Simon Pfeiffer

Liebe hat langen Atem

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 Wie nehmen wir Gott wahr? In Geschichten? In besonders alten Geschichten? In besonders gekennzeichneten Geschichten sogenannt heiliger Bücher? Oder doch eher im täglichen Erleben? In den wunderbaren Zusammenhängen der vielfältigen Ökosysteme? In der Vielfalt des Lebens? Im respektvollen Zusammenwirken verschiedenster Lebensformen? In wechselnder spannungsvoller Harmonie von Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedener Kulturen, Tieren verschiedener Ernährungsvorlieben und sogar Pflanzen, die unter sich Informationen austauschen? Als strikte Abgrenzung von Richtig und Falsch oder als umfassende Liebe, die mehr möglich macht als jede einzelne Lebensform, jedes einzelne Lebewesen in sich trägt?

Hat Gott bloss in biblischen Zeiten zu Menschen gesprochen und schweigt seither? Oder spricht Gott immer wieder neu in verschiedenen Zusammenhängen, in besonders entscheidende Situationen, in wegweisenden Erlebnissen? Spricht Gott nur vermittelt durch alte Texte, die von Richtiggläubigen ausgelegt werden müssen, denen dann von Gläubigen geglaubt werden muss? Oder spricht Gott gerade im gemeinsamen Suchen nach Wegen in eine Zukunft, die noch besser werden kann? Und ist etwas, was Menschen vor langer Zeit als Gottes Botschaft verstanden haben, noch heute und für immer gültig?

Wenn erzählt wird, Gott habe die Welt mit den Menschen geschaffen und sie sei gut so, sollten wir heutige Menschen dem Sinn dieser alten Worte nachsinnen oder auf dem Stand heutigen Wissens die Welt als Gottes Schöpfung einteilen in „gelungen" und „misslungen", in richtig oder falsch? Haben wir alles Wissen, das wir brauchen, um die Welt mit allen Lebewesen zu beurteilen? Oder müssten wir nicht jedes dieser Lebewesen selber befragen zu seiner eigenen Stellung in der fortschreitenden Entwicklung der Schöpfung – natürlich vorausgesetzt, das wäre rein sprachlich machbar? 

Ist aus heutiger Sicht überhaupt das Bild einer statischen Schöpfung – geschaffen und fertig – noch vertretbar? Oder müsste man nicht viel eher von einem stetigen Prozess der Weiterentwicklung des Lebens mit allen notwendigen Voraussetzungen sprechen? Von einer Evolution? Und umfasst eine solche Evolutionsbewegung nicht alles Leben, geschaffen oder gewachsen, direkt erlebt oder kulturell vermittelt, körperlich gebunden oder gefühlt und gedacht?

Gibt es überhaupt andere Konstanten in unserer Welt als Bewegung und Weiterentwicklung? Und wie kann in einer solchen Welt von Gott gesprochen werden als immer gleich? Ist nicht davon auszugehen, dass sich mit der Welt und dem Leben auch Gott entwickelt und Fortschritte macht? Ist denn Gott heute noch gleich wie vor zweitausend Jahren? Oder was an der Botschaft Gott ist tragend und Zeiten überdauernd, Menschen verbindend? Und was würde Gott heute anders vertreten als damals?

Auf dem Stand meiner gegenwärtigen Erkenntnisse ist Gott wesentlich das Ja zu mir in meiner heutigen Form, auf meinem heutigen Stand, in meiner heutigen Unvollkommenheit, mit meinen heutigen Zweifeln und Hoffnungen. Dieses Ja anderen Menschen zuzusprechen ist, was ich mache, wenn ich in der Kirche oder bei Gelegenheit einen Segen weitergebe. Dieses Ja kommt bedingungslos. Und es berührt und verbindet.

Coverbildquelle: https://pixabay.com/de/photos/marienk%C3%A4fer-fehler-insekten-paar-1593406/ (Nutzer: RonBerg; letzter Zugriff: 09.11.2019)

Weltverzerrung im dunklen Glas

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