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Buchauszug: Für ein besseres Miteinander IV

Buchauszug: Für ein besseres Miteinander IV

Meine Konversion Teil I

Es ist manchmal schwierig, als Konvertitin zwischen zwei Fronten zu stehen. Bisher hielt ich meine „Doppelbürgerschaft" als Schweizerin und Muslimin immer für einen Vorteil, denn beides zu kennen, heisst doch auch, beides zu verstehen, in der Lage zu sein, zu vermitteln, und das Unrecht, dort wo es geschieht, mit Kenntnis der Fakten anzuprangern. Seit Kurzem wollen uns aber gewisse Leute auch das noch absprechen. Wir Konvertiten seien gefährliche Nomaden. Gefährlich, weil die Religion übernommen wird ohne ihre Verwurzelung in der Tradition und Kultur. 


Dies begünstige Radikalität, meint Olivier Roy in seinem neusten Buch Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. Als Beleg für diese verallgemeinernde Theorie diente die Tatsache, dass Al-Qaida die islamische Bewegung mit dem höchsten Anteil von Konvertiten ist, laut Oliver Roy. Ich will nicht abstreiten, dass es leider Konvertiten gibt, die einen gewaltsamen Weg beschreiten. Aber wäre es nicht fairer, den prozentualen Anteil der friedlichen Konvertiten dem gegenüberzustellen, statt sich einseitig auf eine Splittergruppe zu stürzen? Das verzerrt die öffentliche Wahrnehmung und ist für uns andern wirklich diskriminierend. Hugo Stamm ortet gleich noch mögliche Ursachen, die zur Konversion führen: Konvertiten seien oft verhaltensauffällig oder emotional unausgeglichen, manche schafften den Übergang von der Pubertät ins Erwachsenenleben nicht; der Glaubenswechsel sei eine Flucht vor sich selbst oder eine Rebellion.

Jetzt werden wir also auch noch pathologisiert! Danke für das Mitgefühl, ich fühle mich aber gar nicht krank! – Ehrlich, ich war empört, als ich das erste Mal von dieser Theorie erfuhr, dann aber rief ich mir in Erinnerung, dass es aufgrund des schlechten Islambildes ja eigentlich nur logisch ist, dass man Menschen, die trotzdem konvertieren, für verrückt erklärt. Persönliche Lebenskrisen und vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Verliebtheit oder Gehirnwäsche durch eine Gemeinschaft, in der man sich geborgen fühlt, sind dann mildernde Umstände und Erklärungsversuche zugleich. Lassen sich die Leute nicht „heilen", versieht man sie mit dem Stempel radikal und extremistisch. Doch wie immer ist nicht alles so, wie es scheint …

Früher oder später fragen mich die meisten Menschen, warum ich zum Islam konvertiert sei. Vielleicht geht es Ihnen auch so. Warum mache ich mir das Leben selber schwer, indem ich Muslimin werde und in Kauf nehme, dass ich in die unterste soziale Schublade gesteckt werde? Falls Sie daran interessiert sind, lade ich Sie ein, mich auf meinem Glaubensweg zu begleiten und zu erfahren, welches meine Gründe waren. Meine Beziehung zu Gott dauert schon an, seit ich denken kann. Ich fühlte mich geborgen und beschützt. Da war Gott, und ich war sein Geschöpf, und seine Engel behüteten mich. Vom Teufel, der Erbsünde und Erlösung wusste ich noch nichts. Da war ich etwa fünf Jahre alt. Bei den Methodisten hörte ich Prophetengeschichten. Sie gefielen mir. Ich lernte Jesus kennen. Ich spürte, dieser Mann ist wichtig in der Religion. Als ich etwa acht war, zügelten wir und fortan besuchte ich die Chrischona-Gemeinde. In der Chrischona war Jesus der Mittelpunkt. Wir beteten sogar zu Jesus. Das hatte ich vorher nie getan. Aber man sagte mir, Jesus, der Heilige Geist und Gott seien eine Einheit. Drei in einem. Als ich etwas älter war, begann ich zu allen drei zu beten, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Das heisst, ich benannte in der Anrede alle drei und dann kam ein Gebet, das an alle drei ging. So löste ich den Konflikt, den ich damals schon spürte. Daneben besuchte ich die biblische Geschichte in der Schule und den Konfirmandenunterricht. Ich sprach mein christliches Glaubensbekenntnis während der Konfirmation aus vollem Herzen.


