Simon Pfeiffer

Im Angesicht der Fremden

„Diese Flüchtlinge sollte man alle erschiessen" stand auf einem Zettel eines Jugendlichen bei mir im kirchlichen Unterricht. Ich war nicht geschockt. Es ging um das Vorwissen der Jugendlichen zum Thema „Flüchtlinge". Ein kleines Team der Schweizerischen Flüchtlingshilfe vermittelte Eindrücke und Facts rund um Flucht und Asyl. Während fast sechs Stunden bekamen die Jugendlichen allerhand mit, was in den Tagesmedien oft nur am Rand vorkommt. Krönung und Abschluss war der Lebensbericht eines anerkannten Flüchtlings, eine Geschichte mit Gefängnis und Folter. Dies beeindruckte die Jugendlichen. Sie waren einem Flüchtling life begegnet. Er hatte ein Gesicht, er hatte eine Stimme und sprach Deutsch, und er tut in seinem Leben Dinge, die Leute von hier auch tun. Einige änderten ihre Haltung oder begannen, einiges von dem, was täglich berichtet wird, mit anderen Augen zu sehen.


Mir geht es schon länger so. Als Student habe ich bei jungen Libanesen in der Zivilschutzanlage mein erstes Arabisch gelernt. Nach dem zweiten Irakkrieg besuchte ich wiederholt eine irakische Familie mit kleinen Buben, bis ich selbst Kinder hatte – die Buben sind unterdessen junge Männer und stecken in ihrer Berufsausbildung. Ich kenne einen Imam vom Balkan, dessen Grossvater bereits Imam war unter den Kommunisten und deswegen lebendig begraben wurde. Und dann den Kurden, der im Café serviert, oder den jungen Afghanen der bei uns Steckdosen montierte und dessen Stimme unserem lokalen Fussballclub gehört. Und, und, und...
Die Flüchtlinge sind bereits da und haben sich zu einem grossen Teil bestens integriert. Die Menschen, die vor dem Balkankrieg geflohen sind, haben bei uns auch Ängste ausgelöst. Unterdessen schiessen einige von ihnen für unsere Nati Tore. Die Fremden haben ein Gesicht bekommen, die Gefürchigen verschiedene Namen, die uns schon halbwegs geläufig sind.

So wird es auch mit dem gegenwärtigen Zustrom von Menschen gehen. Wir haben in der Schweiz nicht nur eine „Sozialindustrie" und eine „Asylindustrie", wir sind auch ein Organismus, der sehr viele Menschen integrieren kann in Firmen, Vereinen, Nachbarschaften.
Ich persönlich habe keine Angst mehr vor den Flüchtlingen. Ich sehe Gesichter, auch vertraute Gesichter. Meine Erfahrungen im Kontakt mit geflüchteten Menschen tragen wohl dazu bei, dass ich auch bei Ansammlungen von jungen Männern nur ein mulmiges Gefühl bekomme, wenn offensichtlich Alkohol im Blut ist. Und meine vermutlich durch Medienkonsum vermittelte Angst vor Menschen im Nahen Osten ist spätestens seit meinen Aufenthalten dort verschwunden.

Meine Jugendlichen haben es schwerer. Wenn sie selber Kontakt haben zu Gleichaltrigen mit Fluchthintergrund, kennen sie vor allem pubertierende Jugendliche in schwierigen Lebensumständen. Sie bekommen alles Mögliche aus den Medien mit und haben noch keine eigenen Erfahrungen als Korrektiv. So können sie sich gegenseitig zu solch krassen Äusserungen hochschaukeln wie: „Die sollte man alle erschiessen!" Der Tag mit dem Bildungsteam der Flüchtlingshilfe war für zu viele ein einmaliges Erlebnis.
Ich wünschte mir Medien, die Flüchtlingen ein Gesicht und eine Stimme geben, ob anerkannt oder gerade erst angekommen. Ich wünsche mir Radiosender und Fernsehkanäle, die zur Hauptsendezeit über die zahlreichen Erfolgsgeschichten berichten. Und ich wünsche mir und meinen besorgten Mitbürgern viele Begegnungen mit diesen Menschen, die so stark unter Generalverdacht stehen.

Attentate in Paris
Buchauszug: Für ein besseres Miteinander II

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