Thomas Philipp

Mondflug

Es geschah nicht, wie man meinen sollte, mit einem Knall. Tatsächlich knirschte es nicht einmal. Es geschah leise, eines Nachts. Gerade so, wie in einem Menschherz ein Stern aufgeht oder verlischt - wohl spürbar, doch den Sinnen unmerklich, erst später an den Folgen kenntlich. Von schweigender, unerkannter Anwesenheit ermüdet, gab die Erde nach. Sie hatte dem Zug nach oben einfach nichts mehr entgegen zu setzen. Ja: die Anziehungskraft der Erde setzte aus, nicht mehr, nicht weniger. Keine Sorge!: nicht überall, - nur an einem kleinen Ort, der Grösse nach unbedeutend, gerade nur dort.

Die Kraft setzte aus, und langsam, ganz lang hob sich das riesige Gebäude, erbaut mit Gold aus Amerika, viel Gold und Blut, erbaut auch mit den Gewissensqualen eines fernen und schwer verständlichen Volkes. Es hob sich mit Toren und Stuck, mit Figuren und Kapitellen, Säulen, Kapellen, Wohnräumen, Prachtsälen – und mit seinen Bewohnern. Die Erde hielt sie nicht mehr fest. Es hob sich.

Am Morgen, als die Touristenströme einsetzten, schwebte es schon etwa zwei Fuss hoch: nicht viel mehr als eine Treppenstufe. Nun, es wird sich schon wieder setzen! Kein Grund zur Sorge, wir wissen uns auf dem rechten Weg. Höfliche junge Männer in bunten Kleidern stellten Leiterchen, die man schon lange für solche Zwecke vorrätig hielt, und die Menschen strömten wie gewohnt in die prächtigen Gemächer, bestaunten Figuren, liessen sich von der schieren Grösse und Macht in den Bann schlagen wie seit Jahrhunderten. Dennoch: der Zustrom liess im Laufe des Tages deutlich nach – zwar zog die Neugierde, aber irgendetwas stimmte hier nicht. Es war alles gleich, und doch nicht mehr wie vorher. Am Abend waren es drei, am Morgen schon fünf Fuss. Ein älterer Würdenträger brach sich das Bein beim Versuch, eine nahe gelegene Schenke zu besuchen. Man beschaffte grössere Leitern.

Man informierte den greisen Schlossherrn – er hatte noch nichts bemerkt. Der alte Herr freute sich. Unverzüglich begann er, den Abstand von fünf Fuss vom Wesen des Geistigen in der Welt her zu deuten, das eben nie ganz zu hause sein könne, so dass der Abstand nun gerade von fünf Fuss - das sind genau drei, zweifach gesteigert - die tiefe Wahrheit der menschlichen Seele allen verständlich vor Augen führe. Als diese Überlegungen in Form eines sorgfältig gegliederten Rundschreibens erschienen - an Bord gab es mehrere Druckereien – schwebte das ganze Gebäude bereits in 30 Metern Höhe und warf einen gewaltigen, ja bedrohlichen Schatten auf die Stadt.

Man begann abzutreiben. Das heisst, man hielt sich nicht mehr genau über dem Punkt auf, von dem der Flug seinen Ursprung genommen hatte. Zum Problem der Vertikalen gesellte sich jenes der Horizontalen. Selbst wenn die Erdanziehung wieder einsetzen sollte, würde es jetzt eines grossen Triebwerks und einer ausgefeilten Lenkung bedürfen, um je wieder den seit jahrhunderten gewohnten Ort zu erreichen. Dessen ungeachtet, besprach der lokale Beobachter unter Zustimmung zahlreicher schwarz- und rotgekleideter Leser das Schreiben gewohnt sachlich und wohlwollend.

Die Erde, weiterhin müde, fand einfach keinen Grund, die Anziehung wieder aufzunehmen, und liess den Dingen ihren Lauf. Sie seufzte auf und genoss das Bewusstsein ihrer Kraft. Nach drei Wochen gondelte der riesige Dom bereits in fast 400 Metern Höhe. Die Produktion von Leitern hatte man eingestellt; ohnehin wollte nur noch selten jemand an Bord. Die ersten Gebirgsketten wurden genommen, und am Freitag der fünften Woche wurde die Adria erreicht. Welch eine Ruhe! Der Lärm und Schmutz der Stadt belästigte niemand mehr. Und welch ein Ausblick! Immer wieder winkten Menschen von Schifflein hinauf, und rotgekleidete Kader segneten ernst und freundlich zurück.

