Thomas Philipp

Laudatio anlässlich der Verleihung des Herbert-Haag-Preises an Erzbischof Albert Rouet: Das grosse Ja verkörpern

Welche Freude, Père Rouet, heute die Laudatio auf Sie zu halten! Im Herbst 2009 stiess ich auf Ihr Buch J’aimerais vous dire, und las es. Las es nochmals. Es begegnete mir eine Sprache der Beziehung, mir, meinem Befinden, meiner Arbeit näher als meine eigene theologische Sprache. Erst war ich verblüfft. Dann begeistert. Ich machte mich an die Übersetzung.

Nun fällt mir die Aufgabe zu, Ihnen allen etwas von dieser Erfahrung zugänglich zu machen – in wenigen Minuten nur. Es begegnet uns hier eine Logik, eine strenge Logik sogar, die anders denkt als die ausgetretenen Kirchenpfade. Es ist nicht so einfach, sie auf Anhieb zu erfassen. Aber vielleicht gelingt es doch, dass der eine oder andere Gedanke Sie berührt und begeistert, so dass Sie Lust bekommen, Rouet zu lesen. Wir haben heute einen bedeutenden Theologen zu Gast.

In vier Schritten stelle ich Ihnen das Werk Rouets und seine Bedeutung für die Freiheit in der Kirche vor. Mon Père, Sie gehen aus vom Lebensgefühl einer zerrissenen Epoche. Diese Epoche erfährt – zweitens – nur das als wahr, was einen nicht fallen lässt. Diese Epoche bedarf – drittens – einer ganz neuen Pastoral. Abschliessend frage ich nach der Methode der Kirchenreform Rouets.

Zerrissen

Heute erfährt sich der Mensch hoffnungslos zerrissen. Wichtige Stränge seiner Erfahrung – wirtschaftsbestimmte Aussenwelt, Selbsterfahrung, Religion, Philosophie – haben weitgehend aufgehört, miteinander zu kommunizieren. Sie ziehen sich in ihre jeweiligen Sprachen zurück. Dialog und Synthese fallen den auseinanderstrebenden Kräften zum Opfer. Selten ausgesprochen, beherrscht uns das Gefühl, Objekt anonymer Kräfte und Zwänge zu sein. Die Atmosphäre atmet Leere und Getriebensein. Auch die Christen verbergen sich lieber in vertrauten Sprachkammern – biblizistisch, traditionalistisch, reformerisch – als dass sie den Mut fänden, sich der Zerrissenheit des Einzelnen zu stellen. Eine zusammenhängende Deutung der Existenz, eine Identität scheint nur mehr möglich, indem ein Erfahrungsbereich, indem eine Sprache sich absolut setzt. Aber dann vereinnahmt eine fundamentalistische Haltung alle anderen. Oder schliesst sie aus.

Unsere Bischöfe halten sich eng an eine untergehende Kultur. Sie sieht im Priester den eigentlichen Träger des Christentums. Diese Haltung versperrt den meisten die unbefangene Begegnung mit der Erfahrung der Menschen: Sie verantworten sich nur noch vor der römischen Lehre, vor der Erfahrung der Gläubigen aber gar nicht. So geht kaum geistige Führung von ihnen aus, die ohne lebendige Auseinandersetzung eben nicht zu haben ist. Auch die Universitätstheologie gibt den Christen derzeit keine Synthese, welche die Vielzahl der Erfahrungen in eine zusammenhängende christliche Sprache bände, wie es Guardini, Rahner und Küng noch bis in die Achtzigerjahre vermochten. Drewermann fand keine Anerkennung, radikalisierte sich und scheiterte. Heute lesen Millionen Anselm Grün und müssen damit leben, dass seine Sprache sich mit jener der Bischöfe und Professoren gar nicht berührt, und dass niemand sich um Brücken sorgt.

