Joe M.

Göttliche Substanzen und andere Drogen

Der schottische Ethnologe James Frazer erforschte religionsgeschichtliche Fragen und gilt als Mitbegründer der Religionsethnologie. Über das in der katholischen Kirche als Eucharistie bekannte Sakrament schrieb er folgendes: „Die mexikanischen Azteken glaubten schon vor der spanischen Eroberung, dass ihre Priester durch das Weihen von Brot dieses zu dem wahren Leib ihres Gottes machen konnten, so dass alle, die davon assen, eine mystische Kommunion mit der Gottheit eingingen, indem sie ein Stück ihrer göttlichen Substanz in sich aufnahmen. Das Dogma von der Transubstantiation oder magischen Verwandlung von Brot in Fleisch war auch den Aryanern des alten Indiens lange vor der Ausbreitung, ja auch dem Aufkommen des Christentums bekannt." Später verallgemeinerte Frazer das Thema: „Es ist nunmehr leicht zu verstehen, weshalb ein Wilder den Wunsch hat, von dem Fleisch der Menschen oder der Tiere zu essen, die er für göttlich hält. Indem er von dem Leib des Gottes isst, nimmt er teil an dessen Eigenschaften und Fähigkeiten."

In seiner Ode an den spanischen Eroberer Herman Cortez zog auch Heinrich Heine Parallelen zwischen den Menschenopfern der Azteken für ihren blutrünstigen Kriegesgott Vitzliputzli und der harmlosen christlichen Variante mit der symbolischen Mehloblate.

„Und des Vitzliputzli-Tempels
Helle Plattform ist die Bühne,
Wo zur Siegesfeier jetzt
Ein Mysterium tragiert wird.

"Menschenopfer" heißt das Stück.
Uralt ist der Stoff, die Fabel;
In der christlichen Behandlung
Ist das Schauspiel nicht so gräßlich. 

Denn dem Blute wurde Rotwein,
Und dem Leichnam, welcher vorkam,
Wurde eine harmlos dünne
Mehlbreispeis transsubstituieret – 

Diesmal aber, bei den Wilden,
War der Spaß sehr roh und ernsthaft
Aufgefaßt: man speiste Fleisch,
Und das Blut war Menschenblut."

Angenommen, das uns aus der Bibel bekannte Abendmahl war nicht bloss eine Erfindung frühchristlicher frommer Eiferer und Jesus brach tatsächlich kurz vor seiner Hinrichtung das Brot, dann war das Verabreichen des Fleisches und Blutes der göttlichen Person in homöopathischer Form ein Fortschritt gegenüber den alten, barbarischen Stämmen und das unblutige Fest konnte durchaus als innovativ angesehen werden. Jesus war jedoch keine Gottheit sondern ein Wanderprediger – zum Sohn Gottes haben ihn erst die Evangelien erhoben. Dadurch konnte er wohl kaum das eigene Fleisch und Blut seinen Jüngern anbieten, weil er eben ein Mensch und somit verletzlich war. Das Verabreichen von Brot und Wein als Substitut geschah also in erster Linie als Folge des Dilemmas, dem sich Jesus als leiblicher Zeremonienmeister ausgesetzt sah und weniger um der Innovation willen. Wie dem auch sei, 2000 Jahre später ist die Eucharistie nur noch eine alte, abergläubische Tradition mit ziemlich angestaubtem Nachgeschmack. Trotzdem findet in der katholischen Kirche die Feier um das vom Ursprung her kannibalische Abendmahl bis heute seine Fortsetzung.

Für das Initiationsfest der Ersten Heiligen Kommunion werden die kleinen Katholiken am Weissen Sonntag in adrette Kleider gesteckt. Auch ich bekam meinen ersten dunkelblauen Anzug inklusive einer Bubenkrawatte mit Gummizug für diese kirchliche Weihe. Nach monatelanger Vorbereitung für das dritte der sieben katholischen Sakramente hatte ich immer noch meine liebe Mühe mir vorzustellen, dass ich nun den Leib Christi verzehren sollte. Mit dem Wissen, bloss eine Mehloblate einzunehmen, konnte ich das mir widerstrebende Gefühl, Menschenfleisch zu essen, etwas mildern. Ich sah aber auch ein, mit dieser ablehnenden Einstellung nur schwerlich die positiven Eigenschaften Jesu Christi aufnehmen zu können, da ich nicht so recht an die Wirkung der homöopathischen Verabreichung glaubte. Stellte ich mir dann aber doch wieder vor, das Fleisch des Sohn Gottes zu essen, ergriff mich abermals die natürliche, menschliche Abneigung gegen den Verzehr von Artgenossen und ich wurde das Gefühl nicht los, etwas Ungehöriges tun zu müssen.

