Thomas Philipp

Hilflose Allmacht

Je länger je mehr, nötigt die Gesellschaft mächtige Player, über Entscheidungen zu diskutieren, die sie lieber hinter verschlossenen Türen träfen. In den 90ern zwang Greenpeace den Shellkonzern in die Knie: die Bohrinsel Brent Spar durfte nicht durch Versenken entsorgt, sondern musste an Land zerlegt werden. Kanzler Kohl schwieg beharrlich zu der Herkunft von Spendenmillionen an die CDU: um den Preis des Zusammenbruchs seines Ansehens und seines Einflusses. Die privaten Geschäfte von Philipp Hildebrand, des ehemaligen Präsidenten der Schweizer Nationalbank, blieben keine Privatsache.

Das ist gut. Die Macht sieht sich mit der Frage nach Gründen konfrontiert. Entscheiden wird komplizierter, aber Dialog und Auseinandersetzung führen meist zu besseren, weil differenzierteren Ergebnissen.

Dieser Trend erreicht auch die katholische Kirche. Dass hier Konflikte entstehen, ist normal. Giftig werden sie, weil sie auf einen gegenläufigen Trend stossen. Besonders unter den beiden letzten Päpsten hat die römische Zentrale oft Bischöfe ernannt, die von den Gläubigen nie und nimmer gewählt worden wären. Für Rom zählt vor allem Loyalität: diese Leute sollen keine Schwierigkeiten machen. Oft genug sollen und wollen sie nicht die Spiritualität der Ortskirche repräsentieren, sondern sie nach zentralistischen Vorstellungen stutzen.

Aber Stromlinienförmigkeit garantiert noch nicht Charakterfestigkeit. Krenn, Mixa und Haas scheiterten. Bischof Tebartz - van Elst wird nicht nach Limburg zurückkehren können. Jeder weiss es. Nur er selbst nicht. In einem eigenartigen Verständnis von erwachsener Verantwortung legt er die Entscheidung in die Hände des Papstes. Man sollte meinen, ein führender Kader wisse für sein Verhalten selbst Verantwortung zu übernehmen.

Und von welchen Bischöfen geht geistige Führung aus, die ohne lebendige Auseinandersetzung eben nicht zu haben ist? Immerhin, es gab und gibt sie – Martini, Rouet, Kamphaus, Lehmann, Abt Werlen. Und Bergoglio …

Der römische Zentralismus scheitert an seiner Allmacht. Seine Interessen übertönen die lebendigen Fragen und die Ressourcen der Ortskirche. So verliert die Kirche die Bodenhaftung. Offenbar kann die katholische Kirche die richtigen Führungsleute nur im lebendigen, einfühlenden Dialog mit der Ortskirche finden. Wie viel Zeit wird die Kirche brauchen, um diese Einsicht in gerechte Strukturen der Bischofswahl zu giessen?

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