In dieser Spaltung und Verwirrung binden Sie, Père Rouet, die wichtigsten Sprachen, die das Leben des heutigen Europa prägen, in eine tragfähige Synthese. Sie kennen – erstens – Bibel und Väter in verblüffender Breite; zweitens die französische Kultur aus ihren Quellen und aus lebendiger Zeitgenossenschaft. Sie lassen sich drittens prägen von Lévinas‘ Denken in Beziehungen, hinter dem Buber und Rosenzweig stehen. Viertens schliesst Ihnen die Psychoanalyse Lacans die Welt der subjektiven Erfahrung auf.

Wahr ist nur, was mich nicht fallen lässt

Das Problem dieser Zeit – ich folge nun Ihrem Denken – ist nicht der Verlust der festen Bezugspunkte. Sondern dass es zu viele davon gibt! Unsere erste Frage richtet sich deshalb nicht mehr auf die objektive, theoretische Wahrheit. So viele Wahrheiten stürzen über uns herein, dass wir uns erst einmal orientieren müssen. Welche Wahrheit lässt mich nicht fallen? So dass ich mein Leben auf sie bauen kann? Hier wird das authentische Suchen und Vertrauen wichtiger als die greifbare Antwort.

Wir leben im Pluralismus. Das heisst, es gibt in worthafter Gestalt keine Wahrheit mehr, die für alle gilt. Was hält dann das Christentum zusammen? Eine bestimmte Art von Beziehungen, ein typisch christliches Vertrauen! Das vorbehaltlose gegenseitige Ja macht das unterscheidend Christliche, die christliche Identität aus. Die Logik der Christen ist die Gegenseitigkeit, nach dem Vorbild der annehmenden Beziehungen in der Trinität. In sie erfährt sich der Christ hineingenommen. Der Kern der Frohen Botschaft ist dieses unsagbare Ja, grösser und wichtiger, als was Worte fassen. Wo die Beziehung derart im Mittelpunkt steht, ist der Stil der Beziehung das wichtigste Thema der Ethik. Sie, Père Rouet, unterscheiden zwischen zwei Beziehungsstilen. Hier finde ich den Dreh- und Angelpunkt Ihres Denkens.

Der erste Stil identifiziert sich mit der Autorität, mit dem Ideal, mit dem Gesetz. Sie sagt nicht ich. Sie sagt man. Sie sagt nicht ich will und ich verantworte. Sie sagt man muss. Es geht ja ums Prinzip! Man muss sich zur Wahrheit bekennen, muss ein eindeutiges Zeichen setzen, gleich welche Folgen das nach sich zieht. Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben (Joh 19,7). Die Beziehungsform ist ein kalter Moralismus, der sich von konkretem Leid nicht rühren lässt. Die zugehörige soziologische Gestalt ist der Zentralismus. Das Prinzip ist überall gleich, am besten setzt man es von der Spitze her durch. Das Klima ist gedrückt, weil der Mensch doch spürt, dass er sich hier nicht entfalten darf. Und pessimistisch, weil sich das Prinzip nie ungebrochen durchsetzen lässt; in der Geschichte kommen sich ja immer eine Vielzahl von Anliegen gegenseitig in die Quere. Diese Haltung – Sie nennen sie jansenistisch oder rigoristisch – zeigt sich vom Sakralen, vom Unantastbaren fasziniert. Hier lockt eine statische Lösung der Sinnfrage. Sie enthebt der Mühe des Suchens und Gehens. Ein zerbrechlicher Mensch spiegelt sich in der unantastbaren Wahrheit. So entkommt er den Zweifeln. Es ist sein Wille zur Macht, der diese einheitliche Identität in Szene setzt.

Der zweite Stil nimmt die Einsamkeit des Ich und seine neuzeitliche Eigenständigkeit an. Die Einheit mit Gott ist nicht durch Identifikation erreichbar, sondern nur durch die bejahende Beziehung, den Bund. Hier gibt es immer drei: mich, Gott – und die Beziehung, die uns verbindet! In Gestalt einer Liturgie, eines pfadfinderischen Projektes, einer ethischen Weisung. Diese kulturelle Form steht in einem grösseren Horizont, sie darf interpretiert und auf den Einzelfall hin verändert werden. Die Beziehung ist doch wichtiger als die Norm! Die Form dieser Beziehung ist Dialog und Zusammenwirken. Sie verlangt je neu die Mühe differenzierter Vermittlung. Das Ja zum anderen schliesst ein, sich selbst immer wieder in Frage stellen zu lassen. Das grosse Ja verlangt anzuerkennen, dass, was mir gewiss scheint, kulturell bedingt, nicht absolut gültig ist. Sondern relativ.