Ich weiss nicht mehr, in welchem Alter ich beschloss, die ganze Bibel zu lesen, jedenfalls habe ich irgendwann mit elf oder zwölf begonnen und ein paar Jahre später geendet. Das Neue Testament habe ich sogar mehrmals durchgelesen. Als ich fünfzehn war, entdeckte ich unter den Büchern meiner Eltern ein Buch über Yoga. Ich war begeistert! Endlich hatte ich eine Handhabe, wie ich meine Gesundheit selbst beeinflussen konnte. Durch das Buch erhielt ich aber auch eine neue geistige Inspiration: die Reinkarnationslehre gefiel mir. Als ich dann auch noch herausfand, dass die Reinkarnation in der Bibel beschrieben wurde, nämlich, dass Elias wiederkam als Johannes der Täufer in Matthäus 17/11–13, beschloss ich, daran zu glauben. Ich wusste, dass die Kirche diese Stelle anders interpretierte, denn die Reinkarnation hat keinen Platz im christlichen Glauben, aber mir gefiel sie. Vielleicht, so dachte ich, vielleicht gibt es ja zuerst ein paar Jahrmillionen Reinkarnation, und dann folgt der Tag des Jüngsten Gerichts, und dann entscheidet sich, wer in den Himmel oder die Hölle kommt.

Als ich ungefähr sechzehn Jahre alt war, realisierte ich, dass meine Eltern auch auf der Suche waren. Sie besuchten anthroposophische Kurse und lasen die Bücher von Rudolf Steiner. Ich las sie teilweise auch und besuchte sogar einmal einen Vortrag. Unter der Schullektüre an der Diplommittelschule faszinierte mich Siddharta. Ich liebte die Mystik. Gerne hätte ich mich in die Einsamkeit zurückgezogen, um auf höhere geistige Ebenen zu gelangen. Durch die verschiedenen Einflüsse war inzwischen meine christliche Grundreligion durchzogen mit buddhistischen, anthroposophischen und esoterischen Elementen. In der Chrischona wurde mir das Denken etwas zu eng. Doch Mittelpunkt war immer Gott. Der Kinderglaube wurde langsam abgelöst durch einen bewussteren Glauben.

Oft höre ich, wer glaubt, soll sein Denken abgeben, so, als könne man nur mit dem Herzen glauben und müsse einfach ein bisschen kindlich-naiv sein, um glauben zu können. Ich teile diese Einschätzung nicht. Glaube ist für mich die Frucht intensiven Nachdenkens. Ich sehe mir die Schöpfung an, lese die wissenschaftlichen Artikel zur Entstehung der Welt und dass anscheinend alles aus dem Nichts in Erscheinung trat. Niemand kann sagen, woher die Materie kam, und niemand, woher die Kraft des Urknalls kam. Man kann diese Tatsachen nun stehen lassen und sagen, okay, wir wissen es nicht, basta. Oder wir bemühen Herrn Zufall und Frau Irgendwie. Oder wir gehen davon aus, dass hinter allem eine bewusste Kraft steckt, ein Wesen, das nicht wie wir der Endlichkeit unterworfen ist, sondern durch sich selbst existiert, Leben pur, das alles erschaffen hat.

Wenn ich mir die Menschheitsgeschichte ansehe, fällt mir auf, dass es seit Urzeiten und in allen Weltteilen Kulte und Religionen gibt, in denen Gott oder Götter verehrt werden. Ich frage mich, woher dieses Bedürfnis kommt. Ist es wirklich nur die Folge eines Erklärungsversuchs, wie die Welt entstanden ist, oder ist es ein in uns angelegter Sensor, der es uns ermöglicht, auf Empfang zu schalten, um mit dem Höchsten Wesen zu kommunizieren? Nun, was mich betrifft, so gestehe ich, dass ich mich nach gründlichem Nachdenken bewusst für den Glauben entschieden habe. Warum? Weil ich es logischer finde, dass Geschöpfe, die sich die Frage nach dem Weltsinn, Lebenssinn, dem Woher, Wozu und Wohin stellen, von einem intelligenten Wesen erschaffen wurden, als dass ein unpersönliches Zufallsprinzip solch eine Denkleistung „per Zufall" und somit ohne jeglichen Nutzen hervorgebracht hätte. Solch ein Zufall dünkt mich rechnerisch unwahrscheinlicher als ein Allerhöchstes Wesen.

Auf diesen Schlussfolgerungen gründet mein Glaube an Gott. Wobei damit noch nicht die Frage nach der Religion geklärt wäre …


Gekürzter Auszug aus: Fouzi, Esther. Für ein besseres Miteinander. Eine Muslimin lädt zum Gespräch. Frankfurt: R.G. Fischer Verlag, 2014
ISBN: 978-3-8301-9789-8, www.besseresmiteinander.com


Ich stelle mich vor
Nachhall zum Lutherjahr

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