Institutionalisierung der Religion - Fluch oder Segen?

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Einmal hörte ich von einer im Christentum beheimateten Bekannten: "Ich muss nicht unbedingt in die Kirche gehen, um ein guter Christ zu sein; ich kann auch in der Natur an Gott denken." – Ich war über mich selbst überrascht, als ich mich aus einem plötzlichen Bedürfnis heraus, die Kirche zu verteidigen, sagen hörte: "Natürlich ist Gott überall. Doch in der Kirche kannst du in der Gemeinschaft von Gleichgesinnten auftanken und durch die Predigt neue Inputs für deinen Glauben holen."

Doch dann wurde mir bewusst, dass ich als Muslimin und Angehörige einer Minderheit eigentlich für mich selbst gesprochen habe. Denn für mich bedeuteten die Treffen in der Moschee nämlich genau das. Als Minderheit spürt man intensiver das Bedürfnis, seinen Glauben in der Gemeinschaft zu pflegen.

Deshalb habe ich einen ähnlichen Ausspruch noch von keinem einzigen Muslim gehört. Zusätzlich sind bei vielen Kirch- oder Moscheegängern wohl auch die Ansprüche verschieden. Früher gehörte es zum guten Ton, sich in der Kirche zu "zeigen". Das hatte dann weniger mit Gott zu tun als vielmehr mit den Menschen. Heute gehört gelebte Religiosität nicht mehr zum guten öffentlichen Leumund, sondern ist Privatsache geworden. Wer heute in die Kirche geht, tut es für sich selbst. Für die Muslime hingegen ist die Moschee nicht nur ein Ort, den man für die Freitagspredigt besucht, sondern ein Ort, in dem man auch zwischendurch das Gebet verrichtet oder sich trifft. Denn hier in der Schweiz sind die Moscheen zusätzlich Treffpunkt für gemeinschaftliche Aktivitäten, die nicht nur mit Religion, sondern auch mit eigener Kultur, Sprache und Tradition zu tun haben. Auch heute noch sind die meisten Moscheen in der Schweiz nach Nationalität und Sprache ausgerichtet. Für viele Migranten ist die Moschee ein Stück Heimat und ein Ort, wo die eigene Identität ohne Rechtfertigungsdruck ausgelebt werden kann.


Um auf die oben gestellte Frage zurückzukommen: Ich finde die Gebäude der verschiedenen Religionen, ihre Institutionen und ihre Dienstleistungen wirklich nützlich. Sie ermöglichen Gemeinschaft und engagieren sich auch sozial. Dies geht nur, wenn sie als Institution wirken, weil ein Zusammenschluss und gebündelte Kräfte mehr Energie freisetzen und Grösseres bewirken können als Einzelne. In diesem Sinne also Segen.


Was ist aber der Fluch? Ich finde, es ist die Institutionalisierung des Spirituellen, des Glaubens. Nach dem Tod von Jesus und Muhammad gab es Auseinandersetzungen über die Auslegung des Evangeliums bzw. Koran. Das ist normal und sogar wünschenswert, denn nur in der Auseinandersetzung ist man gezwungen, tiefer zu graben und erhält so seinen Glauben lebendig. Doch schlussendlich setzten sich in beiden Religionen gewisse Gruppen durch und bestimmten fortan, wie der Glaube zu sein habe. Glaubensbekenntnisse wurden formuliert, Rituale wurden zementiert oder neu eingeführt, Gesetze wurden aufgeschrieben und bis ins Unendliche verästelt und anhand von diesen menschlich messbaren Fakten wurde bestimmt, wer zur Gemeinschaft gehört und wer "draussen" ist und im schlimmsten Fall bekämpft werden muss.


Die direkte Beziehung zwischen Gott und dem einzelnen Menschen ging verloren. Man musste einer Institution angehören, um Gnade bei Gott zu finden. Die Institution bestimmte, wie die Beziehung zu Gott gestaltet wird. Im katholischen Christentum stand oder steht die Kirche als Vermittler zwischen Gott und dem Menschen, siehe den Ablasshandel im Mittelalter oder die Sündenvergebung nach der Beichte. Aber auch im Islam, auf den ich mich von jetzt an konzentrieren möchte, hat eine unerfreuliche Entwicklung stattgefunden.


Im von der Masse gelebten Islam gehört man je nachdem, wo man geboren wurde, einer bestimmten Rechtsschule an; das sind die vorhin erwähnten Gruppen, welche die Rechtsauslegung der Gebote und Verbote im Koran vornahmen. Damit hat man sozusagen die Geburtsverpflichtung, gewisse Regeln und Verbote einzuhalten, die in andern Rechtschulen manchmal anders ausgelegt werden. In vielen Dingen haben sich die Rechtschulen geeinigt und bestimmen nun, wie ein Muslim zu glauben und zu sein hat. Auch wenn wir keinen Papst haben, gibt es doch Gelehrte mit grosser Reichweite und es gibt Universitäten, z.B. in Kairo und Mekka, welche durch Fatwas (Rechtsgutachten) zu bestimmten Themen, aber auch durch ihren Einfluss auf die Ausbildung von Imamen, die Religion institutionalisieren. Es gibt viele Muslime, die entscheiden in ihrem persönlichen Leben die Fragen nicht mehr anhand dessen, was sie im Koran lesen und was ihnen ihr Gewissen eingibt, sondern rennen mit jeder Frage zu einem Gelehrten. Im Internetzeitalter ist das noch einfacher geworden. Und wenn einem die Antwort des einen nicht gefällt, kann man ja einen andern suchen.


