Joe M.

Glaube - Aberglaube

Ob eine Tür, die auf der einen Seite mit „Eingang" und auf der anderen Seite mit „Ausgang" beschriftet ist, nun Eingangs- oder Ausgangstüre ist, hängt nur davon ab, auf welcher Seite der Betrachter steht. Eine Diskussion darüber, wer nun recht hat, führt bestimmt zu keinem Ergebnis, weil besagte Türe Eingang und Ausgang ist, beide Aussagen also richtig und falsch sind. Es ist somit eine Frage des Standpunktes jedes einzelnen, was er gerade sieht. Entscheidend ist nicht das Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch.

Ob eine Gottheit, die Moslems als Allah bezeichnen und Christen als Dreieinigen Gott, nun Allah oder Dreieiniger Gott ist, hängt auch nur davon ab, in welchem religiösen Umfeld der Gläubige aufgewachsen ist.Eine Diskussion darüber, wer recht hat, führt auch hier zu keinem Ergebnis, weil besagter Gott Christen- und Moslemgott ist, also der richtige und der falsche Gott zugleich. Auch hier eine Frage des Standpunktes und des Bewusstseins, was man als richtig oder falsch empfindet. Entscheidend ist wiederum nicht das Entweder-oder, sondern das Sowohl-als-auch.

Stellen wir uns die Frage, ob das Anbeten einer Gottheit nun Glaube oder Aberglaube ist, werden wir abermals keine eindeutige Antwort finden. Ein gläubiger Moslem wird das Verehren Allahs als Glaube und die mannigfaltigen Gottesbilder des Hinduismus als Aberglaube bezeichnen, ein frommer Christ glaubt an Jesus als Sohn Gottes und hält die Lehren Buddhas für Aberglauben. Man muss auch hier einsehen, dass wiederum der Standpunkt, in diesem Falle die kulturelle Prägung, ausschlaggebend ist und nicht das Entweder-oder. Religion ist sowohl Glaube als auch Aberglaube.

Dieses Spiel kann beliebig weiterführt werden. Ist nun die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi Glaube und der Regentanz des Schamanen Aberglaube? Obwohl beide Rituale eine Art Hokuspokus sind (der Begriff soll ja angeblich der Formel „Hoc est enim corpus meum" entstammen – die Menschen, die in der Kirche kein Latein verstanden, hörten nur so etwas wie „Hokuspokus"), werden wiederum kulturell geprägte Standpunkte bestimmen, was jeder einzelne davon hält. Das im eigenen Kulturkreis Alltägliche wird als Glaube, das Fremde oder Unpopuläre als Aberglaube empfunden. Letztendlich ist es aber ein und dasselbe und steht für Nichtwissen. Glaube ist menschliche Projektion und erklärt nichts über Ursache und Wirkung.

Das Erlernen abergläubischen Verhaltens wurde auch bei Tieren beobachtet. Der amerikanische Psychologe F. Skinner präparierte Vogelkäfige mit einer automatischen, jedoch unregelmässig getakteten Fütterungseinrichtung für eine Versuchsreihe mit Tauben. Die darin verharrenden Vögel warteten erstaunlicherweise nicht einfach bis zur nächsten Futterabgabe, sondern begannen Bewegungsrituale auszuführen. Sie neigten den Kopf, stolzierten herum oder pickten gegen einen Hebel ohne Funktion. Die Tauben wiederholten jene Bewegungsmuster, die sie grad kurz vor der letzten Fütterung ausgeführt hatten, weil sie diese speziellen Bewegungen mit Belohnung durch Körner verbanden. Sie repetierten ein bestimmtes Ritual umso häufiger, je öfter es zeitlich mit der Futterabgabe übereinstimmte. Dieser unbewusste Lernvorgang ist in der Verhaltensforschung als Konditionierung bekannt.

