Simon Pfeiffer

Göttliche Gebote aus dem Alten Testament

Als Theologiestudent liebte ich das Alte Testament. Nicht nur wegen den blutrünstigen und ziemlich actionhaltigen Geschichten, nicht nur wegen den Psalmen oder der Weisheitsbücher. Nein, das Tollste fand ich die Gesetzessammlungen von Exodus bis Deuteronomium. Besonders stark fand ich die Gebote und Vorschriften in ihrer hebräischen Originalfassung. Oder wer kann sich bei vollem Bewusstsein anmassen, ein göttliches Gebot wie „Loo Tirzách!"* zu übertreten?

Aber auch in der deutschen, deutlich schwächeren Form der damaligen Zürcher Übersetzung waren gewisse Verhaltensregeln, Opfer- und Reinheitsvorschriften durchaus eindrücklich.

Auch die Erklärung, dass alle diese Vorschriften niemals hätten aufgeschrieben werden müssen, wenn die Menschen sich daran gehalten hätten, leuchtete ein. So liessen sich strafrechtliche Gebote und Verbote als eine Art Abdruck einer Kriminalgeschichte der damaligen Zeit lesen. Auch bizarr scheinende Reinheitsgebote wurden sehr nachvollziehbar, wenn man sich vorstellte, wie das unter den damaligen hygienischen Bedingungen gerochen haben muss. Sehr imponiert haben mir die Anweisungen zum Schulderlassjahr und zum Jubeljahr. Dass nach spätestens 49 Jahren alle Schuldknechtschaft zu Ende sein sollte, scheint mir heute noch genial.


Vor allem die Form und der heilige Ernst der Anweisungen imponierten mir. Der Inhalt war für mich als Reformierten meist weniger relevant, da mit unseren kultischen Gepflogenheiten nicht deckungsgleich. Aber dieser heilige Ernst müsste doch in die heutige Zeit übertragbar sein!


So folgten Versuche der Übertragung, die sich in einem weissen Blatt am allgemein zugänglichen Kaffeeautomaten niederschlugen, das den Benutzern klar und deutlich den Tarif bekannt gab. Leider nicht göttliche Offenbarung, aber doch in heiligem Ernst: Kein verschmutztes Geschirr zurücklassen, die Milch wieder in den Kühlschrank stellen, Kaffebohnen auffüllen, etc. Das gebietende Blatt wurde gelesen und zur Kenntnis genommen – mit sehr flüchtigem Erfolg. Auch eine verschärfte Version mit einem Zusatz: „Gott tue dir dies und das, wenn…" tat keine Wirkung. Mitglied des Fachvereinsvorstandes zu sein war zwar eine Ehre, aber es bedeutete auch, dass man mindestens einmal pro Woche das schmutzige Geschirr abwusch. Von göttlicher Autorität keine Spur.

Mit dem Verzicht auf einen grossen Teil der göttlichen Anordnungen und Vorschriften des Alten Testaments haben sich die Christen reformierter Prägung selber ein Ei gelegt. Oft liegt es heute an den Pfarrern und Pfarrerinnen, Schmutziges abzuwaschen, Zerschlagenes zusammenzufügen, Geknicktes aufzurichten, Zerknittertes zu glätten und Bettlern ein Zehnernötli oder einen Lebensmittelgutschein in die Hand zu drücken.



*die Übersetzung ist schwach: du sollst nicht töten!

Dunkle Seite der Macht
Der Geist - und nicht die äussere Form

Ähnliche Beiträge

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4