Thomas Philipp

Der Liebe auf der Spur

Unser Papst Franziscus hat eine Umfrage lanciert, welche den Schwierigkeiten der Kirche mit Liebe und Sexualität auf die Spur kommen möchte. Ein einzigartiger Vorgang! Eine Kirchenleitung, die im Detail hören möchte. Der erstarrte Riese bewegt sich … jeder kann mitmachen.

In der Folge ein Teil meiner Antworten auf die Umfrage, welche die Schweizer Bischöfe an uns Seelsorgende versandt haben.

Auf welche konkreten Probleme und Schwierigkeiten treffen Sie in Ihrer seelsorglichen Arbeit im Rahmen der Partnerschafts-, Ehe- und Familienpastoral?

Die Sexuallehre der offiziellen Kirche, ihre Sprache hat mit den Lebensverhältnissen junger Erwachsener nichts mehr zu tun. Wir schweigen über sie. Das ist schlimm, weil es um ein zentrales Lebens- und Sorgenfeld der Menschen geht.

Die Suche nach dauerhafter, tragfähiger Bindung - auch wenn sie mehrere Anläufe braucht - findet sich nicht genug wertgeschätzt (die Positionen E. Schockenhoffs scheinen mir hier sinnvoll). Es geht nicht nur um Tun oder nicht Tun, sondern mehr noch darum, worauf sich die Sehnsucht ausrichtet.

Der therapeutische, aufrichtende, heilende Aspekt der Intimbeziehung spielt in der sexualethischen Sprache der Kirche keine Rolle. Die personale Begegnung ist im Prinzip ernst genommen, tritt aber zu oft hinter den Verweis auf die die Liebe Christi zurück, welche die Ehe symbolisieren soll. Das ist Augustinismus, antikes Denken. Die konkrete Sehnsucht und Begegnung sind in sich etwas Wertvolles, auch unter den Bedingungen einer gebrochenen Welt. Sie werden nicht erst wertvoll durch den symbolischen Hintergrund (der wichtig bleibt). Wir sollen eine Eigenständigkeit des weltlich Wertvollen ernst nehmen, wie sie im Prinzip bei Thomas von Aquin (gest. 1274) schon durchgeführt ist.

Dass Wiederverheiratete Geschiedene zu den Sakramenten nicht zugelassen sind, und die pauschale Ablehnung der sexuellen Begegnung zwischen Homosexuellen sind menschlich nicht vertretbar.

Meine Grossmutter (geb. 1906) erzählte mir von grossen Nöten der Frauen, die Geburten so zu begrenzen, dass die Fürsorge und Bildung noch möglich blieb. Viele Frauen ihrer Generation hätten sich schon in den 50ern wegen dieser Frage innerlich von der Kirche gelöst. Heute machen wir uns mit den Positionen zur Verhütung gänzlich lächerlich.

Die Positionen zu Aids schaden dem Image enorm, gerade bei den sozial und politisch Engagierten. Hier müsste klar werden, dass die Kirche konkrete Verantwortung für die Betroffenen übernimmt, nicht starre Prinzipien anwendet.

Die Sexualethik müsste von Singles und Eheleuten, nicht von Menschen verantwortet werden, die ihr Zölibatsversprechen in einen ganz anderen Kontext stellt. Das Image der Kirche ist von den sexualethischen Positionen dominiert und beschädigt. Es resultiert allgemeines Misstrauen.

Wie häufig stossen Sie auf solche Schwierigkeiten? Das Misstrauen begegnet mit täglich, die ausdrücklichen Themen viel seltener.

Wie gehen Sie mit diesen Problemen in Ihrer seelsorglichen Arbeit um? Welche Lösungen wählen Sie? Nichtansprechen dieser Themen; offene Distanz zu lehramtlichen Positionen; auch ihre öffentliche Kritik, um im Milieu als glaubwürdig und authentisch wahrgenommen zu werden.

An Weihnachten vorzulesen...
Hilflose Allmacht

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