Joe M.

Leben ist Veränderung

Im Alter von 35 Jahren steckte ich in einer tiefen Krise. Ich musste mir schweren Herzens eingestehen, dass meine Ehe – zuletzt ein Sumpf aus Verletzungen und Verlustängsten - endgültig gescheitert war. Ausserdem litt ich seit über 15 Jahren an der Krankheit Morbus Bechterew, die in der Schulmedizin als unheilbar gilt. Das lähmende Gefühl, versagt oder zumindest etwas falsch gemacht zu haben, ergriff von mir Besitz. Die Tristesse dieser Situation liess mein Selbstbewusstsein in den Keller sinken und ermahnte mich, in meinem Leben dringend etwas zu ändern. Ich war bereit, alte Sichtweisen und Einstellungen über Bord zu werfen. Mein Erstkontakt mit esoterischem Gedankengut war das Buch „Krankheit als Weg" von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke.

Die Quintessenz dieses „Ratgebers" lautete, eine Krankheit selbst verursacht zu haben und als Botschaft der Seele zu verstehen. Die Aussagen der Autoren empfand ich zunächst als verletzend, ja geradezu schockierend und ich sträubte mich dagegen, ihre Ansichten über die Kausalität von Krankheiten zu teilen. Doch schon bald konnte ich mich in der Beschreibung des still duldenden, rücksichtsvollen Rheumapatienten wiedererkennen. Das Buch wies jedoch unmissverständlich auf die Chance hin, die Verantwortung für sich und sein Leben selbst zu übernehmen. Mein unterschwelliges Gefühl der Hilflosigkeit schien plötzlich überwunden zu sein - ich brauchte ja lediglich die versteckten Hinweise der Krankheit zu entschlüsseln und mittels neuem Verhalten und Denkmustern die Heilung einzuleiten.

Dass ein Mensch in Krisen- und Ausnahmesituationen offen ist für die skurrilsten Lehren und Methoden, liegt in der Natur des Hilfesuchens. Das Angebot ist gross und reicht von sanften Praktiken wie Handauflegen bis hin zu Radikalkuren, die ans Eingemachte gehen und das Potential haben, die eine oder andere schmerzvolle Erinnerung ans Licht zu zerren. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass gar nichts passiert, solange man auch nichts zulassen will (oder kann). Wer zu sehr die Kontrolle über seine Gefühle behält und daher nur an der Oberfläche kratzt, wird kaum Einsicht und Heilung erfahren.

Meine Esoterik-Laufbahn begann mit einem Reiki-Seminar, wobei diese Methode nach Abschluss des Practitioner schon bald langweilte und ich mich dem kraftvolleren Rebirthing zuwandte. Wir versuchten also in der Gruppe durch exzessives, an Hyperventilation grenzendes Atmen, Blockaden zu lösen. Wer nach einer halben Stunde nicht von einem Schrei- oder Weinkrampf geschüttelt wurde, konnte nicht richtig loslassen. Zum Abschluss entspannten wir uns bei sanfter Musik, genossen ein paar (seelische) Streicheleinheiten der Kursleiterin und fühlten uns beim Verlassen des Seminarraums wie neu geboren.

Zu Hause legte ich gelegentlich Tarotkarten. Das Spiel mit den archetypischen Symbolen sollte - nebst seinem Unterhaltungswert und der ansprechenden Ästhetik des Crowley Decks - gewisse Verhaltensmuster bewusst machen. Auch das Deuten der Träume erwies sich als spannende Beschäftigung. Das morgendliche Nachschlagen im Traumbuch sensibilisierte das Verständnis, dass Träume eben nicht nur Schäume sind, sondern dem Verarbeiten unbewusster Emotionen und somit dem seelischen Gleichgewicht dienen.

