Identität

Quran

Was macht die Identität eines Menschen aus? Sein Aussehen? Seine Kleidung? Sein Glauben? Sein Verhalten? Seine Arbeit?


Dies Fragen haben mich jetzt schon eine ganze Weile lang beschäftigt. Zuerst, als ich vor drei Jahren krank wurde und ein Jahr lang meine Arbeit als Religionslehrerin für muslimische Kinder und Jugendliche niederlegen musste. Diese Arbeit war mehr als ein Beruf, sie war Lebensaufgabe und Freude – und ja, ich gebe es zu – mein gefühlter persönlicher Beitrag, die Welt etwas zu verbessern. Ich fühlte mich, als wäre ein Teil meiner Identität weggerissen worden. Wer war ich? Was blieb noch von mir übrig? Ich fragte mich, ob es wohl den Menschen nach der Pensionierung auch so geht?

Soweit es meine Befindlichkeit zuliess, nutzte ich die erzwungene "Auszeit", meinen Wissensrucksack wieder aufzufüllen, Bücher zu lesen, Neues zu lernen, nachzudenken – auch über meine Religion, den Islam. Dabei passierte etwas, was mich erneut mit Fragen über meine Identität konfrontierte: Der schleichende Prozess, der schon Jahre zuvor eingesetzt hat, als ich mein Buch "Für ein besseres Miteinander" geschrieben habe, fand eine hinterfragende und kritische Fortsetzung, als ich gründliche Recherchen über die Vertrauenswürdigkeit und vor allem Verbindlichkeit der gemeinhin als 2. Quelle des Islam betrachtete Sunna betrieb.


Es würde zu weit führen, hier in die Details zu gehen, aber der langen Rede kurzer Sinn ist, dass ich zur Erkenntnis gelangt bin, dass nur der Koran das verbindliche Wort Gottes ist. Der Glaube ist immer noch derselbe, aber gewisse religiöse Praktiken sind etwas anders, und der sichtbarste Teil davon ist das Kopftuch. Im Koran gibt es zwar detaillierte Kleidungsvorschriften, aber keine einzige Aufforderung, das Kopftuch zu tragen; dies findet man nur in der Sunna. So habe ich es ausgezogen. Es war eine schwere Entscheidung, denn ich habe es dreissig Jahre lang getragen, und lebte gut damit. 


Am liebsten hätte ich es anbehalten, denn es haben sich in der Zwischenzeit alle daran gewöhnt: die Familie, die Nachbarn, Freunde und Bekannte. Es wäre auch hundertmal einfacher gewesen, es zu lassen, weil ich mich dann innerhalb meiner religiösen Gemeinschaft nicht hätte erklären müssen. Doch dann wurde ich mir meiner Verantwortung bewusst, nämlich, dass ich als Angehörige einer religiösen Minderheit von den Nichtmuslimen oft unbewusst als repräsentativ für den Islam angesehen werde, und ich ja dann mit meinem Aussehen eine Falschaussage über den Koran machen würde. Ich konnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.


Sowenig wie ich es früher mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, es nicht zu tragen. Denn ich habe es nur aus dem einen Grund getragen, weil ich glaubte, dass es Teil der göttlichen Bekleidungsvorschriften war. Das Kopftuch hat eine unglaublich starke Symbolwirkung. Wenn es das nicht hätte, hätte ich es freiwillig weiterhin tragen können, denn es existiert ja auch kein Verbot diesbezüglich. Doch nun musste ich "Farbe bekennen". Ehrlich zu sein und transparent das zu leben, wovon ich überzeugt bin, war immer meine Devise. Aufrichtigkeit ist schliesslich einer der Grundsätze des Islam. In meinem Fall war dies aber noch schwerer als vor dreissig Jahren der umgekehrte Schritt. Denn da hatte ich zwar das Unverständnis der nichtmuslimischen Gesellschaft, aber die Freude und Anerkennung der muslimischen Gemeinschaft.


