Thomas Philipp

Spiritualität des Konzils

Heute glaubt fast niemand mehr, dass er sein Leben von einer einzigen Ideologie her gestalten kann. Die allermeisten haben verstanden, dass die Logik des Marktes für die Wirtschaft nützlich ist, aber dass sie sich auf nahe Beziehungen verheerend auswirkt (ich bin mit Dir zusammen, bis ein besseres Angebot kommt). Offenbar braucht es verschiedene Sprachen, verschiedene Denkformen, um mit dem Leben als Ganzem klar zu kommen.

Nur die Christen haben das noch nicht verstanden. Viele meinen immer noch, es liesse sich alles von einer klerikalen Ideologie her konstruieren. Andere meinen, alles sei von der liberalen Ideologie, von Menschen-, besonders Frauenrechten und Transparenzforderungen her zu bauen. Ein etwas albernes Spektakel, das von fern an kindliche Zustände vor dem Kasperltheater erinnert.

Der Blick auf das Konzil, das dieser Tage fünfzig wird, spiegelt diesen Streit. Die einen lesen sich die Stellen heraus, die die konservative Minderheit durchgesetzt hat, um zu vermeiden, dass sich am klerikalen Machtsystem etwas ändert. Die anderen beziehen sich auf jene Stellen, die dem Mehrheitswillen entsprachen, und wirft den Klerikalen vor, sie hätten den Geist des Konzils verraten: jene einzigartige Atmosphäre der Offenheit, des Dialogs mit der Welt, welche die katholische Kirche in den Sechzigerjahren durchatmete und die, das ist wahr, durch massive autoritäre Massnahmen Roms und dienstbereiter Bischöfe gebodigt wurde.

Aber – einen Geist kann man nicht festhalten! Es zählen die Texte – und die lassen sich in beide Richtungen auslegen, es sind ja Kompromisslösungen, nicht aus einem Guss. Ein Patt?

Weit gefehlt! Hinter dem Konzil stand nicht bloss eine Atmosphäre. Johannes XIII. hatte sich überlegt, was er tat. Vor dem Konzil machte eine Enzyklika den Begriff der Zeichen der Zeit zu einem verbindlichen Begriff der katholischen Lehre; das Konzil hat ihn ausdrücklich bestätigt. Der Begriff bezeichnet weltliche, ganz unkirchliche Bewegungen, in denen doch die Menschenfreundlichkeit der Frohen Botschaft wiederzuerkennen ist und die die Christen darum aufnehmen sollen. Zum Beispiel: Aufstieg der Arbeiterklasse; Eintritt der Frau ins öffentliche Leben; die wachsende Überzeugung, dass Streit zwischen Völkern nicht mit Waffen, sondern durch Verträge und Verhandlungen zu regeln sei; die Gründung der Vereinten Nationen 1945; schliesslich deren allgemeiner Erklärung der Menschenrechte.

Kurz: In der Stimme der anderen, in der autonomen Welt kann den Christen in verbindlicher Weise der Wille Gottes begegnen. Nicht bloss in ihrer eigenen Vergangenheit! Diese Überzeugung stand hinter dem aggiornamento des guten Papstes. Kein vager Geist, sondern ausdrückliche Spiritualität, die für Katholiken verbindlich ist! Hinter dieser Haltung der Offenheit für den anderen ist die römische Führung unter den letzten beiden Päpsten weit zurückgefallen; sie versucht das Eigene durchzusetzen und so ihre Kontinuität zu bewahren, im Klartext: es wär‘ doch viel bequemer, wenn die anderen sich ändern würden.

Es gibt nicht nur die Texte, es gibt auch die Spiritualität des Konzils. Sie ist das Herz des Ganzen, die Inhalte drücken sie nur aus. Hier, am lebendigen Hören auf die Zeichen der Zeit heute, entscheidet sich die Treue zum Konzil.

21. Dezember 2012 - Individuelle Entwicklung statt...
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