Katharina Meredith

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Kinder in Sekten, Marienkäfer und weitere Identitätskrisen

Ich bin in einer Sekte aufgewachsen. Also gegen meinen Willen darin gelandet. Einem Weg gefolgt, den ich mir nicht selbst ausgesucht habe. So wie ganz viele mir bekannte Betroffene. Sie sind in einem religiösen oder politischen Umfeld aufgewachsen, welches keine Selbstentfaltung erlaubte. Stattdessen wurde strikte Anpassung gefordert.

Wenn wir uns so unterhalten, fehlt uns ein Begriff, von was wir eigentlich betroffen sind. Denn es gibt sie, diese ganz typischen Symptome von, naja, Kinder in Sekten? Und jetzt sehe ich zum Beispiel einen Marienkäfer vor mir. So ein kleiner halt. Ein Kinderinsekt. Warum gibt's da keinen besseren Begriff? Und ausserdem bin ich ja jetzt kein Kind mehr! Also was vielleicht zutreffen würde, wäre Menschen die von einer sektenhaften Kindheit geprägt wurden. Das ist allerdings etwas lang. In kurz vielleicht erwachsene Sektenkinder?

Die Tatsache, dass tausende von Menschen die von einer sektenhaften Kindheit geprägt wurden, keinen Begriff für sich selbst haben, zeugt davon, wie wenig Aufmerksamkeit dem Thema geschenkt wird. Genau deshalb fühlen wir uns ja abseits der Gesellschaft stehend. Wir sind mit einem ziemlich verkorksten Weltbild aufgewachsen und eine eigene Identität wurde uns mit aller Vehemenz von Gruppenzwang verwehrt. Die Erwartung war stets, die Gemeinschaft über sich selbst zu stellen, seine Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken und keine eigenständigen Ansichten zu entwickeln. Von klein auf wurde uns beigebracht, man könne niemandem ausserhalb der Gruppe vertrauen. Wie ein Aussteiger mal sagte: "Die knipsen das Licht aus und verkaufen Kerzen."

Irgendwann schafft man dann doch den unglaublich schweren Schritt in diese vermeintlich böse Aussenwelt und landet dort oft ohne genügende Schulausbildung, dafür mit fehlender Sozialkompetenz und einem katastrophalen Selbstwert. Eigene Entscheidungen treffen ist enorm mühevoll, bisher sollte man ja schliesslich immer nur blind dem Anführer folgen. Auch auf Erfolgserlebnisse kann man kaum zurückblicken. Lief etwas gut, dann natürlich nur wegen der göttlichen Führung. Versagen war dagegen immer eigenverschuldet.

Leider gibt es kaum Hilfe und wir erwachsenen Sektenkinder denken, wir sind ganz alleine. Und nach Kindern googeln, die in einer Sekte aufgewachsen sind, kann man auch nicht recht, weil eben kein Begriff existiert. Bis vor kurzem haben die Sektenexperten die Kinder ziemlich vernachlässigt. Viele meinten, es ginge Kindern so wie Erwachsenen. Was halt einfach nicht stimmt. Die Auswirkungen des ständigen Drucks auf die geistige und körperliche Entwicklung sind bei Kindern viel stärker als bei Erwachsenen. Jede Tat kann in die Hölle führen oder sonstige verheerende Folgen nach sich ziehen. Erwachsene gehen mit einer Vorgruppenidentität in die Sekte, welche dann nach und nach quasi überschrieben wird. Nach und während des Austrittprozesses kann aber der vorhandene Schatz an Lebenserfahrungen wieder ins Bewusstsein gerufen werden. Das fehlt uns. Der Himmel war immer gelb, jetzt ist er blau.

Und plötzlich steht man in einer neuen Welt mit unbekannten Regeln und weiss gar nicht, wer man eigentlich ist. Wenn jemand erst frisch ausgestiegen ist, lautet meine erste Frage oft: „Hast Du ein Hobby?" Und fast immer wird dies verneint.

Man muss etwas beim Namen nennen, damit es echt wird. Und wir vielen Erwachsenen, denen in unserer Kindheit so gewaltig in unserem Bewusstsein rumgepfuscht wurde, sind echt. Unsere Probleme sind echt, die Symptome spezifisch, professionelle Hilfe ist gefragt, Selbsthilfegruppen wären toll und ein Austausch nötig. Weil wir machen das nicht als einzige durch. Ganz im Gegenteil.

Mythen helfen, die grausame Welt zu ertragen, mach...
Menschenwürde

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