Nur der zweite Stil passt zum Glauben an den dreifaltigen Gott, der Beziehung ist, der mit dem Volk den Bund schliesst. Kein Begriff widerspricht der Kirche mehr als das Wort "Allgemein". Verallgemeinern heisst vereinnahmen. Katholisch sein heisst verbinden. Was heisst das nun für die Seelsorge?

Pastoral in Poitiers

Ich spüre: hm, die da mag mich nicht. Dann liebe ich die da auch nicht. So nicht. Was die da motiviert, versteh ich nicht. Ich will‘s gar nicht wissen. Ich erlaube meiner Kränkung, mich zu führen. Kreise um mich selbst.

Dies seltsame Zurückweichen, diesen gekränkten Narziss, diesen Schattentanz des Wenn ihr nicht, dann wir auch nicht geben unsere Bischöfe in ganz Europa. Überall dasselbe Zwielicht. Überall derselbe Missklang von Anspruch und Realität. Überall dieser hässliche Geruch des blinden Vorwurfs. Du, Gegenwart, müsstest einfach anders sein! Deshalb können wir dir – leider! – die Frohe Botschaft nur von fern, in immer weiter entfernten Zentren verkündigen. Im Grunde liegt es an Euch Gläubigen, die zu wenig für die Priester beten, die Berufungen zu wenig unterstützen. An uns kann’s ja nicht liegen, wir würden doch gern mehr Priester weihen, wenn wir mehr Kandidaten hätten! Im Grunde seid ihr Gläubigen, bist Du, Gegenwart, selbst schuld.

Bis eines Tages jedes Bistum die Sakramente in der Kathedrale konzentriert, als Zentrum einer Bischöflichen Seelsorgeeinheit (BSE) ... Wir sind ja mobil heute, nicht wahr, und Sie reisen doch auch zwei Stunden für ein Konzert im KKL! Zwar sprach der Mensch aus Nazareth davon, dass das Reich Gottes uns ganz nahe komme. Aber für die Struktur der Seelsorge ist das ohne Bedeutung. Wichtiger ist, dass die Macht des Priesters als Zentrum des Geschehens nicht angetastet wird.

In ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, den römischen Eindringlingen Widerstand zu leisten … ja, es ist erstaunlich: es gibt in ganz Europa nur ein einziges Bistum, das zur Gegenwart ein grosses Ja spricht. Das nicht von den immer gleichen klerikalen Prioritäten ausgeht, sondern die Struktur der Seelsorge von Potential und Bedürfnissen der Christen her entwirft.

Ein Christ soll das grosse Ja verkörpern: zur Situation, zum Anderen, zu sich selbst. Ein Christ hat eine Sendung! Er gibt sich nicht zufrieden mit dem Schattentanz. Ein Christ ist ein Pilger, er möchte vorankommen. Das dumpfe Drehen im Kreis ist ihm zu wenig.

Die Seelsorge in Poitiers setzt bei der Entscheidung zwischen Jansenismus und Bund an: Zentralisierung oder kreative Beteiligung möglichst vieler? Die Reform löst die Rolle des Pfarrers auf, der die Einheit garantiert, indem bei ihm alle Fäden zusammenlaufen. „Immer schleicht sich bis in die erhabensten theologischen Überlegungen, unmerklich und doch allgegenwärtig, der Gedanke der Pfarrei mit ein! So schön das alles klingen mag, ein Thema wird dabei immer sorgfältig umgangen: das Thema der Macht. Der Pfarrer bestimmt alles allein.“ Die Abschaffung des Pfarrers hat kein anderes Bistum übernommen, auch wenn sich manche auf Poitiers berufen. Aber diese Abschaffung ist der entscheidende Punkt, weil sonst die Laien Gehilfen bleiben. Rom hat Rouets Nachfolger das Versprechen abgenommen, die secteurs kirchenrechtlich als Pfarreien zu konstituieren. So dass doch wieder ein Priester der Chef jeder Einheit ist, an ihm vorbei nichts geht … Aber Sie, Père Rouet, sind zuversichtlich, dass sich die Entwicklung nicht zurückdrehen lässt, dass die Christen in Poitiers schon zu viel leben und verstehen von dem heiligen Potential, das in ihnen atmet.

