Thomas Philipp

Wie peinlich, Herr Bischof

Bischof Huonder legt sich mit dem Zürcher Regierungsrat Graf an. Der hatte in seiner Rede zum fünfzigjährigen Jubiläum der Zürcher Landeskirche die Verantwortlichen in Chur und Rom aufgefordert, die Menschenrechte zu respektieren, und mit ihnen die liberale Verfassung der Zürcher Katholiken. Zornig protestiert der Bischof: Regierungsvertreter dürften die Grundrechte nicht einsetzen, um ihre Weltanschauung den Religionsgemeinschaften aufzuzwingen. Die Aussagen des Zürcher Justizdirektors bedeuteten, dass er der Kirche das Recht, sie selbst zu sein, teilweise vorenthalte.

Im Blick auf die katholische Lehre wie auch in seinem Denken von oben herab zeigt der Bischof von Chur schwerwiegende Kompetenzlücken.

Papst Johannes XXIII hat 1963 in seiner Enzyklika "pacem in terris" die Zeichen der Zeit zu einem Grundbegriff der katholischen Lehre gemacht. Das Konzil übernimmt diese Lehre insbesondere in den Artikeln 4 und 44 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute "gaudium et spes".

Ein Zeichen der Zeit ist für Papst Johannes eine menschliche Tat, die dem Hoffen einer Epoche Ausdruck verleiht. Hier ist der Heilige Geist, ausserhalb der sichtbaren Kirche, anonym gegenwärtig. Johannes XXIII erkennt solche Zeichen im Aufstieg der Arbeiterklasse, im Eintritt der Frau in das öffentliche Leben, und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 durch die UNO!

Darin klärt sich die Grundhaltung der Kirche: Ja, sie ist eine lehrende, sie hat die Frohe Botschaft zu verkünden – aber sie ist auch eine hörende, sie empfängt wesentliche Aspekte des Willens Gottes aus der sie umgebenden Zeit. Schon Justin der Märtyrer hatte im 2. Jahrhundert in der umgebenden Kultur Bruchstücke der göttlichen Wahrheit gefunden.

Es entspricht also verpflichtende Lehre der katholischen Kirche, dass die Anerkennung der Menschenrechte aus dem Wirken des Heiligen Geistes hervorgeht. Dabei handelt es sich um ein Faktum göttlichen Rechtes. An ihm hat das Kirchenrecht Mass zu nehmen, nicht umgekehrt. Dass das Kirchenrecht noch immer keine Grundrechte garantiert und so den Rechtsakt ihrer Anerkennung durch den Papst einfach nicht aufnimmt, ist eine schreckliche Schlamperei. Das Problem liegt beim Kirchenrecht; nicht in Zürich, sondern in Rom!

Innerkirchlich schützen die Grundrechte die Würde der Geisterfahrung eines jeden vor klerikaler Vereinnahmung. Sie nötigen die Kirchenleitung zum Dialog. Indem der Bischof von Chur zwischen Menschenrechten und Froher Botschaft spaltet, beschädigt er das Ansehen von uns Katholiken in der Schweiz schwer. Er beschädigt das Vertrauen der Öffentlichkeit, das die Frohe Botschaft braucht, um Gehör zu finden und Wurzeln zu schlagen.

Das Kernproblem liegt in den Strukturen der Bischofsernennung. Wer ist verantwortlich für den Dreiervorschlag, der bei der Wahl dem Domkapitel vorlag? Warum müssen beteiligte Gremiem den Gläubigen in Rom und Chur nicht öffentlich Rechenschaft ablegen über die Gründe der Auswahl? Und warum werden die Gläubigen, in deren Herz erfahrbar der Geist wohnt (Röm 8,15-17), in die Entscheidung nicht einbezogen? Hier wird die Verfassung der katholischen Kirche ihrem eigenen Bekenntnis zum Heiligen Geist nicht gerecht.

Unerwartete Segnung im Einkaufstempel
Sprache und Theologie bei Anselm Grün. Ein Rückbli...

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4