Krishna Premarupa das

Götzendienst oder Gottesdienst?

Götzendienst oder Gottesdienst?

Wer sich gegenseitig kennt, kann sich besser verstehen. Dies ist das Motto der Veranstaltungsreihe `Woche der Religionen`. So fanden dieses Jahr zum fünften Mal landesweit unzählige interreligiöse Veranstaltungen statt. Auch ich erlebte eine sehr spannende und bereichernde Woche. Erwähnen möchte ich einen Rundgang durch die Räume des Rietbergmuseums, gemeinsam mit Religionswissenschaftlern aus Bern. Der Kurator selbst gab uns einen Einblick in die Ausstellung zum Thema Mystik. Darauf folgte die Eröffnung der Ausstellung über Ostkirchen im Zürcher Stadthaus. Wir bestaunten unglaublich eindrückliche Fotografien, die einen Einblick in die Welt des Gottesdiensts und der Ikonen- Verehrung gaben. Eine Begegnung mit den Mitgliedern der Sikhs und schliesslich der interreligiöse Gottesdienst in der Augustinerkirche waren dann ein würdiger Abschluss.

Aber auch bei uns im Krishna Tempel fand ein Anlass statt, so dass ich nicht nur als Besucher unterwegs war sondern am Mittwochabend auch als Gastgeber wirken durfte.
Bereits bei den Vorbereitungen wurde mir bewusst, dass ich ein anspruchsvolles Thema gewählt hatte: „Götzendienst oder Gottesdienst?!"

Hinduismus ist bekannt für die vielen Götterbilder und Götterfiguren. Ist dies aber nicht ein riesiger Wiederspruch zu der Warnung in der Bibel, man solle sich kein Bildnis von Gott machen?! Nun, genau da setzte ich den ersten Teil meiner Präsentation an. Ja, die Form Gottes entzieht sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen, doch wenn Gott sich offenbart und die heiligen Schriften Beschreibungen geben, wie die Form Gottes verehrt werden soll, ist dies etwas anderes. Eine anschauliche Analogie ist die des Postbriefkastens. Das Postamt mag weit entfernt von meinem Zuhause sein, daher stellt die Post verscheiden Briefkästen in der Nachbarschaft auf. Wenn ich nun selber eine Kiste gelb anmale und Post darauf schreibe, so hat dieser falsche Briefkasten nicht sehr viel Wert. Der von der Poststelle aufgestellte Briefkasten hingegen ist völlig autorisiert und in gewissen Sinn nicht verschieden vom Postamt. In ähnlicher Weise werden die Bildgestallten Gottes nicht einfach nach der Phantasie des Künstlers hergestellt sondern nach den Anweisungen der heiligen Schriften,welche sehr genaue Angaben bezüglich richtiger Körperhaltung, Handstellungen, körperliche Proportionen usw beinhalten. Danach findet eine umfangreiche Weihezeremonie statt, in der der Herr gebeten wird, die Bildgestallt mit seiner göttlichen Gegenwart zu durchdringen.

Nach der Tempelzeremonie und dem gemeinsamen Mantra-Singen beschrieb ich dann im zweiten Teil meiner Vorlesung die Verehrung der Bildgestalt im Tempelalltag. Dass Krishna verehrt wird und dass Ihm Gebete dargebracht werden, war für die meisten Zuhörer leicht verständlich, aber dass Gott in der Form der Bildgestalt auch ins Bett gebracht wird, dass man Ihn am Morgen weckt, badet und neu ankleidet, dass für Krishna gekocht wird, ihm täglich fünf Mal Speisen dargebracht werden und dass Krishna einen Kleiderschrank mit über 60 verschiedenen Kostümen besitzt, war dann doch für die meisten etwas ganz Neues!

Für mich ist genau dieser Aspekt, dieser persönliche Dienst zu Gott in seiner Form als Bildgestalt, etwas unglaublich Faszinierendes. Die Bildgestallt ist letztlich eine göttliche Inkarnation, mit der sich der Herr menschlicher Obhut anvertraut. Die Bildgestallt ist also ein göttlicher Gast und soll auch als solcher behandelt werden. Deshalb werden Ihm Räucherwerk, Blumen, Lichter, Gesang und Nahrung dargebracht. Durch diesen Dienst kann ein liebevoller Austausch zwischen Gott und seinem Geweihten entstehen.

Nach dem Vortrag unterhielt ich mich bei einer Tasse Gewürztee noch mit den Gästen, die offensichtlich sehr zufrieden waren.
Es freute mich zu sehen, wie Menschen so offen, ohne zu werten oder verurteilen so viel Interesse an unserer doch etwas fremden Form des Gottesdienstes gezeigt hatten.

Müde aber sehr zufrieden fiel ich auf meine Matte. Vor dem Einschlafen blätterte ich aber noch kurz in meiner Rezeptsammlung. Morgen früh koche ich für die Bildgestallten, für Krishna. Was möchte Er wohl zum Frühstück essen?

Ihr Kinderlein kommet
Huis clos

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