Willi Bühler

Ist Religion Glaube oder Erfahrung?

Peyote-Kaktus_Meskalin

Als ich noch Lehrer für Religionskunde war habe ich mich oft aufgeregt über Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen, die selbstverständlich davon ausgingen, dass Religion gleich Glaube sei, also etwas, was die Naturwissenschaften schon längst widerlegt hatten.

 Ich führte dann jeweils den «erweiterten» Religionsbegriff nach Caillois und Bataille ein: Religion ist all das, was das «normale» Alltagserleben übersteigt, transzendiert. Das kann der Flow beim Sport sein, ein intensives Musikerlebnis, Sex, kurz: alles, was unser banales blosses Vorhandensein transzendiert. Mit diesem Kunstgriff (Trick?) gelang es mir, wenigstens ansatzweise die meisten Religions-Verächter davon zu überzeugen, dass auch sie, wenigstens im Ansatz, religiös sind.


In der modernen Schuldidaktik hat richtigerweise der Erfahrungsunterricht einen hohen Stellenwert. In der Naturkunde erforscht man das Leben der Molche im nahegelegenen Bach, im Physikunterricht werden Experimente ausgeführt, im Musikunterricht wird Musik gemacht.
Und im Religionskunde-Unterricht? Texte werden interpretiert, Videos angeschaut, über Gott und die Welt diskutiert…


Einmal bekam ich eine neue Prorektorin als Vorgesetzte, eine Chemie-Lehrerin. Ich machte ihr den Vorschlag eines Joint Venture zwischen Chemie und Religionskunde: die Herstellung von Meskalin und die kontrollierte Abgabe im Rahmen des Religionskunde-Unterrichts der dritten Klasse, also an 16jährige. Sie strahlte mich an: «Warum eine Abgabe nicht schon in der ersten Klasse?» Da realisierte ich zweierlei: Die Dame hat Humor (Vorgesetzte mit Humor sind immer gut!) Aber auch: Die Dame nimmt mich wohl nicht ganz ernst.


Dabei habe ich diesen Vorschlag doch zu achtzig Prozent ernst gemeint. Denn was spricht dagegen, Schulkindern, sorgfältig eingeführt und begleitet, eine kleine Dosis einer bewusstseinserweiternden Substanz zu geben, damit sie experimentell erfahren, wovon Religionen reden, dass es nämlich neben der alltäglichen auch andere Welten gibt.


Natürlich war ich mir der gesellschaftlichen Realität bewusst und wollte auch nicht meine Rente aufs Spiel setzen. Deshalb verordnete ich denjenigen Schülerinnen und Schülern, die das Maturitäts-Ergänzungsfach Religionskunde wählten, ein Themenmodul »Religion und Erfahrung», in dem neben Mystik und Sexualität auch bewusstseinserweiternde Drogen behandelt wurden. Pflichtlektüre war dann jeweils «Die Pforten der Wahrnehmung» von Aldous Huxley. Der hatte in diesem Essay ja ausgiebig über seine Erfahrungen mit Meskalin erzählt. Und in seinem letzten Roman «Island» aus dem Jahr 1962 beschrieb er sogar die Abgabe bewusstseinserweiternder Drogen an Schulkindern.


Im Hintergrund dieser für viele wohl befremdlichen Vorstellung steht ein Bewusstseinsmodell, das davon ausgeht, dass die Wahrnehmungsfülle, die ein neugeborenes Baby besitzt, im Laufe des Spracherwerbs und der Erziehung zunehmend reduziert wird. Die Maschen des Netzes, das unsere Sinneseindrücke filtert, werden also immer enger. Mit dem Spracherwerb lernt dann das Kleinkind, die gefilterten Sinneseindrücke zu benennen und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Und da die Benennung der Dinge in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ist erwirbt das Kind so nebenbei die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kultur.
Das ist auch gut so, denn unter dem Ansturm ungefilterter Sinneseindrücke wäre der Mensch kaum handlungsfähig.


Doch wissen auch die meisten Kulturen darum, dass es neben der kulturellen Wirklichkeit noch eine oder mehrere andere, «ungefilterte» Wirklichkeiten gibt, die sich im religiösen Ritual erfahren lassen. Religiöse Rituale dienen so einer «kulturellen Auszeit», gewissermassen als Ferien vom Alltags-Ich.


Wofür ich also plädiere ist also kein ungezügelter Party-Rausch am Wochenende, sondern das Heben des verlorenen Schatzes empirisch erfahrbarer anderer Welten, was in unserer Kultur mit «Religion» bezeichnet wird.


​Coverbildquelle: https://pixabay.com/photos/cactus-crown-cactus-lophophora-1049201/ (Nutzer: Foto-Rabe, letzter Zugriff: 20.06.2019)

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