Dieses Mal spüre ich die Freude der nichtmuslimischen Gesellschaft, aber in der muslimischen Gemeinschaft, der ich mich nach wie vor im Glauben verbunden fühle, spürte und spüre ich oft Unverständnis, Fassungslosigkeit, Enttäuschung. Die Reaktionen von beiden Seiten sind nicht einfach. Warum? Weil viele Nichtmuslime von einer falschen Prämisse ausgehen. Fragen wie: "Haben Sie sich von Ihrem Mann getrennt?" oder: "Sind Sie nicht mehr Muslimin?" sagen mehr über die Fragesteller aus als über meine Beweggründe und unterstellen das altbekannte und von mir verabscheute Klischee, dass jede Frau, die das Kopftuch trägt, es dem Mann zuliebe tut, oder dass der Glaube an einem Stück Stoff hängt. Auch die Worte "modern" oder "moderat" höre ich in dem Zusammenhang nicht gerne, denn sie treffen nicht auf mich zu, ich begehre sie nicht. Alles, was ich möchte, ist, Gott zu gefallen, gemäss meinem jeweiligen Erkenntnisstand. Und der hat sich jetzt halt geändert. Man kann ja im Leben dazulernen.

Für meine muslimischen Freunde und Bekannten ist es auch nicht einfach, und es ist mir bewusst, dass ich viele von ihnen überfordere. Viele kennen mich seit Jahrzehnten, und ich war eine Art "Konstante" in der muslimischen Gemeinschaft, eine Frau, die seit dreissig Jahren dem Islam angehört, das Kopftuch trägt, sich in der Moschee engagiert, Vorträge hält, seit 16 Jahren Religionsunterricht erteilt, und neuerdings auch Seminare abgehalten und ein Buch über den Islam und dessen Praxis aus persönlicher Sicht geschrieben hat. Und nun das! – Ich ging mit vollem Bewusstsein einer Art sozialen Selbstmordes entgegen, aber ich musste es tun, um mich mit Gott im Reinen zu fühlen. Ich wusste, dass ich mich darauf einstellen muss, dass viele denken, ich sei abgeirrt, wenn ich nur noch dem Koran folge und nicht mehr der Sunna, (es ging ja nicht nur ums Kopftuch, dies war nur der sichtbare Auslöser) und das war auch der Fall. Einige sagten mir auf den Kopf zu, dass ich falsch läge. Eine junge Frau sagte mir, dass ich für sie immer ein Vorbild war. Die Vergangenheitsform schmerzte. Von manchen wurde ich sehr vorsichtig behandelt, so, als wäre ich krank.

Weil ich die Reaktionen erwartete (ich hätte früher wohl gleich reagiert), versuchte ich in Gesprächen meine Gedanken, Schlussfolgerungen und meinen Weg zu erklären. Und ich wurde von vielen positiv überrascht, vor allem von den Eltern meiner Schüler. Nur wenige Schüler durften nicht mehr kommen, und so erteile ich weiterhin Religionsunterricht. Und viele Freundschaften haben sich als so tief erwiesen, dass die verschiedene Auslegung unseres Glaubens kein Hinderungsgrund ist, den Kontakt zu behalten. Es gab sogar Muslime, welche fast erleichtert registrierten, dass ich das Kopftuch nicht mehr trage, weil sie es auch nichtals Bestandteil des Glaubens betrachten. Und tatsächlich solche, die es trotzdem tragen, aber nur, um den Diskussionen innerhalb der Gemeinschaft auszuweichen.

Mein Fazit war: Es hätte schlimmer kommen können. – Und doch registrierte ich, dass ich trotzdem nicht glücklich war und fragte mich, warum. Ich hatte reinen Tisch gemacht und lebte so, wie ich es für richtig fand. Oder war ich am Zweifeln? Nein, wie ich es auch drehte und wendete, es fühlte sich richtig an. Doch woher diese leichte Traurigkeit? Lange fand ich keine Antwort. Dann plötzlich erkannte ich die Wahrheit: Mein Ego litt. Mein Ruf war dahin. Meine Identität als gläubige muslimische Frau nicht mehr sichtbar. Die Anerkennung vieler Menschen war weg.

Ich war nicht mehr Vorbild.

Ich war nicht mehr.

Ich war nicht.

Ich war.

Ich.

Ich war plötzlich befreit. Gott sei Dank habe ich gemerkt, dass mein Ego zu gross war. Es musste schrumpfen, um Gott wieder den Platz zu geben, der Ihm zusteht. Die Anerkennung der Menschen ist zwar aufbauend, darf aber nicht mein Ziel sein. Meine Identität hängt nicht an ihrem Urteil. Ich muss nicht das sein, was alle von mir erwarten. Ich bin nicht so wichtig.

Ich darf neu anfangen!

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