Hinter der Wichteltür

  «Jürgen Habermas räumt den Himmel leer», hiess es sinngemäss in einer Schweizer Tageszeitung kurz vor Jahresende. In seinem neuesten monumentalen Beitrag zur abendländischen Geistesgeschichte versöhne der Philosoph Glauben und Wissen. Das finde ich hoch interessant, werde das weit über tausend Seiten dicke Buch aber nicht lesen, vielleicht aber trotzdem anschaffen. Habermas' Schreibe ist mir einfach eine Nummer zu hoch. Nicht aber der Einsatz für einen aufgeklärten Glauben, einen Glauben frei von Aberglauben, für wahr halten abenteuerlicher Dinge jenseits aller Vernunft. Für mich ist der Himmel schon lange leer. Jedenfalls finde ich dort viel Leere, abgesehen von etwas Strahlung und sehr wenig Materie. Diese Leere macht Angst und fasziniert mich.

Folgen von Star Trek oder seit kurzem chinesische Science Fiction geben dem faszinierenden Grauen für mich eher Raum als jahrtausendealte Geschichten über eine himmlische Welt, in die wir einmal eingehen werden. Und nach dem Tod ist für mich Schluss, fertig. Ich habe nur dieses Leben und trage dafür Verantwortung, so gut ich kann. Wenn ich einmal abtrete, werde ich vor allem vor mir selber gerade stehen müssen.

Nun haben wir im Haus eine Wichteltür. Eine kleine Holztür, zu der ein Treppchen mit kleinen Stüfchen emporführt, klebt an einer Wand, und nur Wichtel können sie aufmachen. Wichtel leben nämlich in einer Zwischenwelt in den Wänden unserer Häuser. Sie brauchen nur eine kleine Türe, um hinein- oder herauszukommen. Das tun sie natürlich nur, wenn niemand hinschaut, und ins Wichtelreich, diese eigene Dimension in unserer Hauswand, können nur Wichtel gelangen. Wenn wir Menschen die Wichteltüre aufmachen wollen, reissen wir sie bloss von der Wand – und dahinter hat es nicht einmal ein Loch.

Diese Wichteltür war ein Weihnachtsgeschenk für unsere jüngste Tochter und seither spielen wir alle mit den Wichteln. Es hat sich schon ein richtiger Dialog mit so einem Wichtel ergeben. Mal abends ein Guetsli vor das Treppchen gelegt – am Morgen war es nicht mehr da, dafür ein nettes Briefchen, eine ganze Wunschliste in Kinderschrift – dann ein kleines Set Buchstabenstempelchen, da Wichtel offenbar nicht alle Buchstaben gut lesen können, oder einfach nur etwas Baumaterial, ein schöner Stein, eine Nuss, die über Nacht auftauchen oder verschwinden. Natürlich wissen die meisten in unserem Haushalt, «dass es Wichtel nicht wirklich gibt», aber mit etwas Magie oder Fantasie beginnen sie zu leben. Und es ist nicht so, dass wir über Nacht die Szenerie an der Wichteltür verändern, sondern es geschieht nur, wenn die anderen nicht hinsehen. Es lebt von der Fantasie von uns allen, ohne dass jemand die anderen manipuliert. Bis heute weiss ich nicht, in wessen Bauch das Guetsli in der ersten Nacht der Wichteltür tatsächlich gelandet ist. Darüber reden wir auch nicht.

Manchmal denke ich, Gott ist so eine Art grosser Wichtel. Nicht in unserer realen Welt lokalisierbar, nicht wirklich existierend, aber manchmal trotzdem da. Jemand wünscht anderen in Gottes Namen etwas Gutes, andere tun etwas Gutes und wollen keinen Dank dafür, weitere laden Sorgen, Kummer oder Schuld bei Gott ab. Quasi über Nacht verändert sich etwas, ohne dass jemand wirklich etwas getan hat. Gott ist nicht irgendwo da draussen und schon gar nicht im geleerten Himmel, aber dazwischen wird Gott lebendig, dank Fantasie und Zuwendung zwischen den Menschen. Und wie sich die Menschen vor der Wichteltür verändern und entwickeln, verändert sich Gott mit den Menschen, die das Spiel mitspielen.

Der Himmel ist leer und bleibt es. Aber in den Zwischenräumen, vielleicht schon in den Übergangsstellen, in den Wänden zwischen uns Menschen wird Gott lebendig durch die Liebe und die Fantasie von vielen von uns. Und da tun sich wahre Welten auf…
Institutionalisierung der Religion - Fluch oder Se...

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