Simon Pfeiffer

Ihr Kinderlein kommet

Wir Christen feiern an Weihnachten, dass Gott als hilfloser Mensch zur Welt kam und sich bemuttern – und bevatern – liess. Dieses von Gott geschenkte Kind wurde ausgewachsen zum Wundermann, Heiler und Prophet Jeschua aus Nazaret. Ihm lagen offenbar die Kinder am Herzen, denn er machte den Ausspruch: „Lasst die Kinder zu mir kommen!"

Dieser berührende Gott in Menschengestalt prägte auch eine neue Anrede an Gott: „Vater". Wir Christen kennen das vor allem auch aus dem Gebet, das alle christlichen Konfessionen vereint: Unser Vater. Aber würde Gott, wenn Gott heute geboren würde, immer noch die Anrede „Vater" prägen?

Kinder unserer Zeit lernen doch vor allem ihre Mutter als liebevoll Zuwendende, als Verpflegende, Waschende und Aufräumende, aber auch als Gestresste und Überforderte kennen. Väter in den Slums der dritten Welt, aber auch in den Einfamilienhäusern und Wohnungen unserer Welt sind oft abwesend oder so geschafft, dass sie bloss als leere Hülle da sind. Sie ertränken ihr Elend im Alkohol, wandern aus, um Arbeit zu finden, oder sind – willig oder unwillig – Sklaven einer dicht bepackten Agenda unter dem Zepter einer Firma, welche am Ende des Jahres gute Zahlen schreiben will, und machen Überzeit oder Sport, um sich für den Job fit zu halten.

Ich erlebe viele Väter, welche gegen diese Norm ankämpfen. Sie nehmen sich tageweise Zeit für die Familie, verzichten auf eine 100% Anstellung, oder unternehmen an den Wochenenden Ausflüge mit den Kindern, um die Mütter zu entlasten. Selber habe ich das auch so gehandhabt seit der Geburt unserer Kinder. Aber wie kam ich auf die Welt, als ich kurzzeitig wirklich die Hälfte der Kinderbetreuung übernahm! Spielen, Geschichten erzählen und Ausflüge sind nur noch ein Teil der gemeinsamen Aktivitäten. Ich muss natürlich kochen und waschen, aber auch einkaufen und vor allem Grenzen setzen, schlichten, das Schiff auf Kurs halten eben. Nach einem Tag Kinder mit ein paar wenigen Besorgungen ist „mann" durchaus geschafft und fixfertig. Und dann sollte man noch die vom Arbeiten geschaffte Partnerin bekochen, aufmuntern und dann die Nachtschicht übernehmen, weil sie ja morgen wieder raus muss!

An dieser Stelle verneige ich mich vor all den Frauen, die diesen Job sieben Tage in der Woche rund um die Uhr versehen, umso mehr, wenn sie daneben noch ausser Haus arbeiten – und natürlich auch vor denjenigen Vätern, die ihr Vatersein als Job und nicht nur als Hobby betrachten. Kinder – und die beteiligten Erwachsenen – brauchen viel Zuwendung. Das geht nicht immer in wattezarter Harmonie und Erfüllung aller Wünsche. Kinder brauchen Väter und Mütter, um sich an ihnen aufzurichten und an ihnen gross und tüchtig zu werden. Da gehört eine tüchtige Portion Reibungsenergie und Zeit dazu. Wenn Gesellschaft und Arbeitswelt das wahrnehmen und unterstützen, wird es etwas einfacher.

An Weihnachten kam Gott als Kind zur Welt, damit wir uns mütterlich und väterlich „zu-wenden". Am harmonischsten wird Weihnachten, wenn die Kinder im Zentrum stehen, nicht im Sinne, dass wir sie verwöhnen und mit Geschenken überhäufen, sondern dass wir, alle Erwachsenen, uns ihnen zuwenden und mit ihren Augen die Welt betrachten und ihre Welt entdecken, damit wir ihnen einmal unsere Welt weiterreichen können. „Zu-wendung" wäre das wahre Geschenk. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

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