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In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Menschenwürde

Kürzlich bin ich wieder einmal über folgenden Koranvers gestolpert:
Wahrlich, Wir haben euch ein Buch herabgesandt, worin eure Ehre liegt; wollt ihr es denn nicht begreifen? (21/10)
Daraufhin habe ich mich gefragt: Was bedeutet das, dass meine Ehre/Würde in Gottes Buch liegt? Ist sie nur dort hinterlegt, oder muss ich sie mir „erarbeiten" oder habe ich sie bereits seit meiner Geburt? Falls ja, kann sie denn verloren gehen?

Erst als ich das Thema vertiefte, wurde mir bewusst, welch tiefe Wurzeln die menschliche Ehre im Islam hat. Laut Koran gehört die Ehre zur Grundausstattung des Menschen:
Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben. (17/70) Mit dieser Auszeichnung geht aber auch Verantwortung einher. Gott hat den Menschen als Khalifen (Verwalter) der Erde eingesetzt: Und als dein Herr zu den Engeln sprach: „Wahrlich, ich werde auf der Erde einen Khalifen einsetzen... (2/30) Diese Position verpflichtet uns zu einem sorgsamen Umgang mit der Schöpfung.

Noch vor seinem Einsatz auf der Erde kam dem Menschen allerdings seine Ehre kurzzeitig abhanden: Durch falsche Versprechungen gelockt, liessen sich die ersten Menschen im Paradies dazu verleiten, vom verbotenen Baum zu essen. Danach erfuhren sie das Gegenteil von Ehre, nämlich Scham. Und als sie von dem Baum kosteten, wurde ihnen ihre Scham offenbar und sie begannen, sich mit den Blättern des Gartens zu bekleiden... (7/22) Es ist interessant, dass ihnen die Nacktheit erst bewusst wurde, als sie einen Fehler gemacht hatten. Die Gier nach mehr hatte ihnen die Ehre geraubt, und nur dank ihrer Einsicht und Reue und Gottes darauffolgender Barmherzigkeit wurde sie ihnen wieder gegeben.

Die Gier wurde auch späteren Menschen zum Verhängnis. Es gab eine Zeit, da kamen massenweise Fische in die Nähe des Ufers – ausgerechnet am Sabbat, dem Ruhetag, an dem das Fischen verboten war. Und gewiss habt ihr diejenigen unter euch gekannt, die das Sabbat-Gebot brachen. Da sprachen Wir zu ihnen: „Werdet ausgestossene Affen." (2/65) Die Menschen, die sich von ihrer Gier überwältigen liessen, werden als Affen bezeichnet – triebgesteuerte Wesen, denen ihre Ehre egal ist. Dieses Beispiel soll uns warnen, uns von unseren Trieben leiten zu lassen.

Welche Triebe sind gemeint? Die beiden stärksten Triebe sind der Selbsterhaltungstrieb und der Arterhaltungstrieb (Sexualität). Sie sind nützlich, weil sie dafür sorgen, dass wir unser Leben schützen und uns fortpflanzen. Sie können jedoch schädlich werden, wenn sie masslos ausgelebt werden und der Selbsterhaltungstrieb zu Gier, Geiz, Neid, Geltungssucht und Habsucht führt und der Arterhaltungstrieb zu Hochmut, Ausschweifungen und Übergriffen, welche die Gefühle der Familie aber auch das soziale Beziehungsnetz zerstören. Es ist enorm wichtig, dass der Mensch diese Triebe unter Kontrolle hat, und nicht umgekehrt, denn sonst können sie enormen Schaden anrichten. Der Mensch ist nämlich im Gegensatz zu den Tieren mit einer sehr elastischen „Software" ausgestattet. Der Koran geht mit folgenden Worten darauf ein: Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen. Alsdann haben Wir ihn in die niedrigste Tiefe zurückgebracht, ausgenommen (davon) sind diejenigen, die glauben und Gutes tun; ihnen wird ein unverkürzter Lohn zuteil sein. (95/4-6)

Der Mensch wurde geehrt und in bester Form erschaffen, aber er kann auch in die niedrigste Tiefe abgleiten – mehr noch als die Tiere, welche sich nur innerhalb ihres eng determinierten genetischen Instinkt-Programms bewegen. Ein Tier wird sich immer als Tier verhalten, auch wenn es bei Menschen aufwächst. Ein Mensch hingegen, der bei Tieren aufwächst, übernimmt komplett deren Verhaltensweisen, das kann man gut beobachten bei den sogenannten Wolfskindern. Die Spannbreite, zu was ein Mensch werden kann, ist sehr viel flexibler als bei den Tieren. Während bei den Wolfskindern aber nur die geistige Entwicklung fehlt und sie auf der Stufe der Tiere verharren – welche übrigens ihre Würde nie verlieren – können Menschen, die „normal" aufgewachsen sind, viel tiefer sinken. Im Koran steht: Hast du den gesehen, der seine persönliche Neigung zu seinem Gott macht? ... Sie sind nur wie das Vieh – nein, sie sind noch weiter vom Weg abgeirrt. (25/43-44)

