Thomas Philipp

Im Benediktinerkloster

Ein grosses Ja, das durch mich hindurch will. Leise. Beharrlich. In jedem Gebet aufs Neue. Vor allem am Morgen, wenn ich mich nicht wehren kann. 5.15 Uhr Aufstehen: keine Kunst, die Tage enden auch früh. Eine halbe Stunde Schweigen mit den älteren Mönchen, eine sehr besondere Atmosphäre. Kostbare Momente. Dann die Psalmen von Vigil und Laudes, monoton, noch keine Melodien, Sprechgesang.

Damme: ein unspektakulärer Ort. Als Internat gebaut, jetzt ein Tagungshaus mit nicht ganz 100 Betten in gut 70 Zimmern. Eine einfache Kapelle, wohl mit Sorgfalt gestaltet, das Gebet der Mönche atmend. Aber keine Kirche, keine grosse Orgel, kein feierlicher Einzug, kein gregorianischer Choral. Keine mittelalterliche Anlage mit mystischem Charme, kein Name der Rose … Gerade darin ein guter Ort: nüchtern, auf den Ernst des Gebetes bezogen, eine kleine Weggemeinschaft durch die Zeit.

Wunderbar: ein halbes Jahr keine Personalführung, keine Budgetverantwortung, kein Haus in Ordnung halten. Das Beste: bei niemand Werbung machen für irgendwas… Ich geniesse es, dass mein Wirkungs- und Verantwortungskreis viel kleiner ist. Es bleibt doch noch eine ganze Menge: Beten, Schreiben, Abwaschen helfen in der Küche, Korrespondenz, Putzen und Waschen, die Studientage in Osnabrück, Singen, Schwimmen, etwas frische Luft… schon ist der Tag vorbei, und auch hier ist manches nicht erledigt.

Es sind gar nicht so viele Stunden, die fürs Schreiben zur Verfügung stehen – am Ende kaum sechs am Tag. Die Zahl lässt an der Effizienz zweifeln. Allein, hinter dem Scheiben gibt es noch etwas Anderes. Habe ich zuhause den ganzen Tag vor mir, unstrukturiert, auf mich allein gestellt, verlauere ich viel Zeit, stimmt in vielen Stunden die Spannung nicht, so dass gar nicht so viel herauskommt. Etwas Anderes, hinter dem Arbeiten: Dazugehören dürfen, gemeinsam das Loslassen üben, Gebet für Gebet, Schritt für Schritt. Durchsichtig werden für das grosse Ja, für die Heilige Kraft, die durch uns hindurch will. Beziehung, Kontinuität, Gemeinschaft, die mir verloren zu gehen droht, wenn ich auf mich allein gestellt bin. Auch wenn manch einzelner Schritt – Aufstehen? Jetzt beten? Arbeiten, in dieser Stimmung? Wie durch ein Nichtwollen hindurch muss, das sich meiner Analyse entzieht: das Ganze trägt doch, hält zusammen, der Weg gleitet unter meinen Füssen vorwärts.

In allem, in jeder Gebetszeit aufs Neue, die Kraft, das Ja-sein, das durch mich hindurch will, das mich sucht, das mich prägen möchte. Ich bleibe weit dahinter zurück, doch da sie immer wieder kommt... manche Spannung, manche unfreundliche Haltung, die mir im Berner Alltag nur von fern spürbar wird, kommt hier langsamer und klarer auf mich zu, ich lerne ihr ins Gesicht zu sehen, freundlich mit ihr umzugehen. Ein Ort, Mensch zu werden.

Glaube - Aberglaube
Begegnung im Weltkloster

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