Kinder zeigen ein ähnliches Verhalten und sind besonders empfänglich für unbewusste Lernvorgänge. Bei einem Experiment mit 3-6 jährigen Kindern in einem Zimmer, wo eine Clownspuppe namens Bodo in zufälligen Zyklen eine Murmel ausspuckte, fingen die Kinder an, Grimassen zu schneiden, rieben die Nase der Puppe oder versuchten durch Anlächeln Bodos die Glaskugelabgabe zu beeinflussen. Die Kinder entwickelten ein ähnliches Verhalten wie die Tauben in der Skinner-Box.

Aber auch Erwachsene reagieren nicht viel anders. In entsprechenden Versuchen erfanden die Teilnehmer seltsame Rituale und verbanden Vorgänge miteinander, die in keinem ursächlichen Zusammenhang standen. Zeigte das eingebildete Ritual keine Wirkung, nahmen die Probanden interessanterweise an, es hätte etwas mit ihnen zu tun – also ihre Bewegungen seien nicht richtig oder zu wenig genau ausgeführt. Dabei fokussierten sie vor allem auf die Treffer und nicht auf die Misserfolge, was sie wiederum subjektiv glauben liess, die Rituale hätten einen positiven Einfluss auf das Geschehen. Wurde ihnen die Wahrheit offenbart, waren sie sehr überrascht und kaum davon zu überzeugen, dass es sich um reine Einbildung handelte. Sie kamen alleine nicht auf die Idee, dass ihre Manipulationen nur eine zufällige Übereinstimmung bewirkte und somit reiner Humbug war.

Menschen neigen dazu, bei einer Kette von Ereignissen Zusammenhänge zu sehen und diese abergläubischen Vorstellungen beizubehalten, ja sogar über die Zeit zu verstärken. Wenn es nach dem Regentanz des Schamanen tatsächlich regnet, ist dies der Beweis dafür, dass das Ritual wirkt. Wird die Person, für die gebetet wurde, wieder gesund, finden die Gläubigen die Bestätigung für die Hilfe Gottes. Dass der Kranke eh genesen wäre oder der Wetterumschwung sowieso stattgefunden hätte, wird ausser acht gelassen und interessiert niemanden, der glaubt. Bleibt das Ereignis aus wofür getanzt, getrommelt oder gebetet wurde, hatten die Götter bestimmt ihre guten Gründe, nicht zu helfen. Die Menschen versuchen sie deshalb mit Opfern gnädig zu stimmen – das heisst, Gaben werden dargeboten und die Rituale oder Gebete intensiviert, bis sich wieder ein Erfolg einstellt, welcher den Glauben/Aberglauben aufs neue bestätigt.

Uri Geller veranstaltete im Fernsehen wiederholt spektakuläre Shows, die seine angeblich magischen Kräfte unter Beweis stellen sollten. Dabei forderte er die Zuschauer auf, defekte Uhren in die Nähe des Fernsehapparates zu legen. Mithilfe seiner Gedankenkraft und unter Anleitung der Zuschauer, wie sie ihn mental unterstützen konnten, sollten die Uhren wieder zum Laufen gebracht werden. Falls irgendwo im Empfangsgebiet eine Uhr wieder zu ticken begann, sollten die Leute im Fernsehstudio anrufen und ihre Erlebnisse erzählen. Am Ende der Sendung meldeten sich jeweils über hundert Personen, die behaupteten, die Zeiger ihrer Uhren hätten sich wieder bewegt. 

Hatten Uri Gellers übernatürlichen Kräfte auf die Uhrwerke eingewirkt oder brachte der Glaube der Zuschauer die Uhren wieder zum Laufen? Mitnichten. Bei einigen Millionen Zuschauern vor den Fernsehgeräten holten vermutlich einige hunderttausend ihre alten Zeitmesser aus Schubladen, Kommoden oder Schränken hervor. Durch das Halten der vorwiegend alten, mechanischen Chronometer in warmen Händen und der Erschütterungen durch das Herumtragen, ist es nicht aussergewöhnlich, dass ein paar hundert Uhren und Wecker wieder zu ticken anfingen. Altes, vertrocknest Öl wurde durch die Erwärmung in den geheizten Wohnzimmern etwas dünnflüssiger, eine Feder gab durch die thermische Ausdehnung nochmals ein Quäntchen Kraft an die Unruh ab, bei einer entladenen Knopfzelle stieg die Spannung aufgrund der Temperaturschwankung um ein Zehntel Volt – und schon hatte man den Beweis für die mentale Kraft des Meisters. In all den Haushalten, wo sich keine der kaputten Uhren rührte (also bei der überwiegenden Mehrzahl), glaubten die Bewohner vermutlich eher, etwas falsch gemacht zu haben, als Uri Geller sei ein raffinierter Schwindler.