Wo man den Krater einer Explosion vermuten sollte, die ja aber, wie gesagt, gar nicht stattgefunden hatte, war keineswegs eine garstige Wüste zurückgeblieben, sondern nur ein wenig Nichts. Zuerst stöberten nur einige magere Katzen darin herum, aber bald tat das fruchtbare Klima das Seine, und allenthalben begann es zu keimen und zu spriessen.
Über Serbien wurde das Klima rauer. Dreimal wurde das Schiff von lokalen Fanatikern beschossen. Doch unter dem Schutz der Heiligen Jungfrau war bald die russische Grenze erreicht, in bereits sieben Kilometern Höhe. Die Zahlen des Rundschreibens wurden angepasst. Fünf Fuss oder sieben Kilometer machen nicht wirklich einen Unterschied, wenn es um den wahren Abstand von Geist und Materie geht, nicht wahr? Im Horizont des Unendlichen blieb die Stimmung getrost.

Neuerdings wurde der kleine Hofstaat von ebenfalls schwarz gewandeten Astronauten umflogen. Sie hielten sich schon seit einiger Zeit in diesen lichten Höhen auf und hatten etwas Fledermausartiges an sich. Sie boten ihre Lotsendienste an. Der greise Steuermann nahm gerührt an, nachdem sie ihm wunderbar komplizierte Lieder vorgesungen hatten. Sie erinnerten ihn an irgendetwas, aber an was? Er beschloss, das Rundschreiben um den Gedanken der göttlichen Führung zu erweitern, und dachte tagelang über ihre unbegreiflichen Wendungen nach.

Auf der Erde wurde der Schatten des Raumschiffs immer kleiner. Als man China erreichte - oder tief, tief unten erreicht hätte, war es kaum einer Zeitung eine Randnotiz wert. Langsam gab es Schwierigkeiten mit dem Atmen, doch mit wachsender Vergeistigung liess sich auch in der dünnen Luft gut leben.

Einige kluge Köpfe begannen, über Kurs und Ziel des Fluges zu diskutieren, ja wollten sogar nach seinem Sinn forschen. Die taktlose Frage bewirkte böse Auseinandersetzungen, so dass man die Rädelsführer aus der Gemeinschaft ausschliessen musste. Nach einigen Monaten des Dümpelns im nahen Weltraums beschloss eine wichtige Kongregation, sie glaube, man solle den Mond ansteuern, da auf seiner jungfräulichen Oberfläche reine und unkritische Zustände herrschten. So könne die Autorität des alten Herrn vor allfälliger Verwässerung wirksam bewahrt werden.

Nach einer eher mühsamen Passage durch Weltraumschrott – ein Bolzen aus einem gesprengten chinesischen Spionagesatelliten schlug der riesigen Petrusstatue die Nase ab – und den Greueln der Begegnung mit einer postsowjetisch-atheistischen Satellitenbesatzung – rückte das ersehnte Ziel näher. Heisse Sehnsucht nach der Heiligen Jungfrau begann alles andere zu überstrahlen. Vorbei die Zeiten bösen Streits und unklarer Loyalitäten! Nach einem zwanzigtägigen Rosenkranzgebet setzte der riesige Dom unter den rauschenden Klängen des Te Deum in einem weiten Krater auf. Die Schäden waren unwesentlich. Zwar war es etwas kalt und staubig, aber als der alte Würdenträger, nach dem ewigen Ritual Pius IV. oder V., das nur unwesentlich angepasst werden musste, den Segen crateri et lunae anstimmte, brandete Jubel auf. Froh gingen die schwarz und rot gekleideten Männer ihrer heiligen Pflicht nach. Die Autorität des gelehrten Monarchen überstahlte einen geordneten Kosmos.

Tief unten erholte die Erde sich langsam. Einige weissgekleidete Mönche hatten eine Kapelle gebaut, inmitten des sprossenden Grüns. Sie bereiteten eine grosse Zusammenkunft vor. Sie sollte Hoffnung und Leiden, Zweifel und Engagement ausdrücken und im Licht der Botschaft eines Wanderpredigers klären. Es würde schwierig sein, sich zu verständigen: zu viele Spaltungen hatten die Menschen zerrissen, und oft fiel es schwer, einander anzuerkennen. Doch immerhin gab es Menschen, entschlossen, einen Geist zu suchen, der einer neuen Epoche ein menschliches Gesicht zu geben vermöchte.

Handy versus Heilige Schrift
Nochmals, Versöhnung mit der Vergangenheit – Versö...

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