Als rechter Katholik musste man ja vor dem Abendmahl die Absolution von einem Geistlichen empfangen haben – sprich wir mussten vor der Kommunion zur Beichte. Da ich aber beim besten Willen nicht einsah, warum das Beten einiger Vaterunser einen besseren Menschen aus mir machen sollte, empfand ich auch die Prozedur des Sündenerlasses als sehr oberflächlich und willkürlich. Wie sollte unser Pfarrer überhaupt in der Lage sein, die Absolution zu erteilen? Was zeichnete diesen Menschen in seiner lächerlichen, schwarzen Robe aus, sich als göttlichen Richter aufspielen zu können? Ich wusste nur, dass „Hochwürden" in seiner Rolle als Autoritätsperson sehr streng und unfreundlich zu uns Kindern war und wer im Religionsunterricht nicht parierte, der fing schon mal eine schallende Ohrfeige ein. 

Die katholische Kirche hatte aber nebst dem kannibalischen Ritual noch andere seltsame Überraschungen parat. So fand zum Beispiel mein Erstkontakt mit Drogen während des sonntäglichen Gottesdienstes statt. Damals wurde während der Messe noch eifrig geräuchert. Die Ministranten schritten langsam den Gang zwischen den Männer- und Frauenbänken entlang und schwangen dabei kräftig die vergoldeten Weihrauchgefässe. Dicke Rauchschwaden legten sich über die Kirchgänger und hüllten das ganze Kirchenschiff bis zum Altar in einen halluzinogenen, weissen Nebel. Vermutlich waren die psychoaktiven Inhaltsstoffe des Harzes dem Glauben an Gott und dem Hokuspokus der Eucharistie zuträglich – insbesondere im Zusammenwirken mit der Orgelmusik, die während der Wandlung reich an tiefen Tönen nahe dem Infraschall von der Empore tönte und bei den Zuhörern im hallenden Kirchenbau ein leicht beklemmendes Gefühl auslösen konnte. Der Klerus kannte ja so manche Tricks, welche zur Verstärkung der magischen Brot-in-den-Leib-Christi-Illusion dienten. Mir wurde von der unfreiwilligen Bewusstseinerweiterung durch Weihrauch jedoch immer schlecht – besonders im Vorschulalter litt ich beträchtlich an dieser Art von Drogenmissbrauch. 

Später bei meinen ersten freiwilligen Erfahrungen mit psychedelischen Drogen wurde mir auch wieder schwindlig vom inhalierten Rauch und die Erinnerung an die Übelkeit, die ich als Kind in der Kirche jeweils verspürt hatte, war sofort wieder präsent. Es stellte sich auch bei späteren Versuchen mit Haschisch und Marihuana nur zögerlich ein Gefühl der Abgehobenheit und Leichtigkeit bei mir ein und so langweilte mich das Kiffen mit der Zeit. Gewiss erlebte ich nach einem Joint den einen oder anderen coolen Trip bei der Musik von Pink Floyd und auch ein Reggaeabend am Jazzfestival in Montreux im süsslichen Ganjadunst des Casinos hatte seine berauschenden Momente. Ich merkte aber schon bald, dass ich auch ohne Drogen bei guter Musik abheben konnte und ein klarer Kopf einer vernebelten Sichtweise immer vorzuziehen ist. So wurde (vielleicht wegen des negativen Erstkontakts mit Drogen als Kind in der Kirche?) Musik zu meinem Halluzinogen und Keith Jarrett und Miles Davis zu meinen Göttern.

Trotz alledem plagte mich noch jahrelang das latente Gefühl, zu hohen Kirchenfesten oder anderen feierlichen Anlässen zur Messe gehen zu müssen. Da hatte der Katechismusunterricht vor der Erstkommunion mit seinem rabiaten Eintrichtern der katholischen Lehre scheinbar ganze Arbeit geleistet. Obwohl ich das Trinitätsdogma als Kind nie verstehen konnte – da half auch die Metapher mit dem dreiblättrigen Kleeblatt nicht, es ergab für mich trotzdem keinen Sinn – wurde mir scheinbar doch erfolgreich eingeimpft, dass Jesus Christus auch Gott ist und somit die homöopathische Verabreichung seines Leibes als mystische Kommunion eine Bereicherung im irdischen Leben eines Menschen darstellt.

Heute weiss ich, dass Jesus ein jüdischer Wanderprediger war, der in Jerusalem durch seine Ankündigung des nahen Gottesreiches die römische Obrigkeit gegen sich aufbrachte und darum gekreuzigt wurde. Diese grausamen Hinrichtungen waren damals für Aufständische und Sklaven üblich und sollten potentielle Rebellen abschrecken. Die Apostel verfassten Ende des ersten bis Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts die Evangelien. Sie berichteten über das Leben und Wirken Jesu und erfanden die Geschichten vom Gesalbten (Messias), Erlöser und Sohn Gottes – immer darauf bedacht, die Prophezeiungen des alten Testaments erfüllen zu müssen. So wurden Jesus von Nazareth, der eigentlich ein frommer Jude war und nie die Absicht hatte, eine neue Religion zu gründen oder selbst verehrt zu werden, Worte in den Mund gelegt, die – nachdem ihn die Kirche zum Gott erhoben hatte, als Wort Gottes ausgelegt wurden. Und damit kommen wir wieder zu James Frazer und dem von ihm beschriebenen archaischen Wunsch gläubiger Menschen, vom Leib Gottes essen zu wollen, um an dessen Eigenschaften und Fähigkeiten teilnehmen zu können.

Ratha Yatra - Das indische Wagenfest
Kraft

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