Thomas Philipp

Franziscus I

Habemus papam: eine grosse Freude sei das, kündigte Kardinal Tauran an. Neben ihm erstrahlte der neue Papst in geradezu jugendlicher Frische, mit 76, und auch nicht der Gesündeste …Warum haben die Kardinäle ihn gewählt? Dass in der vatikanischen Verwaltung, der Kurie, gründlich aufgeräumt werden muss, war den Kardinälen nach Vatileaks und dem Bericht der drei Kardinäle an den alten Papst genügend klar. Sogar ein deutscher Kardinal, der wegen akuter Papolatrie schon mehrfach hospitalisiert werden musste, hatte Benedikt um Entlassung seines zweiten Mannes, Kardinal Bertone, gebeten. Er hätte sich die Reise sparen können: Bertone bleibt, basta, basta, basta …

Ein Latino: Das ist gut. Schluss mit dem Eurozentrismus, und bis aufgeräumt ist, bitte auch keine Italiener mehr. Hier geht eine Öffnungsbewegung zu einer wirklichen Weltkirche voran. Und einer vom anderen Ende der Welt hat vielleicht auch seine Erfahrungen mit dem römischen Zentralismus gemacht. Offenbar trauen die Kardinäle Franz diese Arbeit zu. In der Tat: Jesuiten sind methodisch vorgehende Leute, die Distanz zu halten wissen. So einer kann das vielleicht besser als einer, der als Weltpriester Karriere gemacht hat.

Ein Mann des Gebets: dass er nicht einfach den Segen austeilt, sondern wartet, bis die Erwartung, bis das Gebet der Vielen ihn aktiv erwartet – verrät einen Sinn für jene Wahrheit, die in Kommunikation und Einfühlung, nicht einfach in Fakten und Lehren liegt. Bravo!

Franz von Assisi als Patron, ein ganz einfacher Lebensstil, Einsatz für die Armen: ein grosses Thema! Als Papst der Armen kann aus Franziscus etwas werden. Er war nie ein Anhänger der Befreiungstheologie. Indes sind die Gräben in seiner Heimat bis heute unversöhnt, wenn auch mit römischer Gewalt weiträumig zum Schweigen gebracht. Vielleicht kann er hier versöhnend wirken, mit Blick auf die Armen, nicht nur auf die Kirche oder den gestrigen Verdacht eine angebliche kommunistische Unterwanderung.

Allerdings: die hässliche Geschichte der beiden jungen Jesuiten, einer von ihnen der heute bekannte geistliche Lehrer Franz Jalics SJ, die ihrer Ansicht nach von Bergoglio, ihrem eigenen Oberen, den Schergen der Militärdiktatur ausgeliefert wurden … zu links, zu engagiert für die Sache der Armen. Ein sehr ernster Schatten. Bergoglio hat die Vorwürfe immer zurückgewiesen. Wer hat recht? Es wäre sehr zu wünschen, der Papst könnte sich mit Pater Jalics versöhnen. Wir alle haben dunkle Flecken in unserer Geschichte, wir wissen doch um sie, nicht nur durch die kirchliche Lehre, wir alle seien Sünder. Aber wie gehen wir mit ihnen um? Hier könnte einer zum Vorbild werden.

Und die brennenden Reformen, Frauen, Klerikalismus, Sexualität? Oh je. Bischöfe und Kardinäle werden ja danach ausgewählt, dass sie hundertprozentig linientreu sind. Dass sich einer unter dem Druck der schlichten Fakten (zum Beispiel, dass ein klerikales System sterben muss, wenn es keine einheimischen jungen Priester mehr gibt, darunter einige hochbegabte) besinnt, kommt nur selten vor.

Naja: niemand kann alle Probleme zugleich lösen. Wenn in Sachen Armut, Kurie und Zentralismus etwas voranginge, wäre es ja schon viel mehr als nichts. Franziscus hat nur wenige Jahre, vielleicht hilft das sogar, entschlossen anzupacken. Gebe ihm Gott, zunächst in der Auswahl seiner Mitarbeiter, eine glückliche Hand!

Wer hat's erfunden?
Benedikt XVI

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4