Thomas Philipp

Sprache und Theologie bei Anselm Grün. Ein Rückblick auf das Symposium an der Universität Freiburg am 26. und 27. April 2013

Das Regal Religion in der Bahnhofsbuchhandlung Bern hat vier Etagen mit folgenden Bereichen: Buddhismus, Esoterik, Christentum, und die vierte Etage ist der Literatur von Pater Anselm Grün gewidmet. Anselm Grün ist also eine internationale Marke! Sie steht für einen achtsamen und barmherzigen Umgang mit sich selbst, für eine Gebetssprache, die Gott unsere seelischen Wunden hinhält und ihn um Heilung bittet. Mit über 300 Sachtitel und einer Auflage von über 18 Mio. Büchern, übersetzt in 32 Sprachen, ist Grün weltweit einer der wirkmächtigsten Zeitzeugen der Frohen Botschaft des Christentums. Offenbar findet Grün Kommunikationswege, die vielen anderen verschlossen sind. Man sollte meinen, dass dieses Phänomen für die Professionellen der Glaubenssprache interessant sei. Doch seltsam ist: Eine Auseinandersetzung der theologischen Wissenschaft mit Grün gibt es nicht. Von der Handvoll Titel zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Anselm Grün stammen gerade zwei aus der Universität. Gewiss, Grün schreibt nicht als Wissenschaftler, aber seine Wirkung ist greifbar!

Er bezieht sich auf die antiken Quellen des asketischen Mönchtums, auf Philosophie und jungsche Psychotherapie. Über diese Rezeption liesse sich arbeiten. Und natürlich lässt sich auch eine Theologie, die selbst nicht wissenschaftlich sein will, kritisch untersuchen. Aber kein interessierter Blick auf das Phänomen selbst, auf Anselms Fragen oder auf seine Wirkung! Millionenauflagen von Büchern zum Umgang mit sich selbst – und keiner Ethik beider Konfessionen ist Grün einen Gedanken wert. Offenbar scheint das eine eigentümliche Ratlosigkeit zu spiegeln. Hinter vorgehaltener Hand spricht mancher Theologe mit Respekt vom Werk Grüns, aber in der akademischen Öffentlichkeit kommt kein Wort über die Lippen.

Verfährt man mit der Universitätstheologie zu hart, wenn man das Urteil fällt, sie habe den Kontakt zur Sprache des faktischen christlichen Umgangs mit sich selbst und zur Kommunikation des Glaubens verloren? Jedenfalls ist heute das Auftreten des wirkmächtigsten Zeugen der Frohen Botschaft ein unreflektiertes Ereignis. Der Fribourger Kongress war ein erster Schritt des Gespräches zwischen der Theologie und Anselm Grün.

Einige Schlaglichter zum Dialog
Eine wertvolle Erfahrung war, dass Pater Anselm im lebendigen Zueinander seine weitgespannte Bildung zeigen konnte, und allein dadurch manches Vorurteil sich erledigen konnte. Er kommuniziert ganz anders als Eugen Drewermann, da gibt es einen hellwachen Jemanden jenseits der Formeln mit belebender, durchaus unkonventioneller Spannung zwischen Ehrgeiz und Demut und mit Wirkung auf die Jugend (Basil Schweri)! Im Dialog haben wir die Distanz unserer Sprachen erfahren. Ein Reichtum? Ja. Allerdings zeigt dieser Reichtum in der Aussenwirkung erhebliche Übersetzungsprobleme. Margit Eckholt sprach von einem "Kokon, aus dem wir Theologinnen und Theologen selbst dann – so habe ich sie verstanden – nicht herausfinden, wenn wir es ernstlich wollen".

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Diese Epoche kennt eine Pflicht zur Selbstwahrnehmung (Jochen Sautermeister). Doch noch mehr: wenn diese Zeit unsere Botschaft an der menschlichen Authentizität misst (Charles Taylor), dann wartet in der Theorie viel Arbeit, und noch mehr in der Struktur der Theologenausbildung. Dann rückt die Kategorie der Heilung, und zwar als erfahrbare Grösse (Ruth Fehling), ins Zentrum. Und dann kann das spirituelle und auch das emotionale Werden nicht am Rande und nebenher geschehen, sondern fordert eigene Institutionen. Die Schwelle vom theologischen Begriff zur individuellen Identität, die Denken und Fühlen umfasst, scheint mir heute unsere zentrale Schwierigkeit zu sein. Dass der Begriff der Authentizität - zum mainstream geworden - seine eigene Widersprüchlichkeit hat (Dietmar Mieth), hebt seine zentrale Stellung in der Sprache dieser Zeit nicht auf.Read More

Pater Anselm sprach am Samstagabend zwei Stunden lang mit den Studierenden aus Bern. Es war faszinierend wahrzunehmen, dass, nach deren Eindruck befragt, fast jede junge (und auch reifere) Gesprächspartnerin bzw. viele Hörer das Wort Authentizität aufgriffen. Ein lautes Echo ist auch noch vom Gespräch zwischen Ulrich Luz und Pater Anselm als dem Höhepunkt der Tagung zu vernehmen, das von Brüderlichkeit unter Christen, umstandsloser Anerkennung, aber bestimmt in der Sache, Differenzen nicht überging, aber auch nicht an einem Pathos der Einigung litt. Trotzdem waren immer wieder kluge Brücken und Verständigung über wichtige Aspekte möglich; Im Nachklang drängt sich der Eindruck auf, dass der direkte Dialog auch in anderen Fächern eine geeignete Kommunikationsform dargestellt hätte.

Stichwort Seele

Eine teuflische Seite Gottes, gibt es das? Und gibt es in der Bibel schlechte Texte? In den herausfordernden Fragen von Ottmar Fuchs und Ulrich Luz stellt sich die Frage, wie viel Harmonie eine theologische Sprache verträgt. In der österlich und zuversichtlichen Spiritualität Grüns finden sich nicht alle wieder. Prophetische, meditative und philosophische Interpretationen der Frohen Botschaft bestehen nebeneinander her. Sie haben sich zu widersprechen, wie in neutestamentlicher Zeit, wie im Kanon. Diese Spannungen müssen sich je neu ausdrücken, indem jede Farbe von Theologie der Sprache und Mentalität in dieser Zeit Antwort gibt. Nur in dieser lebendigen Zeitgenossenschaft, die Pater Anselm Grün verkörpert, sind wir Zeugen der Gegenwart Gottes und nicht nur seiner Vergangenheit.

Wie peinlich, Herr Bischof
Ganges-Wasser - äusserlich schmutzig, innerlich re...

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