Simon Pfeiffer

Meine Bibel

Ich besitze nicht nur eine Ausgabe der Bibel. Doch meine „Hauptbibel", eine Zürcher Übersetzung, die mich bereits durch Konfunterricht, Kanti und Theologiestudium begleitet hat, steht an meinem Arbeitsplatz direkt hinter mir, zusammen mit den allerwichtigsten Büchern für meinen Beruf wie Gesangbuch, Losungen, Pfarrkalender und Telefonbuch.

Das dunkelblaue Buch ist bereits recht abgegriffen, und der Riss im Bucheinband ist mit Textilband und Lederstreifen nicht sehr ästhetisch geflickt. Das Buch ist mir wertvoll, weil ich während des ganzen Theologiestudiums wichtige Stellen mit Buntstift markiert habe. So finde ich auch heute noch Kernaussagen, historische Verweise oder persönliche Lieblingsverse. Jedoch macht der alten Zürcher Übersetzung in letzter Zeit die neue Zürcher Übersetzung und eine andere neuere Übersetzung den Platz strittig.

Schön, dass wir ein monumentales Buch wie die Bibel für wenig Geld in verschiedensten Ausgaben und Sprachen erwerben können. Doch eigentlich ist es eine Schande, was die verschiedenen Leser aus diesem Buch herauslesen und dann erst noch als letztgültige Wahrheit propagieren. So wird ein Weltschöpfungsmythos, der zu seiner Zeit aktuellen Wissensstand und Weisheit vereinte, mit einem Forschungsbericht verwechselt. Und da dieser „Forschungsbericht" in einem heiligen, verbal inspirierten Buch steht, darf man auch an keinem Satz davon zweifeln.
Hallo, wo leben wir denn?

Die Welt hat sich in den letzten zweieinhalbtausend Jahren ein bisschen verändert. Und die Wissenschaft, die sich von der Religion gelöst hat, weiss noch mehr. Dass Sterne, Wasserläufe, Bäume und Tiere keine Götter sind, die wir fürchten müssen, wissen wir unterdessen längst - das ist eine der Hauptaussagen des Schöpfungsmythos in Genesis 1. Was uns heute aber fehlt, ist ein „Mythos", der den aktuellen Stand der Wissenschaft mit religiöser Weisheit verbindet und dem Menschen, der in der heutigen Welt lebt, einen Sinn für sein Leben skizziert. Alte heilige Texte sind wie Nüsse, die man knacken muss, um das Wesentliche für die heutige Zeit geniessbar zu machen. Wer dies ohne historisches und literarisches Wissen angeht, vergewaltigt den Text.

Leider lese ich vor allem in der Bibel, wenn ich für eine Veranstaltung wie Unterricht oder Gottesdienst etwas brauche. Natürlich komme ich dann jeweils ins Blättern und Nachschlagen, doch eine regelmässige Bibellektüre für den privaten Gebrauch gibt es bei mir nicht, auch wenn ich das noch so gerne tun würde. Mir fehlt der geregelte Tageslauf eines Klosters. Genauso geht es mir mit dem Meditieren, Gottesdienste besuchen, Pflanzen giessen oder Zehennägel schneiden. Alle diese Dinge bringe ich nicht in einen festen Rhythmus. Ich mache es erst, wenn es wieder „ansteht".

Singen vor Steinen
Gastfreundliche Kirche oder Mission? - Oder vielle...

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