Thomas Philipp

In gefrierender Zeit

«Jésus ne nous a pas demandé d’être nombreux mais d’avoir du goût.»

Die Christen passen sich blind einer gefrierenden Gesellschaft an: die französische Kirche bewegt ein Buch des angesehenen Erzbischofs von Poitiers, Albert Rouet (J’aimerais vous dire, Montrouge 2009, Eur 18,99). Mit der Globalisierung, so Rouet, geht eine Ideologie des Gleichen einher. Als wäre die kulturelle Vielfalt nur Schein, die Dinge sind ja überall gleich, denselben wirtschaftlichen Gesetzen untertan. So wie die Hotels der grossen Ketten weltweit einander gleichen und die Unterschiede nur Folklore sind am Rand: Eine Boutique im Foyer verkauft lokale Produkte … Die Einförmigkeit wird sichtbar in den Stars. Nur sie sind von Bedeutung, nur ihnen gilt Aufmerksamkeit, nur sie haben etwas zu sagen. Unter dem Eiseshauch der Einheitlichkeit erstarren Engagement, Zivilcourage und Politik.

Wenn der allmächtige Markt die Aussenwelt beherrscht: wo bleibt da die Hoffnung? Nur im Innenraum erfährt ein Mensch, dass er etwas bewirken kann. Eine esoterische Spiritualität wendet sich ab von der Welt, als ob diese nichts bedeuten könnte, und macht sich gestaltend und planend die Innenwelt untertan. Bemächtigt sich so die Globalisierung des Spirituellen? Es handelt sich um eine letzte Zuflucht: der Not wird nicht gerecht, wer den Rückzug ins Subjektive verurteilt.

Die Kirche gefriert mit. Wenige Amtsträger werden zu Stars hochgejubelt. Die Spitze entscheidet über alles; die Liturgie soll überall einheitlich sein, Worte und Regeln unmissverständlich. Grossanlässe stehen hoch im Kurs. „Es gibt die Versuchung, Identität, Macht und Zahl in eins zu setzen. Aber man hat nicht recht, weil man zu 300 000 ist“. Diese zu starke Identität anerkennt die Anderen nicht wirklich. So stellt sie sich selbst an den Rand. Das Eindeutige hat nur Sinn für jene, die sich darin verschliessen. „Wer sich nicht von fremden Denkweisen bewegen lässt, hat nichts mehr zu sagen, wird bedeutungslos ausser für jene, die genauso denken“. Von aussen sieht diese Kirche aus wie ein ideologisches System, das auf alles eine Antwort hat. Das Angst macht!

Die Kirche verliert ihren Sinn, wenn sie dem globalen Frost keine anderen Beziehungen entgegensetzt. Dem Chef zu gehorchen, ist keine besondere Weisheit. Um das zu sagen, hätte Christus nicht kommen müssen! "Die Kirche ist nicht universell wie die grossen Hotelketten. Es gibt kein Wort, das der Kirche so entgegengesetzt ist wie die Universalität. Das Universelle bemächtigt sich, das Katholische bezieht aufeinander." Wer sich vom Starkult überzeugen lässt, dessen Leben ändert sich nicht. Es geht ja dann nur noch um das Ideal, die eigene Erfahrung verschwindet und bedeutet nichts mehr. „Der christliche Bruder ist in der Gesellschaft nicht berechtigt zu sprechen. Dazu berechtigt ist der Star. In dieses System dürfen wir nicht fallen. Wir müssen den kirchlichen Verantwortlichen die Star-Position nehmen.“ Aber „nichts wird sich ändern, wenn sich die Beziehungen nicht verwandeln“. Christliche Identität ist eine Identität der Beziehung, sie baut auf Geschwisterlichkeit und Gemeinschaft!

Das Besondere der Christen liegt nicht darin, lauter zu schreien als die anderen. Es liegt darin, ihre Sprache mit derjenigen der anderen zu mischen. Sie sollen nicht in Konkurrenz, sondern in Dialog treten. „Man kann die Frohe Botschaft nur in der Form des Austauschs verkünden. Ich kann nicht mit jemandem austauschen, wenn ich seinen Wortschatz nicht kenne, seine Logik nicht begreife, nicht wirklich erfasse, was ihn lebendig macht".

Rouet hat zur Lage der Christen in Europa den vielleicht besten Beitrag der letzten 20 Jahre verfasst. Sein Französisch ist zugänglich; für alle anderen warten wir auf eine Übersetzung!

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