Simon Pfeiffer

Ihr Piraten kommet

Weihnachten ist vorbei. Der Retter ist da oder immerhin wieder einmal geboren. Das vorweihnachtliche Stressshopping unter Termindruck war der etwas weniger hektischen nachweihnachtlichen Schnäppchenjagd im Ausverkauf gewichen. Gottfried Locher hatte in seinem Weihnachtsinterview empfohlen, in die Weihnachtsgeschichte einzutauchen. Das haben wir als Eltern unseren Kindern zu ermöglichen versucht.

Wir haben ihnen im Rahmen des Adventskalenders Playmobil-Figuren geschenkt. Da waren Hirten, Schafe, ein Kamel, Sterndeuter, Engel und natürlich Maria und Joseph mit Esel und dem Kind in der Krippe. Die Begeisterung war vorhanden. Ebenfalls die Motivation fürs Anziehen, da es das nummerierte Stoffsäckchen erst am Frühstückstisch gab. Und bald entwickelte sich aus der Vorfreude auf die nächsten Säckchen mit Inhalt so etwas wie Berechnung. In Katalogen und Spielwarenabteilungen wurden die Packungen genau begutachtet, bis mit Testgriff und kurzem Überlegen fest stand: „Das ist der Sterndeuter mit der dunklen Haut!", oder: „Da ist Maria!" – bereits Tage, bevor der Beutel geöffnet werden durfte.

Nun gut. Die Figuren wurden aufgestellt, der Stall eingerichtet und die Rollen verteilt. Besonders rührte mich, dass ich auch eine Rolle bekam, nämlich als weissbärtiger Sterndeuter aus dem Morgenland. Ebenso kamen Kindergartenkollegen und Spielgruppengspänli zu Ehren. Das Spiel erhielt mehrere Ebenen und wurde mehrschichtig. Der Hirt war gleichzeitig Hirt, Sebastian aus der Spielgruppe und auch noch der „Brotbringer".

Ein paar Tage verstrichen, da lagen die meisten Figuren ohne Haare und Kopfbedeckung im Spielzimmer auf dem Fussboden. Die Accessoires und die Haare lagen in Häufchen je für sich angeordnet daneben. „Sie sind tot", lautete die Auskunft meines Sohnes.

Wieder ein paar Tage später war das wahre Weihnachtswunder eingetreten: Nicht die erwarteten Hirten und Sterndeuter kamen zum Stall, sondern wunderliche Gestalten, halb Pirat, halb Hirte, halb Pirat, halb Samichlaus, halb König, halb Polizist, die Bäuerin mit Flügeln etc. Die Geschichte hat ein Eigenleben entwickelt und zum neu geborenen König sind nicht die erwarteten Gäste, sondern Figuren vom Rand der Gesellschaft oder von weit weg aus einem Fantasieland gekommen. So muss es doch sein!

Als Gegenpol zur wild wuchernden und lebenden Weihnachtsfantasie gab es am Abend vor dem Einschlafen eine erzählte Geschichte nach Wunsch – häufig war es die Weihnachtsgeschichte mit Engel, Hirten und den Sterndeutern. Somit wissen unsere Kinder einmal, wer alles in der „richtigen" Weihnachtsgeschichte vorkommt. Trotzdem finde ich, die Piratenweihnacht hatte auch etwas für sich. Das rettende Kind erblickt eben dort die Welt, wo es gar nicht erwartet und nicht einmal willkommen ist.

Ausgeglichen? Ich arbeite daran!
Was ist das Erstaunlichste in dieser Welt? (Vom Um...

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