Kinder sind von Natur aus leichtgläubig. Werden sie geboren, wissen sie nichts und sind von Erwachsenen umgeben, die vergleichsweise allwissend sind. Diese werden ihnen erklären, dass über die Strasse rennen gefährlich oder ein Schlangenbiss tödlich sein kann. Es wäre für ein Kind schädlich oder lebensbedrohlich, wenn es sagen würde, danke für den Tipp, aber ich möchte das schon selbst ausprobieren. Kinder müssen also vertrauensselig sein, damit sie ihre Kindheit ohne grösseren Schaden überstehen. Daher glauben sie auch ganz fest an den Weihnachtsmann und andere Fantasiewesen. Wollte man ihnen diese Geschichten mit rationalen Erklärungen ausreden, würden sie eine ganze Menge Gegenargumente ins Feld führen, um ihren Glauben und die Allwissenheit der Eltern zu wahren. Feen, Einhörner und liebe Gespenster machen das Leben der Kinder ja auch spannend und phantasievoll – dagegen wirkt die Welt der Erwachsenen langweilig und öde. 

Trotzdem müssen Eltern dem Urvertrauen der Kinder gegenüber allen Erwachsenen auch Grenzen setzen – dann zum Beispiel, wenn sie lernen sollen, nicht mit Fremden mitzugehen und schon gar nicht, wenn diese sie mit Süssigkeiten locken. Hat ein Kind diese Warnung verinnerlicht, wird es hartnäckig daran festhalten. Das kindliche Verhalten ist also nicht reine Vertrauensseligkeit allein, sondern eine komplizierte Mischung aus Leichtgläubigkeit und ihrem Gegenteil, dem hartnäckigen Festhalten an einer einmal gewonnenen Überzeugung. Richard Dawkins bezeichnet in seinem Buch „Der entzauberte Regenbogen" Leichtgläubigkeit gefolgt von einer eigensinnigen Unbeugsamkeit als verheerenden Kombination, wenn sie im engen Korsett einer Ideologie missbraucht wird und verweist auf einen Spruch der alten Jesuiten: „Gib mir das Kind, dann gebe ich dir den Mann". Nun, die strikte Überwachung der Erziehung von Kindern funktionierte früher wie heute und wird in Systemen absoluter Autorität nach wie vor praktiziert.

Glaube und Aberglaube ist dasselbe und steht im Gegensatz zu Wissen und Sehen. Das Fundament von Religion, Esoterik, Schamanismus und Scharlatanerie ist Glauben und Vertrauen. Wissen und Sehen steht im Widerspruch dazu und wirkt deplaziert oder sogar überheblich. Glauben heisst immer subjektiv etwas für wahr halten und reicht vom Wahn bis zum fast sicheren Wissen. Hinter dem Glauben gegen jede Vernunft steckt aber auch eine grosse Kraft, die sogar heilend sein kann im Falle einer Erkrankung. Wer an seine Genesung glaubt, erleichtert den Heilungsprozess. Der Placeboeffekt bei Medikamenten ohne Wirkstoffe ist hinlänglich erforscht. Wenn jemand fest an das Mittel glaubt, dann wirkt es tatsächlich. Positive Glaubenssätze sind also wichtig und können uns in schwierigen Situationen helfen, das Leben leichter zu meistern und unsere Ziele besser zu erreichen. Dazu brauchen wir aber keine Götter, keine Heiligen und keine Scheinheiligen, keine selbsternannten Propheten, keine Erlöser und kein Jüngstes Gericht.

Streben nach Erfolg - Gift für eine christliche Id...
Im Benediktinerkloster

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