Simon Pfeiffer

In der Blog-Rubrik von religion.ch soll für jede Stimme - ob religiös oder nicht-religiös - Platz gefunden werden. Persönlichkeiten unterschiedlichster religiöser Herkunft aus verschiedenen Regionen der Schweiz äussern auf ihre persönliche Art und Weise ihre Gedanken, Meinungen, Erfahrungen oder Problemstellungen der heutigen Gesellschaft in Bezug auf Religion.

Kampf gegen die Burka

Der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, hat sich für ein allgemeines Burkaverbot, oder lieber ein generelles Gesichtsverhüllungsverbot in der Schweiz ausgesprochen. In seiner Argumentation führt er die Sichtbarkeit des Gesichts als wichtiges Identitätsmerkmal an, auch sei die Frau vor Kleidervorschriften zu schützen. Das tönt alles schön und gut, und ich tendiere sogar dazu, ihm zuzustimmen. Trotzdem habe ich ein paar Bedenken: 

  • Was ist eigentlich die Motivation hinter dem „Burkaverbot", das auf die gesamte Gesichtsverschleierung zielt, die Frauen als zu einer konservativen, traditionalistischen Richtung des Islam gehörend kennzeichnet? Ist es, diese Frauen zu freien Individuen zu machen, die sich in der Öffentlichkeit als selbstbestimmte Personen zeigen? Sollen damit genau diese Frauen den Männern gleichgestellt werden? Ist dafür ein allgemeines Gesetz, ein Verbot wirklich das richtige Mittel? Und sind die Männer, welche sich für ein solches Verbot stark machen, die richtigen, um sich für die Befreiung dieser „gefangenen" Frauen einzusetzen"? 
  • Wie viele Frauen tragen in der Schweiz tatsächlich einen Gesichtsschleier? Gibt es dazu Zahlen? Gesetze sollen verbreitete Missstände oder einen störenden unklaren Zustand mit klaren Richtlinien in erlaubt und nicht zugelassen teilen und so zum ungestörten Leben der Allgemeinheit etwas beitragen. Rechtfertigt die geringe Zahl tatsächlich gesichteter Burkas (Gitter) oder Niqabs (Sehschlitz) tatsächlich ein Gesetz? 
  • Eine Person mit Gesichtsverhüllung kann „Straftaten leichter anonym begehen". Geht von Frauen mit Gesichtsschleier eine Gefahr für die Öffentlichkeit aus? Falls ja, ist diese mit einem Verbot des Tuches vor der Nase gebannt? Bei der geringen Zahl an direkt gesichteten Gesichtsschleiern: Wie hoch ist die Gefahr, dass sich ein krimineller Mann als eine Frau ausgibt und im Schutze des Schleiers andere schädigt? Diese Gefahr wäre wohl mit der Einführung des Verbots gebannt, es bleiben aber Fasnachtsmasken, Schminke, falsche Bärte und Motorradhelme. 
  • Eine schwarz verhüllte Person mit schwarzem Tuch vor dem Gesicht macht Angst. Mir war es die bisher drei Mal, als ich in der Region Aarau eine Frau mit Vollschleier sah, auch nicht ganz wohl. Bloss machte ich mir mehr Sorgen um die Figur unter dem Gespenstertuch als um mich. Ich stelle mir solche Menschen als sehr ängstlich vor und nehme mir vor, das nächste Mal, wenn ich einer Vollverschleierten begegne, besonders freundlich zu grüssen und ihr einen schönen Tag zu wünschen. Als Frau könnte ich sie sogar zum Tee einladen und sie etwas kennen lernen. Für mich als Mann ist das etwas heikler. Die Gelegenheit, eine Verschleierte persönlich als Individuum anzusprechen würde mit einem Burkaverbot verschwinden.
  • Der eigene Wille jeder Person ist hoch zu achten. Was, wenn es der Wille einer Frau ist, ihr Gesicht in der Öffentlichkeit hinter dem Schleier zu tarnen? Weil sie fürchtet, jemand könnte sie erkennen und ihr schaden wollen? Egal aus was für Gründen, solange die Frau den Schleier nicht trägt, um sich anonym in einer Menschenmenge in die Luft zu sprengen, soll mich das sowenig belasten, wie ein Mann, der lange Röcke trägt oder das Gesicht voller Piercings hat. Das heisst nicht, dass der Gesichtsschleier immer und überall zuzulassen ist. Ich möchte keine Angestellte mit Schleier vor dem Gesicht, auch keine Schülerin, Fahren mit Schleier stelle ich mir gefährlich vor, auf Ämtern oder bei Billetkontrollen muss das Gesicht sichtbar sein, auch das Sprechen vor einer Fernsehkamera sollte nur mit sichtbarem Gesicht zugelassen werden, etc. 
  • Freiheit ist für mich ein sehr wichtiges Gut. Solange die Freiheit dieser verhüllten Frauen die Freiheit anderer nicht gefährdet, sollte doch möglich sein, dass die Freiheit von Kleidungsvorschriften bestehen bleibt. Ein staatliches Verbot träte bloss an Stelle der Familie, die das Tragen des Gesichtsschleiers fordert. Die betroffene Frau hätte damit nichts an Freiheit gewonnen. Frei wird sie hingegen, wenn sie sich eines Tages selbstbewusst entscheidet, den Gesichtsschleier nicht mehr zu tragen. Das kann ihr erleichtert werden, durch Bildung, auch obligatorische Deutschkurse, die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, und die Verpflichtung, etwas ausser Haus zu arbeiten (Schleier sollte kein Grund sein für den Empfang von Sozialhilfegeldern). 

Ich plädiere für einen unaufgeregten, kreativen, individuellen und persönlichen Umgang mit der Gesichtsverschleierung: Menschen freundlich ansprechen. Zeigen, dass wir keine gottlosen Barbaren sind, die jederzeit und überall mit allen potentiellen Partnern Sex haben. Verschleierte nicht in den Medien abbilden – da ist ja kein Gesicht, das etwas zu sagen hat. Männern in Begleitung verschleierter Frauen die eigene Irritation über das Verbergen des Gesichts mitteilen. Trotz Verschleierung direkten Kontakt zu Schleiertragenden suchen. Das Verbot ist ein Schritt mehr zur Einschränkung unserer mühsam errungenen Freiheiten. Menschen, die aus einem autoritären Staat mit vielfältigen unterdrückerischen Mechanismen kommen, kann in meiner Sicht getrost eine Überganszeit zugestanden werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diese Freiheit ablehnt, wenn sie oder er sie auf den Geschmack gekommen ist.

Gegen den Strom
Für und Wider das Burkaverbot

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