Thomas Philipp

Benedikt XVI

Ein Papst tritt nicht zurück. Er ist eine objektive Grösse. Hinter dem Amt hat der Mensch zu verschwinden. Das letzte und einzige Mal, dass ein Rücktritt vorkam, ist so lange her, dass es schon nicht mehr wahr ist. Ein Papst steht für die Festigkeit der katholischen Wahrheit, die durch nichts und niemanden relativiert werden darf. Er sagt nicht: so geht es mir. Doch, ein Papst tritt zurück. Doch, er spricht psychologisch, offenbart einen Blick in sein Inneres. „Die Kraft hat in mir derart abgenommen…“ Er legt das Amt ab, spricht einfach, von Mensch zu Mensch. Sein Schritt anerkennt das Recht einer, seiner subjektiven Wahrheit gegenüber dem Ausharren in der objektiven Pflicht.

Die Spannung, in der seine Entscheidung zu seinem Programm steht, der Diktatur des Relativismus zu widerstehen, ist Benedikt gewiss nicht entgangen. Ihn dennoch zu tun, sich nicht treiben zu lassen, zeigt menschliche Grösse. Sein Rücktritt ist die bedeutendste Tat Benedikts. Ein alter und kranker Papst wird künftig an ihm Mass nehmen; die Rücktritte werden mit den Jahrzehnten nicht mehr erst in den Achtzigern erfolgen. Es wird möglich werden, einen Mann in den besten Jahren zu wählen, ohne befürchten zu müssen, ihn 30 Jahre am Hals zu haben. Was bleibt sonst von Benedikt? Das Gebet mit den Weltreligionen wird weitergehen. Die massiven priesterlichen Missbräuche hat er ernst genommen. Er hat Opfer getroffen, hat am Ende auch angesehene Bischöfe abgesetzt, hat Bischöfe aus der ganzen Welt mit der persönlichen Erfahrung der Opfer konfrontiert. Hier ist ein Tabu zerbrochen, weniger aus Einsicht denn auf unerhörten öffentlichen und medialen Druck. Indes hat Benedikt nie zu zwei Entscheidungen in München und Milwaukee Stellung genommen, die Kinderschänder gedeckt haben.

In zentralen Fragen – Ersticken des geistlichen Lebens unter dem Machtanspruch des Klerus, Menschen- und insbesondere Frauenrechte, der überbordende und arrogante Zentralismus, die Reform der römischen Kurie – ist nichts, aber auch gar nichts vorangegangen. Im Gegenteil, der Anteil der Kurialen und der Italiener unter den Kardinälen ist wieder gestiegen; katastrophale Bischofsernennungen zeigen vielerorts eine klerikale „Elite“, die darauf pfeift, die Spiritualität der Ortskirche einfühlend zu verstehen und in der Gesamtkirche zu vertreten. Stattdessen kommt sie, um die Wahrheit durchzusetzen. Welche? Natürlich jene der römischen Kurie, von deren Gunst diese Fronvögte gänzlich abhängen.

Doch mehr noch: Benedikt vertrat die reaktionärste Linie seit hundert Jahren, seit Pius X. Als Kardinal hatte er das Konzil als blosses Pastoralkonzil relativiert; als Papst betonte er die Kontinuität derart, dass Entscheide, die als substantiell neu empfunden werden, gar nicht möglich sind. Solche gibt es aber. Sein wichtigstes Projekt, die die Wiederaufnahme der Piusbrüder, steht, glücklicherweise, vor dem Scheitern. Hier zeigte sich eine gefährliche Illusion, es könne doch möglich sein, zur Ordnung vor 1789 zurückzukehren, und eine unerhörte Unbekümmertheit gegenüber faschistischen Tendenzen. Und schliesslich eine völlige Fühllosigkeit für die Not, welche die Christen im Westen mit ihrem von Rom ruinierten Ansehen haben. Viel wichtiger: sie haben doch 600 Priester, linientreu bis ins Koma, alle schön enthaltsam (naja, hoffen wir‘s): Klerikalismus in Reinform.

Nicht vergessen soll sein, dass Kardinal Ratzinger die lateinamerikanische Theologie der Befreiung weiträumig zerschlagen hat, was die Hoffnung der Armen auf Besserung der Verhältnisse zerschlug und sie den Jenseitsversprechungen der Freikirchen in die Arme trieb. Hier trägt der zurücktretende Papst historische Schuld. Ebenso war die Erklärung Dominus Iesus ein Tiefschlag in die Magengrube unserer evangelischen Geschwister, nachdem diese sich in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre bis an die Grenze der Selbstaufgabe geöffnet hatten. Noch jedes Mal haben die Menschen einen papa angelicus, einen engelgleichen Papst erhofft. Die Erfahrung zeigt indes: nur selten folgt ein Besserer nach. Zu rigide sind die Eintrittsbedingungen in den Kreis der alten Männer in langen Kleidern. Der grossen Mehrheit der Kardinäle ist das zeitgenössische Lebensgefühl mit seiner unübersichtlichen Vielfalt der Standpunkte und subjektiven Wahrheiten fremd. Kardinal Martini (er wäre die bessere Alternative zu Ratzinger gewesen, wäre Johannes Paul II. rechtzeitig zurückgetreten) hat kurz vor seinem Tod auf die verzweifelte Verkrustung des römischen Systems hingewiesen.

Das Pontifikat Benedikts zeigt in Grösse und Scheitern: selbst die katholische Kirche kann sich dem Fortgang der Geschichte nicht entziehen. Auch ihr geschehen Veränderungen, die eine eigene Dynamik in Gang setzen. Ihr Widerstand gegen den Druck dessen, was den Anspruch der objektiven Wahrheit relativiert, lässt sich nicht aufrechterhalten. Die Kirche ist etwas anderes als Das Programm ihrer Führung. Das ist dann wohl doch ein Hoffnungszeichen: die Kirche ist unterwegs, ihr Lebensprinzip der Einheit in Vielfalt wiederzuentdecken, zusammengehalten nicht von römischer Macht, sondern von der Kraft des Geistes.

Franziscus I
Wie mich der Vater evangelisiert hat

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Marco Messina
Verantwortlicher Blogs
blog(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4