Mon Père, Sie nehmen die Christen in Geistbegabung und Taufe ernst, machen sie zu den Trägern der Seelsorge. Oft fühlen sie sich überfordert. Aber in Poitiers ist noch keine Basisgemeinde zusammengebrochen, weil niemand den Ruf annimmt. „Je mehr ich den Christen vertraue, desto mehr Früchte erscheinen.“ Vertrauen, das Stichwort. Die Kirche ist dazu da, den Menschen das Evangelium anzuvertrauen.

Und die Priester? Fast allen geht es besser, seit sie in kleinen Gemeinschaften zusammenleben und nicht mehr für alles verantwortlich sind. Sie sind keine Konkurrenten der Laien mehr. Sie fördern das Wachstum der Laien, die ihre Charismen entfalten, zum Wohl aller. Menschen, die motivieren, aufrichten, heilen, braucht es, je mehr man den Laien Vertrauen schenkt. 1940 gab es im Bistum 800 Priester, 2010 noch 200. Aber über 10‘000 Laien, die in 320 örtlichen Gemeinden Verantwortung übernommen haben. Sie, Père Rouet, sagen dazu: C’est mieux! „Das ist doch viel besser!“

Es genügt, dass einer vorausgeht. Wir wissen jetzt wo der Weg durchführt, und ich bin ganz sicher, dass die europäische Pastoral in 30 Jahren im Wesentlichen der Linie von Poitiers folgen wird. Oder sieht irgendwer eine ernsthafte Alternative?

Welche Reform?

Die klerikale Ideologie rettet uns nicht. Aber auch nicht die liberale – Frauenrechte, Mitbestimmung, Wahlrechte. Sie, Père Rouet, gehen die Kirchenreform nicht ideologisch an. Sie verstehen den Glauben von der lebendigen Beziehung her: jenseits der Sprache, jenseits des Begriffs, jenseits der Ideologie. Sie fordern die Kirchenführung auf dem Boden des Glaubensbekenntnisses heraus. Dann kann sie nicht mehr sagen: Tja, die Kirche ist eben keine Demokratie! Sie kann bloss noch versuchen, Sie totzuschweigen. Oder Ihr Erbe auf administrativem Wege wieder den Prioritäten der priesterlichen Machtausübung anzupassen. Und zu hoffen, dass es niemand merkt. Darum ist es sehr gut, dass Sie heute den Preis für Freiheit in der Kirche erhalten.

Ihr Werk ist auf dialogische Bestätigung angewiesen, darauf, dass andere sich anstecken lassen und es weitertragen. Reden wir also von den Beziehungen, die Jesus uns lehrt. Reden wir vom Vater, der jene Beziehung eröffnet, die uns nicht fallen lässt. Reden wir über Beziehungen, die den anderen vorbehaltlos anerkennen und annehmen, auch im Konflikt. Selbst wer als Funktionsträger nicht mehr tragbar ist, bleibt ein Bruder. Liefern wir die Sprache des Glaubens – die Dogmatik – nicht jenen aus, als sie als Bescheidwissen missverstehen oder sie zur Verteidigung klerikaler Macht missbrauchen. Und auch nicht jenen, die in den Ideologien der Siebziger steckengeblieben sind. Die Reform wird Erfolg haben, wenn sie, weil sie tätig an den Gottesgeist in den Herzen aller glaubt.

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