Die Esoterikbranche boomte in den 90iger Jahren. Astrologen und Wahrsager boten damals (wie heute), fixfertige Lebensrezepte und Problemlösungen an – wohl wissend, dass auf diese Weise beim Hilfesuchenden bestimmt keine Bewusstseinsprozesse stattfinden. Wenn ich heute zurückschaue und mich erinnere, wie ich als rationaler Mensch so manchen esoterischen Unfug mitgemacht habe, bin ich erstaunt und belustigt zugleich. Auf jeden Fall war es aber eine neue, faszinierende Welt, die mit Parolen wie „Dieser Workshop wird dein Leben verändern" prahlte. Die Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen und das (teilweise) Abschalten der Ratio waren der Schlüssel zu neuen Einsichten, die alte Verkrustungen aufbrechen und mitunter Läuterung herbeiführen konnten.

Die Gefahr der Abhängigkeit von Wochenend-Psycho-Seminaren ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen, kann doch so ein regelmässiger Seelenstrip in einer geschützten Runde mit Gleichgesinnten schon fast wie eine Droge wirken. Die Nabelschau birgt aber auch die Möglichkeit, in die eigene Gefühlswelt einzutauchen und sich den Ängsten der verletzten Seele zu stellen. Der geistige Lehrer kann einen Menschen durchaus ein Stück auf dem spirituellen Pfad begleiten - wobei der Grat zwischen seelischem Wachsen und mentaler Hörigkeit ein schmaler bleibt und man zusätzlich noch aufpassen muss, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Für mich hatte der englische Heiler Tom Johanson mit seinen Seminaren so eine Art Guru-Funktion. Das Lauschen der kraftvollen und gleichwohl meditativen Vorträge des fast 80jährigen, charismatischen Mannes hatte jeweils die entzündlich-rheumatischen Schübe meiner Krankheit für Wochen eingedämmt und die Beweglichkeit der Wirbelsäule merklich verbessert. Meine Physiotherapeutin bestätigte bei den entsprechenden Therapie-Übungen den positiven Effekt dieser Seminare – sie war aber im Allgemeinen immun gegen esoterische und alternative Heilmethoden. Selbst der Tuina Massage und dem Schröpfen (beides Praktiken der traditionellen chinesischen Medizin) stand sie skeptisch gegenüber. Ihr lakonischer Kommentar: Man weiss es heute besser. Nun, wüsste es die Schulmedizin besser, hätte ich mich wohl kaum auf all die abenteuerlichen Rituale und Trips eingelassen

Vermutlich waren auch die täglichen Zen-Meditationen und die wöchentlichen Gruppenübungen mit Sitzen – Schreiten – Sitzen der Gesundung von Körper, Geist und Seele zuträglich. So ab 40 hatten die degenerativen Entzündungen nachgelassen und danach ganz aufgehört. Was blieb, ist eine steife, teils verknöcherte und verkrümmte Wirbelsäule nebst allerhand Erfahrungen in spirituellen Belangen - jenseits von Edelsteintherapie und Räucherstäbchenromanik. Ob die Krankheit letztendlich wegen der intensiven Auseinandersetzung mit meinen Licht- und Schattenseiten anhand psychologisch-esoterischer Praktiken zum Stillstand gekommen ist, vermag ich nicht schlüssig zu sagen. Laut Schulmedizin ist der typische Verlauf der Bechterewschen Krankheit im Alter zwischen 20 und 40 Jahren angelegt. Also doch alles nur Humbug?

Kann sein, aber darum geht es nicht. Entscheidend ist der Glaube an sich selbst - zu wissen, ich kann etwas verändern und bin nicht das Opfer eines unbekannten Schicksals. Mit Glauben meine ich aber ausdrücklich nicht die einschränkenden, absolutistischen Dogmen einer Religion oder Sekte, sondern die Freiheit, für mich selbst herauszufinden, was mir gut tut. Es geht darum, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und aus dem globalen Werkzeugkasten das Tool oder die Philosophie herauszuholen und auszuprobieren, wovon ich grad am meisten überzeugt bin. Die tägliche Arbeit mit diesen Werkzeugen kann dir aber niemand abnehmen und schliesst auch die Möglichkeit nicht aus, sich Jahre später von der einen oder anderen Lehre oder Methode zu distanzieren, denn: Leben ist Veränderung.
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