Simon Pfeiffer

Konfirmationswunder und Depression danach

Jedes Jahr konfirmiere ich gegen vierzig Jugendliche, die den reformierten kirchlichen Unterricht bei mir besucht haben. Die Zeit vor Ostern mit den beiden Konfirmationen ist für mich deshalb „Hochsaison". Mit zwei Gruppen parallel bereite ich je eine Konfirmationsfeier in der Kirche vor. Mit Palmsonntag ist das Ganze dann vorbei. Es folgt die Nach-Konfirmations-Depression - nach einer intensiven Zeit.

In der Konfirmation laufen eine Vielzahl von Erwartungen zusammen: Diejenigen der alten Kirchenmitglieder, dass die Jungen das Kirchenleben einmal weitertragen, diejenigen der Kirchenleitung, dass die jungen Menschen über Kirche Bescheid wissen und als stimmberechtigte Mitglieder ihre Stimme einbringen, diejenigen der Eltern, dass ihre Kinder zu verantwortungsbewussten Erwachsenen werden, diejenigen der Verwandtschaften, dass der Tag ein freudiges Treffen wird und es in der Kirche nicht zu lange dauert, diejenigen der Konfirmanden und Konfirmandinnen, dass es nicht peinlich wird, die Erwartung des Pfarrers, dass nicht alles für die Katz' war und die jungen Menschen irgendwie ihren Weg finden und wissen, dass Gott für sie als Ansprechpartner da ist, wenn sie wollen.

Zuerst herrscht aber mal das Chaos. Je gegen zwanzig von langen Schultagen ausgelaugte Jugendliche müssen sich auf ein Thema einigen: Wer will was machen? Bildet man ev. einen Chor? Braucht es Requisiten für ein Theater? Traut sich jemand, etwas zu sagen? Ist das gewählte Thema wirklich gut? Oder wäre nicht das andere, das fast gleich viele Stimmen machte, besser? Was will man für Musik? Und überhaupt, sind nicht die Geschenke wichtiger?

Langsam bewegt sich die Gruppe dann auf eine gemeinsame Produktion zu. Der Gottesdienst beginnt auch im Kopf des Pfarrers Gestalt anzunehmen. Was Jugendliche zum Thema gesagt oder geschrieben haben, fliesst in die Suche nach einem passenden Bibeltext für die Predigt ein. Lieder werden nach Textinhalt und Singbarkeit ausgewählt. Einzelne laden in den wöchentlichen Abendstunden bloss ihren Tagesfrust ab, andere beginnen, die Fäden in die Hand zu nehmen und werden aktiv. Einige ärgern sich über den oder diesen, der schon wieder zu spät kam und den Songtext wieder nicht konnte.

In der letzten Unterrichtsstunde mit Mikrofonprobe für die Sprecher und Singprobe in der Kirche beginnt sich dann so etwas wie Ernst abzuzeichnen. Nie alle, aber meistens einzelne wollen noch etwas länger üben, noch etwas fertig malen. An der Hauptprobe am Samstagmorgen wird der Pfarrer noch einmal getestet. Würde der es auch aushalten, wenn wir etwas ganz anderes machen würden? Wo liegen die Toleranzgrenzen? Verdächtig wäre eine Hauptprobe, bei der alles wie am Schnürchen klappt und immer nur einer spricht.

Am Sonntagmorgen dann sind alle wie verwandelt. Schön angezogen, mehr oder weniger ausgeschlafen, nicht bekifft. Das kurze Aufwärmen am Mikrofon, das Durchsingen der Lieder in der Kirche verläuft so zahm, dass man etwas mehr Pep und Lautstärke fordern muss. Noch kurze Nervosität, bevor es dann wirklich beginnt. Das letzte Mal aufs WC, die letzte Zigi davor. Dann die Konfirmations-Gottesdienst-Show, eingeübt und doch irgendwie wahr. Mit einer Festgemeinde, die mehr oder weniger mitsingt und die andächtige bis freudig lebhafte Stimmung mitträgt. Ein Handschlag und ein Segenswunsch – eine Viertelminute persönlicher Kontakt in aller Öffentlichkeit. Und das war's. Die meisten jungen Menschen erlebe ich in der Intensität von Konflager und Konfirmationsvorbereitung nie wieder. Ein paar Worte wechseln beim Apéro, anstossen, aufräumen, Wiederverwertbares geordnet ablegen. Nachkonfirmationsdepression.

Ku Klux Klan & Co.
Eros und Verantwortung

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