Thomas Philipp

Mehr als zwei Wochen Franziscus

Buena sera … Wir spüren, wie die bleierne Lähmung der Ratzinger-Jahre von uns weicht, einstweilen nur atmosphärisch, und sichtbar in ersten Schritten. Der Neue tritt gewinnend und warmherzig auf; wäscht strafgefangenen Jugendlichen die Füsse, pfeift auf Panzerglas, wohnt nicht im Palast … auf einmal werde ich auf den Papst angesprochen, dutzendweise, neugierig, positiv. Es ist etwas weniger peinlich, katholisch zu sein …

Die Aufregung um die 1976 monatelang inhaftierten und gefolterten Jesuitenpatres Yorio und Jalics hat sich gelegt. Jalics (vgl. www.jesuiten.ch) und Bergoglio haben sich 2005 in einem Gottesdienst offiziell ausgesöhnt und umarmt; P. Yorio ist verstorben. Letztes Licht wird sich in die Vorgänge kaum bringen lassen. Ein kirchlicher Verantwortlicher muss mit dem Staat irgendwelche Kontakte unterhalten, auch in einer Diktatur. Dass die beiden nach der Folter nicht, wie üblich, verschwanden, sondern freigelassen wurden, spricht dafür, dass sich jemand für sie eingesetzt hat. Wichtige argentinische Menschenrechtsaktivisten haben sich hinter den Papst gestellt.

Den Flirt mit den Piusbrüdern wird Franziscus nicht weiterführen. Die Brüder, in ihrer Bedeutung meist weit überschätzt, schiessen auf ihren Homepages wieder aus allen Rohren auf das Konzil. Sie glauben offenbar nicht mehr an eine Einigung. Ihre hochfahrende Ästhetik, die Spitzenhemdlein und Pantöffelchen, die besonderen Kräglein und speziellen Rituälchen sind Franz‘ Sprache nicht.

Unsere auch nicht, das trifft sich gut. Statt dessen Schuhe, die den Staub der Slums von Buenos Aires kennen, eine schlichte Soutane, ein blechernes Kreuz und ein gebrauchter Ring. Diese Sprache verstehen wir. Bravo!

P. Bergoglio gilt als sehr geschickter Organisator. Offenbar erwarten die Kardinäle nach der grossmehrheitlichen Wahl, offenbar um 90 der 115 Stimmen, von ihm eine Restrukturierung der vatikanischen Behörden. Das wäre ein sehr wertvoller Schritt. Hoffentlich erhalten die Ortskirchen wieder jene Kompetenzen, die ihnen kraft göttlichen Rechts zukommen, besonders in der Bischofswahl. Sie ist der Schlüssel für alle anderen Reformen. Wichtige Fragen, etwa das Zölibatsgesetz, gehören in die Zuständigkeit der kontinentalen Bischofskonferenzen. Es bedeutet tätigen Unglauben an den Heiligen Geist in den Herzen aller Christen, wenn alles in Rom entschieden wird. Laut Glaubensbekenntnis garantiert der Heilige Geist die Einheit der Kirche. Nicht Rom, Macht oder Kirchenrecht, die kommen im Bekenntnis nämlich gar nicht vor.

Nun kommt es auf die Besetzung der wichtigen Posten an. Der Sekt ist vielerorts schon kaltgestellt, wenn Kardinalstaatssekretär Bertone in den wohlverdienten Ruhestand treten darf. Indes wird der kluge Organisator nichts überstürzen, sondern sich genau Ziele und Reihenfolge der sinnvollen Schritte überlegen. Weiter so, Papa Francesco – wir setzen Hoffnung in Sie!

Ganges-Wasser - äusserlich schmutzig, innerlich re...
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