Thomas Philipp

Versöhnung mit der Vergangenheit - Versöhnung mit der Gegenwart

Bischof Williamson: In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit hat der Vatikan im Frühjahr 2009 vor allem einen Holocaustleugner rehabilitiert. Was nicht genau zutrifft: Die Aufhebung von Williamsons Ausschluss galt ihm nicht als Privatperson, sondern als einem von vier Bischöfen der abgespaltenen Piusbruderschaft. Unter Johannes Paul II. schien das Tischtuch zerschnitten. Benedikt XVI. jedoch liess sich von den Traditionalisten zwei Bedingungen für Verhandlungen stellen: die vorkonziliare lateinische Messe müsse wieder erlaubt, die vier Bischöfe wieder in die Kirche aufgenommen werden.

Das löste vielfältige Proteste aus. Denn diese Leute sind keine harmlosen Spinner, sondern klerikale Rechtsradikale. Besonders in Frankreich sind sie mit dem politischen Rechtsradikalismus eng vernetzt. Sie lehnen zentrale Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) ab: aus katholischer Sicht sind Reformierte nicht mehr Ketzer, sondern Geschwister. Die anderen Religionen haben ein Recht auf freie Ausübung. In manchen Bewegungen der Geschichte findet die Kirche den Heiligen Geist, etwa im Eintritt der Frau ins öffentliche Leben oder in der Erklärung der Menschenrechte durch UNO. Sich selbst versteht die Kirche nicht länger als eine kirchenrechtliche Pyramide, sondern als Gemeinschaft in Vielfalt. Das sind wichtige Lehrentscheidungen. Es ist Unsinn, dem Konzil einen nur seelsorglichen, gewissermassen zweitrangigen Charakter zuzusprechen.

Der Papst begründete seinen Schritt mit der Barmherzigkeit des grossmütigen Erziehers. Dass die Sprüche Williamsons im Vatikan nicht bekannt waren, anerkannte er als Panne. Unterdes haben die Piusbrüder Williamson kaltgestellt, und der Vatikan verhandelte mit der Spitze der Bruderschaft über deren Eingliederung in die Kirche. Nach Abschluss der Verhandlungen stellte Rom der Piusbruderschaft eine unveröffentlichte „lehrmässige Präambel“ zu, die sie als Grundlage zu akzeptieren hätten. Die Piusbrüder haben sie am 15. Januar 2012 abgelehnt und von Rom eine Überarbeitung verlangt. Rom weigerte sich und gab der Bruderschaft bis 15. April Zeit, ihre Haltung zu überdenken. Die Frist ist verstrichen, die Versöhnung gescheitert.

Gott sei Dank, möchte man sagen. War die Übung nötig? Die Verunsicherung in der Kirche und bei ihren Kommunikationspartnern war gewaltig; ein massiver Imageschaden bleibt. Und im Falle einer Verständigung zwischen Rom und der Führung der Bruderschaft hätte ein Teil der Sekte die Gefolgschaft verweigert. Die Spaltung wäre nicht aus der Welt geschafft, sondern nur ihre Grösse verringert worden.

Der Vatikan macht die Erfahrung, dass es keinen Rückweg mehr gibt in die klerikale Identität der Gegenreformation. Ob einer das Konzil liebt oder verabscheut: es gehört zum Weg des Gottesvolkes durch die Zeit. Auch der Papst kann die Zeit nicht zurückdrehen. Das Konzil hat die Katholiken verändert, so wie ein Mensch aus einer Liebesbeziehung nicht so herauskommt, wie er hineingegangen ist. Es ist eine Öffnung geschehen, es haben sich Berührungen ergeben, die bleiben. Auch wenn er zurück wollte: er ist nicht mehr derselbe.

Vielleicht war die Erfahrung notwendig, wirklich nicht mehr in die Vergangenheit fliehen zu können, um künftig etwas mehr Versöhnung mit der Gegenwart zuzulassen. Denn immerhin: Bei aller Erstarrung haben die Christen über die Jahrhunderte auch eine bemerkenswerte Kreativität und Anpassungsfreude gezeigt. Auch in der katholischen Kirche.

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