Ich bin nicht gegen Gelehrte, sondern gegen Gelehrtengläubigkeit. Diese Hörigkeit einem Menschen gegenüber, der sich vielleicht auch irren kann. Und ich bin dagegen, dass man aus Faulheit oder falscher Bescheidenheit sich nicht mehr selbst mit der Quelle der Religion auseinandersetzt, obwohl der Koran an vielen Stellen dazu auffordert: "Es ist ein Buch voll des Segens, das Wir (Gott) zu dir (Muhammad)hinabgesandt haben, auf dass sie (die Menschen) über seine Verse nachdenken, und auf dass diejenigen ermahnt sein mögen, die verständig sind." 38/29


Wir sind zu Secondhand-Gläubigen geworden. Die Beziehung zu Gott besteht oft nicht mehr in einer innigen, dankbaren, freudigen und andachtsvollen Verbindung mit dem Allerhöchsten, sondern im Abarbeiten von Vorgaben der Religionsinstitution: du musst Gott lieben. Du musst das Glaubensbekenntnis auswendig können. Du musst, du musst… Du darfst nicht… es ist verboten, zu…


Das Fühlen und das persönliche Erleben werden nicht mehr angesprochen. Wie sollte so etwas auch noch möglich sein, wenn es zugeschüttet wurde mit kanonisierten, institutionalisierten Geboten und Verboten, die weit über das gesellschaftliche Zusammenleben hinausgehen, sondern sich auch noch in die private Beziehung zwischen Gott und Mensch hineinfressen? Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Im Koran sind die Gebote und Verbote Mittel zum Zweck, nämlich die Verbote ein Schutz und die Gebote Chancen, uns zu einer besseren Version von uns selbst weiterzuentwickeln und Gott anzunähern. Im institutionalisierten Islam sind sie leider zum Selbstzweck geworden, die teilweise mit staatlichen Mitteln durchgesetzt werden, dort wo die religiösen Institute die unheilige Allianz mit der Staatsmacht eingegangen sind. Ich denke da an die Kleiderordnung im Iran oder Saudi Arabien. In gewissen Ländern ist es unter Strafandrohung verboten, im Ramadan tagsüber öffentlich zu essen. Wenn einer beim Alkohol trinken erwischt wird, drohen ihm je nach Rechtschule 40 oder 80 Peitschenhiebe. Am allerschlimmsten finde ich die Todesstrafe, welche in allen vier sunnitischen Rechtschulen vorgesehen wäre, wenn jemand aus Gleichgültigkeit oder Faulheit das Gebet nicht verrichtet – Gott sei Dank kann dies ja nicht kontrolliert und deshalb in der Regel auch nicht sanktioniert werden! Aber es ist ungeheuerlich, dass die Institutionen die Anmassung besessen haben, weltliche Strafen in Bereichen erfinden, wo der Koran nur von jenseitigen Konsequenzen spricht. Wie soll ein Muslim Gott so noch freiwillig und voller Hingabe dienen können, wenn er bereits von Staats wegen gezwungen wird?!


Aber auch in der Schweiz dienen Äusserlichkeiten wie Kleidung, Bart- und Hosenlänge oder die Art, wie viele arabische Ausdrücke jemand in seine Sprache flicht, als Gradmesser für Religiosität. Und Koranlesewettbewerbe – auch schon im Angebot für Kinder - befeuern zwar das Ego des Gewinners, aber in keiner Weise die Spiritualität.


Wie könnten wir es besser machen? Ich habe ein paar Vorschläge, die sich zwar an die islamischen Institutionen richten, mit denen sich aber vielleicht auch Andersgläubige identifizieren können.

  • die Beziehung Gott-Mensch bleibt privat und persönlich und steht im Mittelpunkt
  • Der Staat mischt sich nicht in die Religion ein
  • Gelehrte, Imame und Religionslehrer sehen sich nicht länger als Wahrheits- oder Heilsmonopol, sondern helfen den Gläubigen/Schülern, einen eigenen Zugang zu Gott und zum Koran zu finden und ermutigen die Gläubigen, mitzudenken und zu argumentieren und geben zu, dass man je nach Gewichtung der Fakten zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen kann. Der Weg zu Gott wird so eher zu einem Miteinander und die Verantwortung des Einzelnen wird gefördert. Dies erfordert allerdings eine gewisse Machtabgabe!
  • Man nimmt in der Gemeinschaft jeden guten Gedanken/Einwand ernst, und nicht nur diejenigen von Gelehrten oder Männern
  • Die Gläubigen beherzigen, dass sie am Jüngsten Tag nicht nach ihrer Rechtschule gefragt werden und welchem Gelehrten sie gefolgt sind, sondern nach ihrem Glauben und ihren Taten
  • Hier darf jeder Leser noch eigene Ideen einfügen :-)

Diese Änderungen könnten segensvoll sein - inscha Allah – so Gott will!


Abschliessend ein paar Koranverse zum Thema:


"Am Tag, an dem einige Zeichen deines Herrn eintreffen, soll der Glaube an sie niemandem nützen, der nicht vorher geglaubt oder in seinem Glauben Gutes gewirkt hat." 6/158

"Und wenn du (mit etwas) fertig bist, dann bemühe dich (auch weiterhin), und begehre die Nähe deines Herrn." (95/7-8)


Ein Ausschnitt aus einem Bittgebet des Propheten Abraham im Koran:


"… und tue mir an dem Tage, da (die Menschen) auferweckt werden, keine Schande an, an dem Tage, da weder Besitz noch Söhne (etwas) nützen, sondern nur der (gerettet werden wird), der mit reinem Herzen zu Gott kommt." (26/87-89)

"Ihr Fleisch (der Opfertiere) erreicht Gott nicht, noch tut es ihr Blut, sondern eure Ehrfurcht ist es, die Ihn erreicht." (22/37)

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