Bettina Wiesendanger

"Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht"

Besuch nach einem Raub

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen" (Lk 25,30). Einen dieser Räuber besuche ich im Gefängnis. Nehmen wir an, dass er kurz nach seiner Tat verhaftet worden ist. Unterstellen wir, dass er einer religiösen Minderheit angehört. Den Bericht über den Raub habe ich in der Zeitung gelesen. Aus zuverlässiger Quelle habe ich erfahren, dass ein Angehöriger derselben Minderheit, ein Samaritaner, das Opfer gerettet hat. Die Samaritaner waren bereits in biblischer Zeit eine religiöse Minderheit, und es gibt sie bis heute. In der Zeitung steht vom rettenden Samaritaner nichts. Das Opfer war reformiert, christlich, wie ich. 

Der Räuber kommt in ein schweizerisches Gefängnis in Untersuchungshaft. Da wird eine interne rechtsstaatliche Menschlichkeit gepflegt. Nun kommt Gefängnisseelsorge dazu und darf eine zusätzliche „externe" Menschlichkeit anbieten. Seelsorge betreibt externe Menschlichkeit, indem sie in Gesprächen diesem von anderen Menschen gefangenen Menschen, dem Räuber, das Wort erteilt. Sie erteilt diesem Menschen das Wort nicht öffentlich, sondern mit einer Geheimhaltungsgarantie. Dem Räuber das Wort erteilen unter Geheimhaltungsgarantie, das bedeutet, dass im Gespräch mit ihm Selbstkritisches und Kritisches Platz haben. „Ich bin gefangen, weil ich selbst…"; „ich bin gefangen, weil die Anderen…". „Ich besuche Sie als Bürgerin eines Staates, der…"; „ich besuche Sie als Repräsentantin einer Kirche, die…".

Religionsfreiheit muss kirchen- und gefängnisintern immer wieder eingeübt werden; als das Recht, meinen Besuch anzunehmen, und als das Recht, meinen Besuch abzulehnen. Der Samaritaner, der Täter, nimmt meinen Besuch an. Und er bittet mich: „Ich habe einen grossen Fehler gemacht. Doch ich bitte Sie, rechnen Sie mir diesen Fehler persönlich an. Sagen Sie, „Elias (oder Abraham, oder Ismael, oder Josef) hat diesen Fehler gemacht, und nicht der Samaritaner, der hat diesen Fehler gemacht." Und ich, Angehörige der religiös Etablierten, ich verspreche ihm das. Dieses Versprechen einer christlichen Repräsentantin der Mehrheitsgesellschaft an einen gefangenen „Samaritaner": Das ist heute, zum Beispiel, Gefängnisseelsorge.

Dieser Blog wurde im Februar 2016 erstmals in «das habt ihr mir getan», Pfarrbulletin St. Peter und Paul St. Ulrich veröffentlicht und wird hier in leicht veränderter Form publiziert.

Menschenwürde
Zwei Brüder

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