Der Mensch kann sowohl im Guten als auch im Bösen die Tiere übertreffen, wenn er seine Kreativität benutzt. Er kann selbstlos und liebevoll sein oder egoistisch und grausam. Im Gegensatz zu den Tieren kann er lügen, heucheln, sich einschleimen, herabsetzen, boshaft und niederträchtig sein. Sicher haben Sie auch schon Beispiele erlebt, wo sie spürten, dass jemand die Ehre verloren hat, z.B. wenn jemand beim Lügen erwischt wird, oder betrunken ist. Interessanterweise geht aber die Ehre vor allem dann verloren, wenn ein Mensch die gottgegebene Würde eines anderen Menschen nicht beachtet und ihn anschreit, herabsetzt, blossstellt oder sonstwie schlecht behandelt. Der „Täter" spürt dies vielleicht im Augenblick nicht, aber für die Zuschauer ist es ganz klar, wer die Würde verliert: nicht der Erniedrigte, sondern der „Täter". Beim Ausleben von Hass, Wut, Gier und Überheblichkeit geht die Ehre verloren. Interessanterweise spüren dies die meisten Menschen mit den feinen Antennen ihres Gewissens und schämen sich. Allerdings sind die wenigsten so selbstkritisch, aufrichtig und einsichtig wie die ersten Menschen. Wir alle kennen Beispiele aus der Prominenz, wo aussereheliche Affären, Steuerhinterziehung, Verleumdung und Bestechung für Schlagzeilen sorgen. Erst wenn die Öffentlichkeit mit dem Finger drauf zeigt, und alles Abstreiten nichts mehr nützt, wird medienwirksam zerknirscht und reuig Busse getan.

Nun wird auch klar, weshalb Gott vom Koran als Buch spricht, in dem „eure Ehre liegt". Es geht darum, die gottgegebene Ehre nicht wieder zu verlieren. Im Koran gibt es viele Anleitungen, wie wir die Menschenwürde bewahren; hier ein paar Beispiele:

  • Sprich: Mein Herr hat Gerechtigkeit befohlen. (7/29)
  • Sprich: „Kommt her, ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat: Ihr sollt Ihm nichts zur Seite stellen und den Eltern Güte erweisen; und ihr sollt eure Kinder nicht aus Armut töten... Ihr sollt euch nicht den Schändlichkeiten nähern, seien sie offenkundig oder verborgen; und ihr sollt niemanden töten, dessen Leben Gott unverletzlich gemacht hat, ausser wenn dies gemäss dem Recht geschieht... Und kommt dem Besitz der Waise nicht nahe ... Und gebt volles Mass und Gewicht in Billigkeit... Und wenn ihr eine Aussage macht, so übt Gerechtigkeit, auch wenn es einen nahen Verwandten betrifft und haltet den Bund Gottes ein. (6/151-152)
  • ...dass sie weder stehlen noch Unzucht begehen... (60/12)
  • Vermeidet häufigen Argwohn; denn mancher Argwohn ist Sünde. Und spioniert nicht und führt keine üble Nachrede übereinander...(49/12)

Es fällt auf: Ausser dem Verbot, Gott etwas zur Seite zu stellen, sind sämtliche Anweisungen auf die gute Behandlung der Mitmenschen ausgerichtet. Indem wir ihre Würde – oder ganz allgemein die Menschenrechte – respektieren, bewahren wir auch unsere eigene Würde! Und nicht nur das: es wäre ein erster Schritt zum Weltfrieden, wenn nicht nur die Menschen so miteinander umgehen, sondern auch die Machthaber ihre Bürger so behandeln würden, und die Länder die anderen Länder... Denn tief in seinem Inneren spürt jeder Mensch, dass die Würde sein Grundrecht ist und wird traurig oder aggressiv, wenn sie ihm nicht gewährt wird.

Wie ein roter Faden zieht sich im Koran die Ehre durch das Menschenleben hindurch bis ins Jenseits. Für fehlbare Menschen wird das Leiden unter anderem auch im Fühlen von Scham oder Schmach bestehen, also dem Gegenteil von Würde und Ehre. Und du wirst sie ihr (der jenseitigen Strafe) ausgesetzt sehen, gedemütigt, voller Schmach und mit verstohlenem Blick schauend. (42/45)

Der Lohn der aufrichtig handelnden und gottesbewussten Menschen soll hingegen unter anderem in Ehre bestehen: Und die, die mit dem ihnen anvertrauten Gut redlich umgehen und erfüllen, wozu sie sich verpflichtet haben und die, die in ihrer Zeugenaussage aufrichtig sind, und die, die ihr Gebet getreulich verrichten; diese sind es, die in den Gärten hochgeehrt sein werden. (70/32-35)

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