge, erzählt sich Geschichten und trinkt – auch das gehört dazu – zwischen jedem Gang einen vollen Becher Wein. Oder zumindest Traubensaft.


Zuerst isst man die Oliven, dann die Datteln, dann die Trauben gefolgt von den Feigen und zum Schluss die Granatäpfel. Natürlich gibt es einen Grund für diese Reihenfolge.

Wenn man auf eine Olive beisst ist der Samen in der Mitte bitter, hart und ungeniessbar, man spuckt ihn sofort heraus, wenn man ihn nicht im Vornherein schon entfernt hat, wie es bei den meisten industriell verpackten Oliven schon der Fall ist.


Die Dattel ist hingegen süss und besonders die weissen Fasern um den Samen der Dattel. Dieser ist zwar hart und ungeniessbar, aber man behält ihn gerne noch etwas im Mund und versucht ihm alles Fruchtfleisch zu entlocken.


Die vielen Samen der Traube hingegen sind so klein, man merkt erst dass sie bitter sind, wenn man sie zerkaut. Sie herauszulösen wäre mühsam und daher schlucken sie die meisten doch ohne Bedenken unzerkaut hinunter.

Bei der Feige sind die vielen kleinen Samen ein integraler Bestandteil des Geschmackserlebnisses. Sie sind so klein, dass man sie kaum zerkauen und sie unmöglich von der süssen Frucht trennen kann.

Der Granatapfel ist das beste überhaupt. Die Samen sind die Früchte, die wir essen wollen. Um an sie heran zu kommen nehmen wir einiges an Mühe in Kauf.

Wir erleben also die totale Verwandlung der Samen, von etwas Bitterem und Ungeniessbaren zu einer süssen und köstlichen Frucht!

Das Judentum vergleicht den Menschen mit einem Baum. Es gibt Zeiten, in denen wir in voller Blüte stehen, kräftig und gesund sind und viele Früchte produzieren. Es gibt aber auch Zeiten, in denen wir müde und antriebslos sind und nichts so richtig gelingen will. Alles erscheint etwas dunkler und etwas kälter – wie in einem langen Winter. Und genau da kommt das Fest "Tu B'Shvat". Es erinnert uns daran, dass mitten im kalten Winter der Samen in der Erde überlebt. Wir erinnern uns selbst an die schöneren Zeiten und dass wir schon düsterere Nächte und kältere Winter überstanden haben und die Schönheit der Natur trotzdem wieder zu uns zurückgekehrt ist. Wir feiern das potential des neuen Lebens und verstehen, dass es wegen des kalten Winters ist, dass die Bäume im nächsten Jahr wieder prächtig erblühen können


Uns Menschen geht es manchmal ähnlich. Manchmal will eine düstere Zeit kein Ende nehmen und wir fühlen uns verloren und hoffnungslos. Es fühlt sich an, als würden wir in unserem innersten Kern verbittern und man wünscht sich nichts mehr, als die Bitterkeit endlich loszuwerden. Doch "Tu B'Shvat" erinnert uns daran nicht aufzugeben. Wir sind nicht am Ende, die Nacht ist nicht traurig und der Winter nicht endlos. Vielmehr befinden wir uns in einer Zeit des Wandels und haben das Potential zu wachsen. Jede Phase dabei ist wichtig, damit wir wieder neu erblühen können. Es liegt in unserer Hand unseren eigenen bitteren Kern in eine süsse und köstliche Frucht zu verwandeln. In dieser Transformation am Ende des Winters liegt eine neue Hoffnung!

Was wir von der Religionswissenschaft lernen könne...
Buchauszug: Für ein besseres Miteinander V

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info@religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion@religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog@religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk "religion.ch"
CH69 0900 0000 6069 3663 4